Dienstag, 18. Juni 2019

Der Hidden Champion aus dem Supermarktregal Dieser Hamburger Mittelständler liefert Brot für die Welt

Torsten Wywiol: "Ohne Zusatzstoffe keine industriellen Lebensmittel"
Kathrin Spirk für manager magazin
Torsten Wywiol: "Ohne Zusatzstoffe keine industriellen Lebensmittel"

Das Hamburger Familienunternehmen bringt die Zusatzstoffe in die Lebensmittelindustrie.

Entrepreneur des Jahres
Der Weg zum Sieg
Das Verfahren
Aus knapp 60 Bewerbungen zum "Entrepreneur des Jahres 2016" wurden von EY 35 Finalisten ausgewählt. Eine unabhängige Jury kürte die Sieger in den vier Kategorien Start-up, Industrie, Dienstleistung/IT und Konsumgüter/Handel. Außerdem gibt es zwei Ehrenpreise für ein vorbildliches Familienunternehmen und einen Social Entrepreneur.
Die Jury
Patrick Adenauer (Bauwens GmbH), Ulrike Detmers (Mestemacher-Gruppe), Florian Nöll (Bundesverband Deutsche Startups), Christine Volkmann (Universität Wuppertal) und Manfred Wittenstein (Wittenstein AG).

"An der Alster" ist in Hamburg eine Adresse, an der viele gern residieren würden. Das schöne Eckhaus mit der Nummer 81 liegt neben dem feinen "Atlantic"-Hotel und bietet von den oberen Fluren einen herrlichen Blick auf die Außenalster, auf der an diesem spätsommerlichen Montagnachmittag die Segelboote kreuzen.

Doch der Hausherr, der sein Büro in der zweiten Etage hat, kann den schönen Anblick nur selten genießen. Er ist ständig unterwegs. Am Samstagabend erst kam er aus Russland zurück, am Dienstag fliegt er nach Indien, am Wochenende danach nach Mexiko, die Woche drauf nach Singapur.

Torsten Wywiol (50) ist Chef eines global operierenden Mittelständlers, der Stern-Wywiol Gruppe, die ihre Produkte in 136 Ländern verkauft. Über 80 Prozent des Umsatzes von geschätzten 470 Millionen Euro gehen in den Export.

Die Gruppe ist einer dieser Hidden Champions, deren Produkte die Regale vieler Supermarktketten füllen und die doch kaum einer kennt, weil sie im Verborgenen wirkt. Nur wer sich die Mühe macht, auf Lebensmitteln das Kleingedruckte zu lesen, stößt auf den Namen Stern-Wywiol. Die Firma stellt Enzyme her, Emulgatoren, Lecithine, Proteine, Vitamine und Aromen - Zusatzstoffe also.

Die Stern-Wywiol Gruppe ist einer der größten Ingredient-Spezialisten der Welt, das hanseatische Familienunternehmen trotzt auf einem hart umkämpften Markt selbst den US-Giganten DuPont und Cargill. Rund 1500 Zusatzstoffe haben die Hamburger im Angebot. Ihre Kunden sind Nahrungsmittelmultis wie Nestlé und Unilever, Mühlen und Brotfabriken, Wurst- und Fleischverarbeiter sowie Molkereien.

Der Aufstieg zum kleinen Multi, der die großen Multis beliefert, gelang in nur 36 Jahren. Angefangen hat alles 1980 mit der Ein-Mann-Bude von Volkmar Wywiol, dem heute 81-jährigen Vater von Torsten. Er hatte 25 Jahre lang bei Lucas Meyer, einem Ingredient-Spezialisten, gearbeitet, ehe er es noch einmal wissen wollte und sich selbstständig machte.

"Dort drüben im Finnlandhaus fing er an", sagt Torsten und zeigt über die Alster. Doch der Umzug ließ nicht lange auf sich warten. "Wir brauchen eine gute Adresse", habe der Vater schon früh erkannt. Und zog direkt an die Alster.

Aus der One-Man-Show wurde im Laufe der Jahre vor allem durch Zukäufe ein immer größeres Unternehmen. Er habe "die Leidenschaft" entwickelt, "kleine Firmen aufzukaufen, die mangels Management, Ideen oder Nachfolger keine Überlebenschance hatten", erzählt der Senior Volkmar Wywiol.

