Mittwoch, 8. April 2020

Medikamenten-Nachschub "Politik muss Anreize für Wirkstoff-Produktion in Deutschland schaffen"

Logistikzentrum: Es wird am Anschlag gearbeitet
Christine Vincon/vor-ort-foto.de
Logistikzentrum: Es wird am Anschlag gearbeitet

Peter Schreiner ist Chef des Pharma-Großhändlers Gehe in Stuttgart, einer Tochter des US-Konzerns McKesson. Das Unternehmen ist die Nummer Drei der Branche in Deutschland, nach der Mannheimer Firma Phoenix, die zur Merckle-Gruppe gehört, und der Genossenschaft Noweda.

manager magazin: Herr Schreiner, der Pharma-Grosshandel muss die Versorgung von gut 19.000 Apotheken in Deutschland sicherstellen. Die Corona-Krise hat die Bestellungen bei allen Grossisten auf Rekord-Niveau getrieben. Wie bewerkstelligen Sie die Herausforderung?

Peter Schreiner
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    Peter Schreiner ist Chef des Pharma-Großhändlers Gehe in Stuttgart

Peter Schreiner: Ja, es stimmt, die Bestellvolumen unserer Apothekenkunden haben einen historischen Höchststand erreicht. Bei der Bewältigung der gegenwärtigen Krisensituation kommt den Apotheken und dem vollversorgenden pharmazeutischen Großhandel eine Schlüsselrolle bei der Arzneimitteldistribution zu. GEHE hat im Februar eine funktionsübergreifende task force gebildet, die seither sämtliche Aktivitäten von der Auftragsbearbeitung bis zum Schutz unserer Mitarbeiter koordiniert.

Der Pharma-Grosshandel arbeitet offensichtlich an der Kapazitätsgrenze. Einzelne Wettbewerber arbeiten in drei Schichten. Wie ist Situation bei Gehe?

Unsere 2300 Kolleginnen und Kollegen in 18 Niederlassungen deutschlandweit zeigen einen bemerkenswerten Einsatz. Sie gehen wirklich die Extrameile. Stand heute - und darüber bin ich sehr froh - wurde bei uns noch niemand positiv auf das Virus getestet. Wahr ist aber auch: So, wie das Virus die Gesellschaft vor Herausforderung stellt, so herrscht auch bei uns eine besondere Situation: Historisch hohes Bestellvolumen kombiniert mit einer herausfordernden Personalsituation, z. B. durch Kita- und Schulschließungen, verlangt von unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern enorm viel Kraft, Flexibilität und oft auch kreative Lösungen. Kurz gesagt: Wir arbeiten am Anschlag, sind aber auch aktuell der gewohnt verlässliche Partner für die Apotheken und ihre Patienten.

Die Rekord-Nachfrage rührt zum Teil von Hamsterkäufen. Welche Apotheken-Produkte sind besonders betroffen?

Die Apotheker und Ihre Teams verhalten sich generell in dieser Krisensituation sehr rational und bestellen das, was von den Patienten nachgefragt wird. Vereinzelt kommt es zu höheren Bestellmengen bei einzelnen Produkten. Das fangen wir jedoch durch unsere IT-Systeme ab und kürzen entsprechend. Denn unser oberstes Ziel ist es, dass bundesweit alle Patienten ihre Arzneimittel erhalten, wann und wo sie sie benötigen.

Gibt es regionale Unterschiede in Deutschland bei der Medikamenten-Nachfrage?

Die gibt es immer, so ist beispielsweise der Pro-Kopf-Umsatz bei nicht-verschreibungspflichtigen Produkten in den alten Bundesländern höher als in den neuen Bundesländern.

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Welche Mittel sind derzeit besonders gefragt?

