Samstag, 20. April 2019

Dynamische Preise Die Entdeckung des gläsernen Kunden

Digitale Preisfaktoren: Was bestimmt, wie viel wir zahlen
DPA

4. Teil: Auch die Deutschen fangen an zu experimentieren

Dennoch fangen auch in Deutschland immer mehr Unternehmen an, mit der neuen Preisfreiheit zu experimentieren - denn die Möglichkeiten sind enorm. "Wenn man das richtig angeht, kann man seine Gewinne durchaus zweistellig steigern", sagt Sjostedt.

So offeriert die Deutsche Bahn der besonders preissensiblen Zielgruppe der Fernbusnutzer schon heute besonders günstige Ticketkontingente. Oder passt in einigen Bahnhöfen sogar die Preise für Schließfächer bereits an die Nachfrage an.

Auch Amazon Börsen-Chart zeigen optimiert hierzulande seine Preise teils mehrmals pro Tag und passt sie an "verschiedene interne und externe Faktoren" an, wie das Unternehmen es wolkig formuliert.

Auch der Versandhändler Otto nutzt - als einer der wenigen offen - bereits die Möglichkeiten der neuen Technik. In einer Pilotstudie gelang es dem Versandhändler nach eigenen Angaben, die Verkäufe um 9 Prozent zu erhöhen. Der Gewinn kletterte um 5 Prozent. Nach diesen "extrem guten Ergebnissen" will Otto das Angebot nun auf weitere Bereiche ausweiten.

Zweistelliges Gewinnsteigerungen

Auch andere Unternehmen überlegen nach Angaben des Big-Data-Unternehmens aktuell, ihre Preisgestaltung dynamischer zu gestalten. Die Namen sind allerdings ein Geheimnis. "Mit dem Thema muss man in der Öffentlichkeit sehr vorsichtig umgehen," sagt Blue-Yonder-Sprecherin Dunja Riehemann . "Die Deutschen sind da sehr skeptisch."

Da neben Amazon nur wenige Unternehmen über das technische Know-How verfügen, um hier auf Augenhöhe mit dem Branchenprimus zu bleiben, entsteht gerade eine Dienstleistungsindustrie, die sich genau dies zur Aufgabe gemacht hat: Sie bietet Unternehmen Lösungen an, mit deren Hilfe sie ihre Preise mit der Konkurrenz vergleichen und stetig angesichts diverser Faktoren wie Lagerbestände oder zu erwartender Nachfrage anpassen können.

360pi, die Verfasser der Amazon-Preisstudie, aus Kanada gehören dazu, das israelische Startup Feedvisor aus Tel Aviv und Blue Yonder aus Karlsruhe oder Boomerang Commerce, des früheren Amazon-Managers Guru Hariharan.

Daran, dass sich das Thema durchsetzen wird - auch im stationären Bereich - haben Pricing-Experten keinen Zweifel. Digitale Preisschilder und so genannte Beacons, die über Bluetooth Kontakt mit dem Smartphone der Kunden aufnehmen können und über das die Händler den jeweiligen Kunden beispielsweise auf sie zugeschneiderte Rabatte anbieten können, machen es möglich.

Dass jeder ungeachtet seines sozialen Hintergrunds in den USA noch denselben Preis zahlt, hält Sjostedt mittlerweile für eine Illusion. Hier Unterschiede zu machen, sei zwar eigentlich verboten, sagt er. "Aber daran halten sich viele längst nicht mehr."

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