Heute besteht die Gruppe aus zwölf Gesellschaften, die nahezu das gesamte Spektrum an Zusatzstoffen für die Lebensmittel- und Tiernahrungsbranche abdecken. Sie operieren alle selbstständig als sogenannte Kompetenzcenter und werden durchweg von familienfremden Managern geführt. Die kleine Holding an der Alster erledigt nur die üblichen Dienstleistungen wie Finanzen, Controlling, IT und Marketing.

So unabhängig die zwölf Töchter in der Produktion sind, eines haben sie dennoch alle gemein: die Forschung und Entwicklung. In Ahrensburg nordöstlich von Hamburg leistet sich die Gruppe ein gigantisches und hochmodernes Technologiezentrum, in dem für alle angeschlossenen Unternehmen erforscht wird, welche neuen Stoffe sich wie anwenden lassen.

Auf 3000 Quadratmetern experimentieren dort Praktiker und Wissenschaftler an den Lebensmitteln der Zukunft. Mithilfe einer Pilotanlage für Pastaprodukte etwa, einem Backtechnikum, in dem nahezu jedes Gebäck der Welt nachgebacken werden kann, einem Aromenlabor und einem Feinkosttechnikum, in dem Mayonnaisen und Saucen analysiert und verbessert werden. Die Stern-Wywiol-Forscher backen ihre eigenen Brötchen, mischen ihre eigenen Joghurts und kochen ihre eigenen Süppchen.

Torsten Wywiol
Stern-Wywiol Gruppe
Der Entrepreneur
Torsten Wywiol studierte an der European Business School (EBS), machte aber schon vor dem Studium diverse Praktika im Ausland, unter anderem bei Melitta in Spanien. Nach dem Studium fing er beim Hamburger Tabakkonzern Reemtsma an und brachte es bis zum Product Manager für Davidoff. 2000 machte er sich selbstständig und stieg bei der Schokoladenfabrik Herza ein. 2008 wechselte Wywiol dann ins elterliche Unternehmen und bildete dort zwei Jahre lang mit seinem Vater Volkmar eine Doppelspitze. Seit 2010 ist er alleiniger CEO.
Das Unternehmen
Die Stern-Wywiol Gruppe wurde 1980 von Volkmar Wywiol in Hamburg gegründet. Sie beliefert Lebensmittelproduzenten mit sogenannten Ingredients, also Zusatzstoffen wie Aromen oder Emulgatoren. Die Gruppe mit zwölf Tochtergesellschaften gehört in diesem Geschäft inzwischen zu den globalen Playern. Für dieses Jahr wird ein Umsatz von rund 470 Millionen Euro erwartet. Über 80 Prozent davon werden im Ausland erzielt, exportiert wird in 136 Länder. In Ahrensburg nordöstlich von Hamburg leistet sich die Gruppe ein hochmodernes Technologiezentrum, wo 15 Prozent der gut 700 deutschen Mitarbeiter an neuen und verbesserten Zusatzstoffen sowie an Alternativen zu Fleischprodukten forschen.

Es ist ein enormer Aufwand, den sich das Unternehmen da leistet. 15 Prozent der gut 700 deutschen Mitarbeiter sind mittlerweile in der Forschung- und-Entwicklungsabteilung beschäftigt. "Dadurch sind wir weit vorn", sagt Torsten Wywiol mit Blick auf die Konkurrenz. Bei all den Experimenten und Neukreationen arbeitet das Unternehmen eng mit seinen Kunden rund um den Globus zusammen.

Und Torsten Wywiol drängt darauf, weiter zu internationalisieren. Er will endlich auch Märkte wie Russland ("Ich glaube an das Land") und Afrika ("Das ist der Markt der Zukunft") erobern. Nigeria etwa ist heute schon das zweitwichtigste Absatzgebiet der Firmengruppe.

Der mittelständische Multi profitiert von zwei globalen Trends: der Zunahme der Weltbevölkerung und dem Siegeszug der sogenannten Convenienceprodukte, die so ziemlich alle Ingredienzen benötigen. "Ohne Zusatzstoffe ist die industrielle Herstellung von gesunden Lebensmitteln zu wirtschaftlichen Preise nicht möglich", sagt Torsten Wywiol. Auch an der Entwicklung von Ersatzstoffen für Fleisch arbeitet er mit seinen Leuten längst.

Was das Wachstum angeht, ist Torsten Wywiol optimistisch. Um 8 bis 10 Prozent will er beim Umsatz jährlich zulegen, für das Jahr 2025 peilt er eine Milliarde Euro Erlös an.

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