Die Krebsangst der Alkoholkonzerne Warum Alkohol der neue Tabak werden könnte

Raucher in einer Bar: Nach Tabak und Zucker stehen nun auch die Spirituosenkonzerne am Pranger

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Es war eine Warnung so gar nicht nach dem Geschmack der Spirituosenkonzerne. "Feierabendbier mit Folgen", schrieb beispielsweise "Focus online. "In Speiseröhre, Kehlkopf, Brust: Schon geringe Mengen Alkohol können Krebs auslösen". Und die "Ärztezeitung" titelte kurz und bündig "Alkohol verursacht Krebs."

Grund für die alamierende Berichterstattung war eines Studie aus Neuseeland, der zufolge Alkohol einmal mehr als Krebsursache identifiziert wurde. Und zwar nicht nur wie gemeinhin bekannt für Leberkrebs. Auch das Risiko an Haut-, Prostata-, Bauchspeicheldrüsen-, Speiseröhren-, Rachen-, Kehlkopf und Darmkrebs zu erkranken, steigt demnach durch den Konsum von Alkohol beträchtlich.

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Besonders bedenklich für die Spirituosenkonzerne: Schon geringe Mengen Alkohol  erhöhen den Forschern zufolge das Krebsrisiko.

Schlagzeilen, die in vielen Konzernzentralen für Aufregung gesorgt haben dürften, schließlich galt moderates Trinken lange sogar als gesundheitsförderlich. Geringe Mengen Rotwein, hieß es, schützten Herz und Gefäße.

Doch diese Regel scheint nun zu wanken. Angesichts neuer Forschungsergebnisse betonen immer mehr Staaten mittlerweile nur noch den Schaden, den Alkohol anrichten kann. Und nehmen Hinweise auf dessen förderliche Wirkung zurück - oder warnen sogar vor Alkoholkonsum allgemein.

Gesundheitsbehörden versuchten zu verbreiten "dass Alkohol Krebs verursacht", warnte kürzlich eine hohe Vertreterin der US-Alkohollobby. Alkohol drohe seinen Gesundheits-Nimbus zu verlieren. Diese Entwicklung dürfe nicht an Boden gewinnen, wetterte ein anderer Lobbyist.

"Es gibt kein sicheres Trinkniveau"

Alarmismus, der wenig überraschend ist. Befürchten die Konzern doch, dass nach Tabakkonzernen und der Snack- und Limonadenindustrie nun sie in den Fokus der Regulierer geraten könnten und ihre Produkte mit Warnhinweisen, zusätzlichen Steuern oder Mindestpreisen belegt werden könnten.

Bislang sind derartige Maßnahmen jedoch noch weit entfernt. Die letzte "Alkohol-Strategie" der Europäischen Union lief vor vier Jahren aus. Seitdem ist wenig geschehen. Und das, obwohl der Alkoholkonsum mit 10,7 Liter reinem Alkohol je EU-Bürger über 15 Jahren pro Jahr so hoch ist, wie nur in wenigen Teilen der Welt.

Doch in einzelnen Ländern tut sich etwas. So strich das US-Gesundheitsministerium kürzlich Hinweise auf einen potenziellen Nutzen von Alkohol aus seinen Richtlinien. Und auch Südkorea und Australien senkten laut einem Bericht des "Wall Street Journal"  kürzlich den für unbedenklich erachteten Schwellenwert.

Großbritannien ruderte bei den über 20 Jahre alten Aussagen zum Nutzen eines geringen Alkoholkonsums für das Herz ebenfalls zurück. Und warnt nun stattdessen deutlicher vor der damit verbundenen Krebsgefahre. "Ein sicheres Trink-Niveau gibt es nicht", verkündete die oberste Gesundheitsbeauftragte der Regierung, Sally Davies, im Fernsehen.

Schottlands Kampf gegen Billigschnaps

In Deutschland gilt indes nach wie vor ein Schwellenwert von 24 g Alkohol täglich pro Mann beziehungsweise 12 g für gesunde Frauen als "risikoarm". Das entspricht etwas mehr als einem halben Liter Bier beziehungsweise bei Frauen einem viertel Liter Bier - beziehungsweise einem viertel Liter oder einem achtel Liter Wein. Allerdings wird darauf hingewiesen, dass mindestens zwei Tage pro Woche alkoholfrei bleiben sollten.

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Die schottische Regierung geht sogar noch einen Schritt weiter. Sie will einen Mindestpreis für Alkoholika einführen, um Billigschnaps so deutlich teurer und unattraktiver zu machen. Ein Vorhaben, das in Großbritanien vor einigen Jahren bereits am Widerstand der Industrie scheiterte.

Auch in Schottland, wo der Pro-Kopf-Konsum noch einmal 20 Prozent höher liegt, ist unklar, ob das Gesetz tatsächlich in Kraft tritt. Eine Klage dagegen ist noch anhängig.

Sollte sich der Trend zu einem restriktiveren Gebrauch durchsetzen, könnte dies in jedem Fall teuer für die Konzern werden. Nämlich wenn sich dies auf Besteuerung, Öffnungszeiten oder Werbebeschränkungen niederschlägt, wie beispielsweise in Russland, wo nach eine Erhöhung der Alkoholsteuer der offizielle Absatz um 20 Prozent einbrach.

Einige Konzern scheinen jedenfalls, einem Absatzrückgang wie ich die Zigarettenindustrie erlebte, schon einmal vorbeugen zu wollen. Der Brauerei-Riese ABInbev jedenfalls kündigte kürzlich an, den Anteil alkoholfreien Bieres massiv steigern zu wollen. Ende 2025, so der Konzern, der rund 30 Prozent des weltweit verkauften Bieres produziert, soll jedes fünfte Bier alkoholfrei sein. 

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