Mittwoch, 8. April 2020

Online-Händler boomt und nimmt nur noch bestimmte Waren an Warum Amazon als Gewinner der Corona-Krise hervorgehen könnte 

Logistikzentrum von Amazon in Großbritannien: Klotzen, nicht kleckern

Boom inmitten der Krise: Während Autobauer, Geschäfte, Restaurants und Reiseveranstalter Kurzarbeit einführen, ihren Betrieb einstellen und nach Staatshilfe rufen, um die Corona-Krise wirtschaftlich zu überstehen, kann sich der Onlinehändler Amazon aktuell vor Bestellungen kaum retten.

Ähnlich wie in von Hamsterkäufen betroffenen Supermärkten sind auch bei Amazon mittlerweile einzelne Produkte oder Marken nicht lieferbar, wie Amazon am Montag in einem Blogeintrag einräumte. Und auch bei Lieferungen kommt es aktuell teilweise zu Verzögerungen.

Um sich verstärkt auf die aktuell besonders stark nachgefragten Artikel zu konzentrieren, kündigte Amazon seinen Marktplatzpartnern am Dienstag an, künftig nur noch bestimmte, aktuell stark nachgefragte Produkte in seinen Warenhäusern anzunehmen.

Nur noch bestimmte Produkte werden in den Warenhäusern angenommen

Nach Einschätzung von Nils Zündorf von der Amazon-Agentur factor-a ist das ein sehr cleverer Schachzug. "Amazon ist sich der Brisanz der Lage bewusst und konzentriert sich auf die wichtigsten Artikel wie beispielsweise Konsumgüter und Medizinprodukte." Zudem habe der Onlinehändler die Warenhäuser in den vergangenen Wochen angesichts der sich abzeichnenden Lieferprobleme bereits aufgefüllt.

Für Amazon ist die Coronakrise eine Chance, seine ohnehin dominierende Marktposition als Plattform noch weiter zu vergrößern. Diese Chance ist der Onlinehändler offenbar entschlossen zu ergreifen - und will, um der massiven Nachfrage gerecht zu werden, kurzfristig rund 100.000 neue Jobs schaffen.

Nach Einschätzung von Handelsexperte und Geschäftsführer des IFH Köln Kai Hudetz dürfte sich die Corona-Krise für Amazon Börsen-Chart zeigen als Katalysator erweisen, der der Plattform noch mehr Marktanteil verschafft.

Schon jetzt entfallen Hudetz zufolge zwei Drittel des Wachstums im Onlinebereich auf den Amazon Marketplace, die Plattform also, über die Dritthändler bei Amazon verkaufen. Eine Quote, die sich angesichts der Krise noch erhöhen könnte. Denn Amazon spielen gleich eine Vielzahl von Faktoren in die Hände.

Kunden suchen in Krisenzeiten Zuverlässigkeit und Sicherheit

Zum einen sein Ruf als kundenfreundliche, schneller und zuverlässiger Lieferant. Ein Image, zu dem auch der Aufbau seines eigenen Logistikdienstes einen beträchtlichen Teil beigetragen haben dürfte. "Da hat Amazon einfach enorm gute Karten - und die spielen sie jetzt aus" , sagt Hudetz.

Hinzu kommen dürfte, dass in Krisensituation, in der viele Käufer erfahrungsgemäß erst einmal mit größeren Anschaffungen vorsichtig sind, vornehmlich sogenannte "Suchprodukte", wie Hudetz sie nennt, gut laufen. Konkrete Bedarfsgegenstände die man geliefert haben möchte - während sogenanntes "Inspirationsshopping" von höherpreisigen Modeartikeln aktuell weniger verbreitet sei, glaubt Hudetz.

Zalando leidet - Amazon boomt

So hat die Modehandelsplattform Zalando aktuell mit Problemen zu kämpfen, wie eine Sprecherin gegenüber manager magazin einräumte. "Seit den Einschränkungen des öffentlichen Lebens stellen wir negative Auswirkungen in Form von geringerer Nachfrage in den betroffenen Gebieten fest", erklärte sie.

Und auch sein Unterhaltungsangebot dürfte sich für den Amazon angesichts der Krise als wertvoller Asset erweisen, der weitere Nutzer in die Prime-Mitgliedschaft treiben dürfte, ist Hudetz überzeugt. Ein weitere Pluspunkt, der Amazon gegenüber anderen Plattformen wie beispielsweise Otto Vorteile verschaffen könnte.

Betrieb in Logistikzentren läuft weiter auf Hochtouren

Amazon jedenfalls scheint entschlossen, die Chance zu ergreifen - und seinen Ruf als zuverlässiger Lieferant - auch im Lebensmittelbereich - weiter zu festigen. Ob das unter den künftigen regulatorischen Bedingungen auch weiter möglich sein wird, bleibt abzuwarten.

Bislang scheint der Onlinehändler zu allem entschlossen. Obwohl es offenbar mehrere Coronafälle unter Mitarbeitern in Italien und Spanien gab, läuft der Betrieb in den von den Infektionen betroffenen Logistikzentren weiter. Amazon hat viel zu gewinnen - aber auch zu verlieren.

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