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Logistik: Wie die Paketdienste versuchen, der Päckchenflut Herr zu werden

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Wenn der Paketbote nicht mehr klingelt Amazon und das Rätsel um verloren gegangene Päckchen

Bei Unsal Aci herrscht wieder einmal Hochbetrieb. In der Ecke des kleinen Schuhmacherladens im Hamburger Stadtteil Eppendorf stapeln sich die Pakete bis zur Tür. Gerade kommt ein Kunde herein, um eine Retoure abzugeben. Das Paket, von Aci routiniert eingescannt, landet auf einem weiteren Stapel hinter der Theke.

"Vor einer Weile war es noch voller hier", grinst Aci, der sich mit seinen Diensten für den Paktdienstleister Hermes ein kleines Zubrot verdient. "Aber jetzt haben in der Gegend wieder eine ganze Reihe weiterer Paketshops aufgemacht. Das nimmt etwas den Druck raus."

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Logistik: Wie die Paketdienste versuchen, der Päckchenflut Herr zu werden

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Druck ist ordentlich im Kessel. Alleine im den ersten drei Monaten des Jahres ließen sich die Bundesbürger Ware im Wert von mehr als 14,6 Milliarden Euro an die Haustüren oder in die Büros liefern, ein Plus von 10,6 Prozent gegenüber dem Vorjahr.

"Dauer-Weihnachten" an der Paketfront

Mittlerweile sei fast schon wieder das Level des Weihnachtsgeschäftes erreicht, heißt es in der Branche. Die traditionell umsatzstärkste Phase im Jahr, in der die Logistikkonzerne nicht selten Extraschichten fahren und zusätzliches Personal engagieren, scheint zum Dauerzustand zu werden.

Ein Abflauen der Paketflut ist nicht in Sicht. Schon jetzt übersteigt das Wachstum immer wieder die Erwartungen der Logistiker . Waren es lange vor allem Elektroartikel, Bücher und Klamotten, die sich die Leute vor die Wohnungstür haben liefern lassen, findet sich mittlerweile alles in den Paketen: Von Cremes, Putzmittel und Tierfutter bis hin zu Medikamenten, von Schmuck bis hin zu Möbeln - fast jede Produktsorte mit zweistelligen Wachstumsraten .

Doch die schöne, neue Onlineshoppingwelt stellt immer mehr Versender vor massive Probleme. Nicht nur, dass sich die Facebookseiten der Unternehmen immer mehr zu digitalen Prangern entwickeln, auf denen Kunden ihrem Ärger über verschwundene Päckchen oder unfähige Paketboten Luft machen.

Bashing in den Sozialen Netzen, Personalmangel auf der letzten Meile

Die Logistiker haben massive Probleme, überhaupt noch genug geeignete Mitarbeiter zu finden, die die Päckchen und Pakete ausliefern. Fahrer, insbesondere Berufskraftfahrer sind laut Bundesagentur für Arbeit Mangelware. Dabei bräuchte die Branche Schätzungen zufolge mindestens 100.000 neue Zusteller bis 2025.

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Amazons Drohnen-Flugplatz: Die Zukunft der Paketlieferung liegt in der Luft

Foto: United States Patent and Trademark Office

Doch zu wenige Qualifizierte wollen den Job heute noch machen, was neben der Belastung auch an der oft unattraktiven Bezahlung liegt. Und an dem Image, das die Logistiker - auch in den eigenen Reihen - haben. Nur 53 Prozent aller Logistikunternehmen sehen sich laut einer aktuellen Studie  selbst als attraktiven Arbeitgeber.

Die letzte Meile wird immer teurer

Personalmangel, dem die Post nun mit einem neuen Ausbildungsganz"zertifizierter Zusteller" begegnen will , in dem die Auszubildenden mit 2172 Euro im Monat starten und offenbar gleich voll arbeiten sollen. Ein Angebot, mit dem die Post vor allem auf Quereinsteiger abzielt.

In den vergangenen neun Jahren ist das Einkommen von Postboten der Regierung zufolge um rund 15,5 Prozent gesunken  - eine Entwicklung, die vor allem an dem Modell der Subunternehmer liegt, die für viele Logistiker die Auslieferung an den Endkunden vornehmen.

Liegt der Einstiegstariflohn für Postboten noch bei 2044 Euro im Monat, zahlen viele Subunternehmer ihren Mitarbeitern nur noch den Mindestlohn von 8,84 Euro pro Stunde. In Städten wie München oder Hamburg werden wegen der höheren Lebenshaltungskosten bisweilen zwischen 13 und 17 Euro gezahlt.

Das Endkundengeschäft wird zum Belastungsfaktor

Doch ausreichend qualifiziertes Personal lässt sich zu diesem Preis nicht unbedingt immer bekommen. Vor allem die Belieferung von Privatkunden, das sogenannte B2C-Geschäft, in dem in Deutschland DHL und Hermes führend sind, gestaltet sich in Ballungszentren oft mühsam. Schließlich müssen hier die Kunden - nicht selten in verstauten Straßen mit wenig Parkraum - einzeln angefahren werden. Wenn die Kunden dann nicht angetroffen werden, müssen die Paketboten unverrichteter Dinge wieder abziehen.

