Branche fürchtet Pleiten Einzelhandel warnt vor Folgen des Lockdowns

Der geplante Lockdown in ganz Deutschland trifft wirtschaftlich vor allem den Einzelhandel, der einen Teil des wichtigen Weihnachtsgeschäftes in Gefahr sieht. Aus der Branche kommen drastische Warnungen.
Geöffnete Geschäfte in Münster: Der Teil-Lockdown seit November kostet die innerstädtischen Einzelhändler bis zu 16,9 Milliarden Euro

Geöffnete Geschäfte in Münster: Der Teil-Lockdown seit November kostet die innerstädtischen Einzelhändler bis zu 16,9 Milliarden Euro

Foto: Rüdiger Wölk / imago images/Rüdiger Wölk

Vielen Einzelhändlern in Deutschland droht angesichts des neuen Lockdowns dem Branchenverband HDE zufolge ohne staatliche Hilfen das Aus. Die Ladenschließungen abseits des Lebensmittelhandels "werden viele Unternehmen ohne entsprechende Staatshilfen nicht überstehen", sagt HDE-Hauptgeschäftsführer Stefan Genth. Die bisher vorgesehenen Gelder reichen bei weitem nicht aus, um eine Pleitewelle in den Innenstädten zu verhindern.

Der Handelsverband Nord hat sich im Falle verschärfter Einschränkungen wegen der Corona-Pandemie klar gegen eine komplette Schließung von Teilen des Einzelhandels ausgesprochen. "Wenn wir über einen harten Lockdown sprechen, bedeutet das allein für Hamburg Umsatzausfälle von geschätzt 27 Millionen Euro pro Tag", sagte Brigitte Nolte, Geschäftsführerin des Handelsverbands Nord. Dies seien allein die Umsätze des stationären Non-Food-Einzelhandels. "Diese Umsatzeinbußen müssten dem Handel dann ebenfalls im Rahmen der Novemberhilfe kompensiert werden", sagte sie der Deutschen Presse-Agentur.

Aus Sicht des Einzelhandelsverbands gibt es auch gar keine Notwendigkeit für einen harten Lockdown in den Geschäften. Vom Einkaufen gehe keine Infektionsgefahr aus, sagte Nolte. "Das konnten wir ja jetzt monatelang unter Beweis stellen." Bei den Beschäftigten gebe es keine besondere Infektionslage, was ein Indikator dafür wäre, dass sich Menschen im Einzelhandel anstecken. "Da ist überhaupt nichts auffällig." Die Hygienekonzepte seien leistungsfähig. "Die Menschen halten sich an die Hygienevorgaben, und das lässt sich auch sehr gut nachvollziehen und nachweisen", sagte Nolte.

In einem Brief an Kanzleramtsminister Helge Braun (48) hatte in der vergangenen Woche bereits der Präsident des Handelsverbandes Deutschland (HDE), Josef Sanktjohanser (70), gewarnt, selbst wenn nach Weihnachten der gesamte Nicht-Lebensmittelhandel geschlossen werde, könne mit höchster Wahrscheinlichkeit der angestrebte Inzidenzwert von 50 bis zum 11. Januar nicht erreicht werden.

"Wir befürchten damit in einen perspektivlosen Zustand mit einem wochen- oder monatelangen Lockdown zu geraten, den der überwiegende Teil des innerstädtischen Einzelhandels nicht überleben wird", warnte der HDE-Präsident. Deshalb müsse schon jetzt klargestellt werden, dass ein möglicher Jahresend-Lockdown nicht verlängert werde.

Pro Schließungstag fehlen 800 Millionen Euro Umsatz

Sanktjohanser zielt damit auf Überlegungen ab, den Non-Food-Handel schon ab dem 21. Dezember zu schließen. "Eine solche politische Entscheidung hätte nicht nur fatale wirtschaftliche Folgen für unsere Branche, sondern würde auch einen Kundenansturm bis hin zu Panikkäufen auslösen." Das sei mit Blick auf die in der Pandemie gebotene Entzerrung der Kundenströme völlig kontraproduktiv.