Das wird Sie nicht überraschen: Seit der medialen Präsenz des Coronavirus ist die Nachfrage nach Atemschutzmasken und Desinfektionsmitteln sprunghaft angestiegen. Die Bestellungen von Atemschutzmasken haben sich verzehnfacht. Auch wenn wir unsere Bestände aufgestockt haben, übersteigt die Nachfrage der Apotheken aktuell das Angebot bei Weitem. Daher sind wir in dieser Produktgruppe zum jetzigen Zeitpunkt - wenn überhaupt - nur sehr sporadisch lieferfähig. Wir sind fortwährend mit einer Vielzahl von Herstellern in engem Kontakt, um bei Verfügbarkeit seitens der Hersteller die Bestellungen der Apotheken bedienen zu können. In den letzten Tagen gab es auch eine verstärkte Nachfrage nach Paracetamol.

Nicht nur Paracetamol dürfte ein Problem sein. Bei welchen weiteren Medikamenten könnte es eng werden?

Die Versorgung mit Arzneimitteln ist in Deutschland weiterhin gewährleistet und funktioniert auch in dieser besonderen Situation bislang sehr gut. Engpässe sind die Ausnahme. Die pharmazeutischen Hersteller bestätigen uns darüber hinaus, dass die Lager gut gefüllt sind und die Belieferung in den nächsten Monaten gesichert ist.

Beobachten Sie mögliche Engpässe auf Seiten der Pharmaindustrie?

Die pharmazeutische Wertschöpfungskette vom Hersteller über den Großhandel bis hin zur Apotheke arbeitet unter Volllast, funktioniert aber weiterhin sehr effizient. Wie bereits erwähnt, stellen wir im Bereich Atemschutz und Desinfektionsmittel Engpässe fest. Die Menschen in Deutschland müssen sich aber keine Sorgen machen, dass sie in Kürze vor leeren Regalen in der Apotheke stehen.

Wie ist die Lage bei Ihren europäischen Schwestergesellschaften im McKesson-Konzern, zu dem Gehe gehört?

Wir stehen mit unseren Schwestergesellschaften in Europa in regelmäßigem, engem Kontakt. Besonders relevant ist dabei der Austausch mit unseren italienischen Kollegen. Zweifelsohne ist die Lage dort besonders angespannt.

Was lernen Sie von den Kollegen in Italien?

Wir tauschen länderübergreifend Pandemiepläne aus, besprechen die Wirksamkeit ergriffener Maßnahmen und analysieren gemeinsam aktuelle Trends.

Haben Sie Forderungen an die Politik?

Auch die Entscheidungsträger in der Politik stehen unter Dauerstress. Für uns ist es wichtig, dass uns die Politik der Situation entsprechende Handlungsspielraum einräumt. Die zuständigen Ministerien und Gesundheitsämter müssen schnell und pragmatisch Entscheidungen treffen und kommunizieren. Sollten weitere einschneidende Maßnahmen erforderlich sein, um die Ausbreitung des Virus zu verlangsamen, muss gewährleistet sein, dass wir unsere 18 Niederlassungen, in denen wir mehr als 100.000 verschiedene Arzneimittel und apothekenübliche Produkte lagern, weiterhin uneingeschränkt betreiben können. Nur so können wir die Apotheken - und damit letztlich die Patienten - auch in dieser angespannten Situation mit zum Teil lebensnotwendigen Arzneimitteln versorgen.

Haben Sie Anlass zu solcher Sorge?

Die Situation ist für alle im Gesundheitswesen herausfordernd. Dennoch bin ich mit Blick auf die Arzneimittelversorgung nicht besorgt. Bei GEHE sind wir wachsam und tun alles, um eine möglichst störungsfreie Belieferung der Apotheken zu gewährleisten.

Welche Lehren lassen sich schon jetzt aus der Corona-Krise ziehen?

Über die aktuelle Corona-Krise hinaus wünsche ich mir zwei Dinge von der Politik: Einerseits, dass sie bei zukünftigen politischen Entscheidungen die existenzielle Rolle des vollversorgenden pharmazeutischen Großhandels berücksichtigt. Andererseits, dass sie Anreize schafft, Arzneimittel, Medizinprodukte und Wirkstoffe wieder vermehrt in der europäischen Union zu produzieren, um die Abhängigkeit vom außereuropäischen Ausland zu reduzieren.

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