Zu wenig Schiffe, explodierende Frachtkosten Megastau auf Weltmeeren dürfte noch lange dauern

Exportboom in China, Corona-Comeback in den USA und anderswo: Der Aufschwung der Weltwirtschaft überfordert die Frachtschifffahrt. Weltweit stauen sich Schiffe, Transportkosten erreichen Rekordniveau. Entspannung ist nicht in Sicht.
Containerschiffe vor San Francisco: Die Frachtschifffahrt kommt mit dem Aufschwung des Welthandels nicht mit

Containerschiffe vor San Francisco: Die Frachtschifffahrt kommt mit dem Aufschwung des Welthandels nicht mit

Foto: JUSTIN SULLIVAN / Getty Images via AFP

Der weltweite Güterverkehr arbeitet seit Monaten an seiner Belastungsgrenze – und nach Ansicht von Experten wird sich daran auch so schnell nicht viel ändern. Er rechne damit, dass die Situation noch das gesamte Jahr 2021 bis weit in das Jahr 2022 angespannt bleibe, sagte Dirk Baldeweg, Geschäftsführer des Containerunternehmens Buss Capital Invest in Hamburg, dem manager magazin. Der globale Transportstau werde sich bis zum chinesischen Neujahrsfest im Februar 2022 nicht auflösen, sagte auch Bob Biesterfeld, Chef des weltgrößten Frachtmaklers C.H. Robinson Worldwide, der Nachrichtenagentur Bloomberg .

Es ist eine Mixtur verschiedener Ursachen, die zum Ausnahmezustand im globalen Transportwesen geführt hat: Die Weltwirtschaft erholt sich von der Pandemie, in China brummt der Exportmotor, in den USA ist die nationale Konsumlust wieder erwacht. Der Aufschwung verursacht eine enorme Nachfrage nach Transportkapazität. Gleichzeitig sind eben diese Kapazitäten wegen der Schifffahrtskrise in den vergangenen Jahren nur moderat gewachsen, für den gestiegenen Bedarf reichen sie kaum aus.

Hinzu kommen nach wie vor die Auswirkungen der Corona-Krise, die immer wieder für Unterbrechungen in den Lieferketten sorgen. Im Mai schlossen chinesische Behörden wegen eines Corona-Ausbruchs für einige Wochen einen der wichtigsten Häfen des Landes nahe der Industriemetropole Shenzhen. Die Folge war eine Störung des globalen Schiffsverkehrs, die sich stärker auswirken dürfte als die Blockade des Suezkanals durch den Containerriesen "Ever Given".

Zu Dutzenden dümpeln Containerschiffe seit Monaten vor wichtigen Häfen rund um den Globus, weil sie auf Abfertigung warten. Viele Crews warten zudem Corona-bedingt seit Wochen auf Ablösung – ein Zustand wie im Krisenjahr 2020. Frachtraum, so scheint es, ist zur Zeit eines der wertvollsten Assets in der Weltwirtschaft.

Frachtpreise steigen rasant

Das lässt sich auch an der Preisentwicklung ablesen: Kostete der Transport eines 40-Fuß-Standard-Containers von China nach Europa noch vor einem Jahr weniger als 2000 Dollar, so sind es gegenwärtig mehr als 13.000 US-Dollar, berichtet Buss-Capital-Geschäftsführer Baldeweg. "Das ist allerdings lediglich der Preis auf dem sogenannten Spotmarkt, wo spontane Kontrakte geschlossen werden", sagt der Marktkenner. "Wer über langfristige Transportverträge verfügt, ist von diesem starken Preisanstieg gegenwärtig noch nicht unbedingt betroffen."

Ähnlich rasant ging es mit den Charterpreisen für ganze Containerschiffe aufwärts. Baldeweg berichtet von einem Frachter mit 5000 Stellplätzen für Standardcontainer (TEU), der jüngst für drei Monate zu einer Charterrate von 300.000 US-Dollar pro Tag vermietet worden sei. "Die Charterraten sind seit jeher ziemlich volatil, aber das ist ein absoluter Rekordwert", sagt Baldeweg. "Die knappe Verfügbarkeit von Schiffen ist zurzeit eindeutig der Knackpunkt im Welthandel."

So sieht es auch C.H. Robinson-CEO Biesterfeld. Die weltweite Lieferkette leide unter einem "dramatischen Mangel an Kapazitäten" bei Schiffen, aber auch bei Lastwagen, Zügen, Containern und Lagerarbeitern, sagte er Bloomberg . Es gebe buchstäblich keinen einzigen Bereich, der nicht in irgendeiner Weise unter Fehlallokation oder ähnlichem leide.

Technik- und Elektronikbranche am stärksten betroffen

In der deutschen Wirtschaft machen sich diese Engpässe bereits vielerorts bemerkbar. Einer Umfrage des Bundesverbands Materialwirtschaft, Einkauf und Logistik (BME) unter 166 Unternehmen bereiten die Verzögerungen aufgrund der Hafenschließung in China vor allem der Technik- und Elektronikbranche Probleme. Insgesamt klagen laut Juli-Umfrage des ifo-Instituts fast 64 Prozent der Industriebetriebe über Engpässe bei Vorprodukten wie Computerchips. Das strahlt mittlerweile auch auf andere Branchen aus: So beklagen sich 60 Prozent der Groß- und mehr als 42 Prozent der Einzelhändler über Schwierigkeiten.

Immerhin: Unternehmen mit einer entsprechenden Größe können zu Lösungen greifen wie sie die US-Baumarktkette Home Depot jüngst wählte. Deren Management wollte nicht länger tatenlos zusehen, wie sich die Regale in den Märkten leerten, während zugleich der Nachschub ausblieb. Home Depot charterte deshalb eigens ein Containerschiff. "Wir haben ein Schiff, dass nur uns gehört und zu 100 Prozent Home Depot dient", verkündete Firmenchef Ted Decker stolz im US-Sender CNBC .

Leere Regale wird es aufgrund der Krise im weltweiten Gütertransport hierzulande nach Ansicht von Buss-Capital-Chef Baldeweg allerdings kaum geben. "Die Unternehmen können ihre Prioritäten ändern und vor allem Waren befördern, bei denen es sich trotz der hohen Transportkosten auch lohnt", erläutert er. "Andere Fracht wird dann womöglich auf anderen Wegen transportiert werden müssen."

Spätestens Ende 2022 sollte es dem Fachmann zufolge wieder zu einer Entspannung auf den Weltmeeren kommen. "Es wurden eine Menge Schiffe bestellt", sagt er. "Viele davon sollten bis dahin im Einsatz sein und helfen, das Kapazitätsproblem zu lösen."

cr