Geduld des Handels am Ende Klagewelle gegen Lockdown rollt

Ob Baumärkte, Modeketten oder Elektronikmärkte - der im Lockdown ums Überleben kämpfende Einzelhandel tritt eine Klagewelle gegen die Zwangsschließung los. Das Ziel: Wiedereröffnung am 8. März.
Des Wartens überdrüssig: Der Einzelhandel in Deutschland will eine Öffnung seiner Geschäfte ab dem 8. März mit einer Klagewelle erzwingen

Des Wartens überdrüssig: Der Einzelhandel in Deutschland will eine Öffnung seiner Geschäfte ab dem 8. März mit einer Klagewelle erzwingen

Foto: dpa Picture-Alliance / Alessandra Schellnegger / picture alliance / SZ Photo

Egal ob Media-Markt-Saturn, Obi oder der Modehändler Breuninger: Bei immer mehr Einzelhändlern in Deutschland reißt nach Monaten des Lockdowns der Geduldsfaden. Die Folge: Auf die deutschen Gerichte rollt derzeit eine Klagewelle zu, mit der die Elektronikhändler, Baumärkte und Modegeschäfte ein Ende der Ladenschließungen zur Eindämmung der Coronavirus-Pandemie erzwingen wollen.

Beispiel Media-Markt-Saturn: Deutschlands größter Elektronikhändler hat beim Oberverwaltungsgericht Münster einen Eilantrag auf Aufhebung der Betriebsschließungen in Nordrhein-Westfalen gestellt. Anträge in weiteren Bundesländern sollen folgen. "Die bereits seit mehr als zwei Monaten bestehenden Betriebsschließungen in Deutschland sind unverhältnismäßig. Der Einzelhandel war nachweislich nie ein Infektionshotspot", begründete Deutschland-Chef Florian Gietl den Schritt.

Auch die Baumarktkette Obi, sowie die Textilketten Peek & Cloppenburg (Düsseldorf) und Breuninger ziehen vor Gericht. "Wir haben Klagen vor den Verwaltungsgerichtshöfen in Baden-Württemberg, in Hessen, in Nordrhein-Westfalen, in Thüringen und Sachsen eingereicht - überall dort, wo wir Häuser haben. Ziel ist die sofortige Aussetzung der Lockdown-Maßnahmen, weil sie nicht verhältnismäßig sind und eine Ungleichbehandlung gegenüber dem Lebensmittelhandel bedeuten", sagte ein Breuninger-Sprecher. Alternativ fordere das Unternehmen Entschädigungen. "Denn jeder Tag, an dem unsere Stores geschlossen sind, kostet richtig Geld."

Kaufhaus-Betreiber Breuninger klagt gleich in mehreren Bundesländern

Zwar musste Breuninger vor dem Verwaltungsgerichtshof in Mannheim bereits eine erste Niederlage hinnehmen. Doch entmutigt das den Händler nicht: "Das Gericht hat signalisiert, dass der Ausgang des Hauptverfahrens offen ist. Wir sind optimistisch, dort doch noch recht zu bekommen", sagte der Unternehmenssprecher.

Der Einkaufsverbund Unitex unterstützt nicht nur in Bayern und Rheinland-Pfalz Eilanträge zweier Händler auf Wiedereröffnung ihrer Geschäfte. Er bereitet parallel zusammen mit der Rechtsanwaltskanzlei Nieding + Barth eine Sammelklage Hunderter Einzelhändler auf Schadensersatz vor. "Weit über 300 Händler beteiligen sich daran", berichtete Unitex-Marketingchef Xaver Albrecht. Es gebe auch bereits die Zusage eines Prozesskostenfinanzierers, der eine Million Euro für die nächsten juristischen Schritte zur Verfügung stellen wolle.

Aus Wettbewerbern werden gemeinsame Streiter

Es ist unübersehbar: Der Handel rückt im Kampf gegen den Lockdown enger zusammen. Das spürte auch das schwäbische Modehaus Riani, das vor dem Verwaltungsgerichtshof Mannheim auf Gleichstellung mit den Friseuren klagt und seine Geschäfte zum 1. März öffnen will. Der von Riani gestarteten Kampagne #HandelnfuerdenHandel haben sich mittlerweile mehr als 170 Einzelhändler und Modehersteller angeschlossen. Darunter bekannte Namen wie Gerry Weber, Marc Cain, Ludwig Beck und der Hemdenhersteller Olymp.

Mona Buckenmaier aus der Riani-Geschäftsführung sagte: "Wir brauchen Alternativen, wie man die Bevölkerung schützen kann und trotzdem öffentliches Leben möglich ist. Was die Bundesregierung hier bisher geliefert hat, ist sehr dürftig." In Österreich seien die Geschäfte bei weit höheren Inzidenzzahlen wieder geöffnet worden, ohne dass ein exponentielles Wachstum der Infektionen eingetreten sei.

Die neue Einigkeit im Handel wird aber auch an anderer Stelle sichtbar. Handelsketten, Shoppingcenter-Betreiber und Modemacher forderten am Mittwoch gemeinsam eine zeitnahe Öffnungsperspektive für den Handel. Der Eigentümer des größten deutschen Schuhhändlers Deichmann, Heinrich Deichmann (58), warnte, immer mehr Einzelhändler kämen in eine bedrohliche Lage. Es bestehe "die akute Gefahr, dass viele Menschen in der Branche in den nächsten Monaten ihren Arbeitsplatz verlieren und dass Ladenschließungen zur Verödung von urbanen Räumen führen". Der stationäre Handel brauche "zeitnah alternative Öffnungskonzepte".

Alexander Otto (53), Chef des Shoppingcenter-Betreibers ECE, sagte im Interview mit manager magazin: "Hier wird eine Branche unnötig geopfert." Fast 90 Prozent seiner Mieter hätten im vergangenen Jahr Verluste geschrieben. Der Einzelhandel müsse endlich wieder öffnen dürfen: "Sonst stehen wir vor einem Totalschaden. Denn der Branche fehlen nicht nur die Umsätze, jeder weitere Tag kostet Millionen an bereits gekaufter Ware, die nicht mehr veräußert werden kann und abgeschrieben werden muss. Das scheint die Politik nicht zu verstehen. Hier wird eine Branche unnötig geopfert."

Der Geschäftsführer der größten deutschen Buchhandelskette Thalia, Michael Busch, warnte vor den langfristigen Folgen der durch den Lockdown gerissenen Finanzlöcher. "Mit jedem Tag Lockdown geht dem Handel die Innovationsfähigkeit für die Zukunft verloren."

Und der Chef des Bekleidungsherstellers S.Oliver, Claus-Dietrich Lahrs, drängte darauf, eine Balance zwischen Gesundheitsschutz und Wirtschaftsinteressen herzustellen. "Wir müssen lernen, mit der Pandemie zu leben." Die Zeit dränge, sagte er. "Wir gehen fest von einer Wiederöffnung am 8. März aus. Wir brauchen diese verbindliche Öffnungsperspektive." Andernfalls führe kein Weg an tief greifenden Restrukturierungen vorbei. "Bei uns geht es dann unmittelbar um viele Arbeitsplätze und um unsere Flächen in den Innenstädten", warnte er.

rei/dpa-afx