Sanktjohanser betonte, der Handel sei kein Infektionshotspot. Dies bewiesen schon die unterdurchschnittlichen Infektionen bei den Mitarbeitern. Die erwogene Schließung eines großen Teils des Einzelhandels sei deshalb nicht verhältnismäßig, zumal jeder Schließungstag allein im Nicht-Lebensmittelhandel Umsatzausfälle von 800 Millionen Euro verursachen werde.

"Es wäre zwingend, dass die von einem möglichen Lockdown betroffenen Unternehmen für den gesamten Zeitraum der Schließung umfassend entschädigt werden", verlangte der HDE-Präsident. Für Dezember müsse der direkt betroffene Einzelhandel zu 70 beziehungsweise 75 Prozent seines Umsatzausfalls entschädigt werden. Das gleiche müsse für die Schließungstage im Januar gelten. Ein Sonderopfer im Vergleich zu anderen Branchen sei nicht nachvollziehbar.

Der Teil-Lockdown seit November kostet einer Studie zufolge die innerstädtischen Einzelhändler bis zu 16,9 Milliarden Euro. Hintergrund sei, dass deutlich weniger Menschen in die Innenstädte gefahren seien als vor Jahresfrist, heißt es laut Vorabbericht der "Funke Mediengruppe" in der Untersuchung des Instituts der Deutschen Wirtschaft (IW). Im November sei die Frequenz um 44 Prozent gesunken, im Dezember sogar um 49 Prozent. "Sollte der Einzelhandel zeitnah schließen müssen, ist der wirtschaftliche Schaden im Dezember noch mal größer", sagte IW-Experte Christian Rusche. Der Gewinner der Entwicklung sei insbesondere Amazon.

Thüringen und Sachsen bereiten Handels-Schließung vor

Die Landesregierungen von Sachsen und Thüringen haben bereits beschlossen, viele Geschäfte und Dienstleistungsbetriebe ab dem 19. Dezember zu schließen. Ausgenommen davon sind Lebensmittelläden, Weihnachtsbaumverkaufsstellen, Apotheken und Friseure. Die Regelung gilt vorbehaltlich der Entscheidungen der nächsten Runde der Ministerpräsidenten mit der Bundesregierung am kommenden Sonntag. Für noch geöffnete Läden sollen die Hygieneauflagen strenger kontrolliert werden.

Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (62) hat für den Fall eines harten Lockdowns höhere Corona-Hilfen in Aussicht gestellt. Der CDU-Politiker machte am Freitag in einer Videoschalte mit Sachsens Wirtschaftsminister Martin Dulig (SPD) deutlich, es gehe etwa darum, bei den Überbrückungshilfen ab Januar den Förderhöchstbetrag zu erhöhen. Dazu sei er in Gesprächen mit Finanzminister Olaf Scholz (SPD).

Bei den Überbrückungshilfen ab Januar war bereits vereinbart worden, Firmen stärker zu helfen, die bisher keinen Zugang zu den November- und Dezemberhilfen hätten - das zielt vor allem auf den Einzelhandel. Die Überbrückungshilfen sollen auch Firmen bekommen, die im Vergleich zum jeweiligen Vorjahresmonat einen Umsatzeinbruch von mindestens 40 Prozent erlitten haben. Bei den Überbrückungshilfen ist die Schwelle generell höher. Dulig deutete an, dass diese Maßnahme verlängert werden und auch für den Januar gelten könnte.

Für die Einzelhändler in Thüringen wäre eine Schließung der Geschäfte ab dem 19. Dezember nach Einschätzung ihres Branchenverbandes ein harter Schlag. Thüringens Landesgeschäftsführer des Handelsverbandes, Knut Bernsen, sagte am Freitag auf Anfrage, in Teilen des Einzelhandels entfalle bis zu einem Drittel des Jahresumsatzes auf das Weihnachtsgeschäft. "Und die Hauptumsätze im Dezember werden eine Woche vor Weihnachten und in den Tagen danach gemacht."

cr, cs/dpa-afx, Reuters
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