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StreetScooter: Die elektrische Post auf Rädern

Foto: Deutsche Post DHL / Lichtgut/Achim Zweygarth

Der Trend zu genaueren Lieferterminen und Zeitfenstern lässt hier zwar die Auslieferungsquote steigen. Allerdings lassen sich so die Wagen weniger gut auslasten - was die Logistiker Geld kostet. Denn es führt zu einer höheren Tourenzahl und damit wieder zu wachsender Verkehrsdichte führt , wie Experten des Fraunhofer-Instituts warnen.

Das von vielen Kunden mittlerweile erwartete Pakete-Tracking kostet im Aufbau und Unterhalt eine Menge Geld, weiß Logistikexperte Horst Manner-Romberg. "Tracking ist extrem teuer. Jetzt zahlen die deutschen Logistikdienstleister für den Fehler, dass sie sich diese Dienstleistung von Anfang an nicht haben bezahlen lassen."

Die Folge: Zwei Fünftel der gesamten Logistikkosten entfallen mittlerweile auf diese sogenannte "Letzte Meile", hat das Beratungsunternehmen Frost & Sullivan in einer kürzlich veröffentlichten Studie errechnet . Und die Kosten dürften weiter steigen.

Kosten, die nach den Worten des Logistik-Experten Manner-Romberg häufig nicht mehr von Einnahmen abgedeckt sind. Denn vor allem große Händler wie Amazon  oder Zalando können aufgrund ihrer Marktmacht immer bessere Konditionen für sich aushandeln. Allein Amazon zeichnet laut einer aktuellen Studie des Instituts für Handelsforschung in Köln (IFH) mittlerweile für 46 Prozent der gesamten Onlineumsätze  verantwortlich.

"Systemrelevante Kunden" wie Amazon zahlen nur noch sehr wenig Geld pro Sendung

So zahlen einige sogenannte systemrelevante Kunden nach Angeben von Logistik-Insidern teilweise nur noch 1,80 Euro pro Sendung. "Das ist wirtschaftlich nicht mehr darstellbar", so der Berater Manner-Romberg. Und doch ließen sich Logistikbetriebe darauf ein, weiß der Logistikexperte. "Zum einen, weil sie auf Skaleneffekte hoffen. Und zum anderen, weil sie wissen: wenn ich es nicht mache, dann macht es der nächste."

Wenig erstaunlich, dass in der Branche Wehklagen mittlerweile zum Tagesgeschäft gehört. "Unser gesamtes Geschäftsmodell steht unter Druck", klagte kürzlich Hermes-Deutschlandchef Frank Rausch "Wir brauchen mindestens 50 Cent mehr pro Paket."

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Logistik: Wie die Paketdienste versuchen, der Päckchenflut Herr zu werden

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Ein Szenario, für das sich auch dpd-Chef Boris Winkelmann erwärmen  könnte. Seine Idee: Der Paketdienst liefert standardmäßig an den Paketshop. Für die Lieferung an die Haustür werden 50 Cent extra fällig.

Wehklagen wegen Gratis-Versand-Mentalität

Selbst Post-Chef Frank Appel, der seit kurzem kommissarisch auch für die Paket-Sparte zuständig ist, stimmt in den Klagechor mit ein. In der Begeisterung über die Vorteile des E-Commerce sei "untergegangen "dass auch die Transporteure auskömmliche Margen brauchen", sagte er kürzlich in einemInterview mit der "FAS".  Natürlich profitiere die DHL vom Mengenwachstum, "aber die reinen Skalenvorteile gleichen die steigenden Kosten auf Dauer nicht mehr aus."

Die Rettung suchen die Logistiker nun in Imagefilmchen, in denen sie den Endkunden ihre Leistung verdeutlichen wollen. Und in Preiserhöhungen - zunächst für Geschäftskunden. Sowohl Hermes als auch DHL haben ihre Preise bereits erhöht.

Kunden sollen für Lieferung an die Haustür extra zahlen

Zudem will Hermes in der Hochsaison zum Jahresende von den Geschäftskunden eine Extra-Gebühr je Paket verlangen. Und setzt zudem auf Paketshops, zu denen Kunden ihre Sendungen direkt hinbestellen und abholen können. Bis 2020 soll deren Zahl um ein Drittel auf dann 20.000 steigen.

Marktführer DHL, der nach eigenen Anhaben mehr als 45 Prozent Marktanteil im gesamten Paketgeschäft hat, ist da schon deutlich weiter, bietet Kunden ein ganzes Portfolio an Lieferoptionen, die die Kosten für die letzte Meile senken sollen: von der Lieferung an den Wunschnachbarn, einen vorbestimmten Ort wie die Terasse, einen Paketkasten oder eine Packstation.

Zudem experimentiert der ehemalige Staatskonzern eifrig mit immer neuen Lieferoptionen wie der mit Drohnen oder dem Deponieren der Fracht in den eigenen Kofferraum.

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Amazons Drohnen-Flugplatz: Die Zukunft der Paketlieferung liegt in der Luft

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Vor allem für die überlasteten Innenstädte ist die wirtschaftlich und ökologisch nachhaltige Ideallösung aber noch immer nicht gefunden.

Unsal Aci und seine Kollegen von der Konkurrenz werden wohl bis auf weiteres eine Menge zu tun haben. Und auf Facebook und Twitter wird der Strom der Beschwerden nicht abschwellen.

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