Cannabis-Produzenten in der Krise High-Flyer auf Turkey

Arbeiten in einer Plantage von Canopy Growth im kanadischen Smiths Falls

Arbeiten in einer Plantage von Canopy Growth im kanadischen Smiths Falls

Foto: Chris Wattie/ REUTERS

Als der Lockdown kurz bevorstand, ließ die Reaktion nicht lange auf sich warten. Scharenweise pilgerten Menschen zu Coffeeshops in vielen Städten der Niederlande, in Kanada und einigen US-Städten, um sich für die Zeit der Isolation noch einmal mit Cannabis einzudecken. Von quer über die Straße geparkten, in Hast verlassenen Autos berichteten niederländische Zeitungen. Die kalifornische Cannabis-Kette Harborside vermeldete ein Viertel mehr Umsatz. Der Cannabis-Onlinehändler Jane Technologies sogar von ein Verkaufsplus von bis zu 130 Prozent. Corona, so schien es damals, könnte sich für die Branche zum Verkaufsbooster entwickeln. 

Eitel Sonnenschein also an der Cannabisfront? Nein, alles andere als das. Die einst gehypte Branche hat mit massiven Problemen zu kämpfen, die einige Unternehmen womöglich nicht überleben werden. Und der von Coronavirus-Ausgangssperren befeuerte Boom wird an den fundamentalen Problemen nicht viel ändern, die Lage für einige womöglich noch erschweren.

Allerdings könnte der einstige Hype, dem mittlerweile ein tiefer Fall folgte, auch sein Gutes haben. Und möglicherweise einigen Konzernen das Überleben ermöglichen.

Als Paul Steckler seinen Job als Europachef des Cannabiskonzerns Canopy Growth im August vergangenen Jahres antrat, war die Welt noch weitgehend in Ordnung. Zwar war Gründer und Ex-Chef Bruce Linton, der in Hype-Zeitenmit Geld und Superlativen nur so um sich geworfen hatte, vom neuen Großaktionär Constellation Brands aus dem Unternehmen gedrängt worden. Aber ansonsten war die Cannabis-Welt - zumindest nach außen hin - noch intakt.

Canopy Growth war weiter auf Wachstumskurs - wenn auch nicht so auf Speed wie unter dem megalomanischen Gründer Bruce Linton, für den es nur höher, schneller, weiter gab. Doch es ging voran - mit der Öffnung von Cannabis-Läden der hauseigenen Kette Tokyo Smoke. Und auch für Zukäufe, wie etwa für den Sporternährungshersteller BioSteel war noch Geld da.

Verantwortet das Europageschäft von Canopy Growth: Ex-Pfizer-Manager Paul Steckler

Verantwortet das Europageschäft von Canopy Growth: Ex-Pfizer-Manager Paul Steckler

Foto: Canopy Growth Corporation

Mittlerweile hat die Wirklichkeit die einstige Nummer eins eingeholt. Statt massenhaft Geld für Zukäufe auszugeben, herrscht in dem Cannabiskonzern mittlerweile ein Spardiktat. Gleich mehrmals innerhalb weniger Wochen gab Canopy Growth Stellenstreichungen bekannt, machte Produktionsorte dicht und fuhr sogar eine der Hoffnungssegmente der Branche zurück, das Geschäft mit Essens- und Getränkezusätzen. Knapp 800 Beschäftigte haben ihren Job bei dem einst rasant wachsenden Betrieb mittlerweile verloren. Canopy Growth ist Beobachtern zufolge damit von Platz eins der größten Anbauer zurückgefallen.

"Wir müssen unsere Cash-Verbrennungsrate reduzieren, uns fokussieren", fasst Steckler die Herausforderungen zusammen, der sich die einst klare Nummer eins auf dem Markt nun entgegensieht. Und nicht nur die. Die ganze Branche kämpft mit teils hausgemachten Problemen, die die einstigen Börsenüberflieger schon vor dem Ausbruch der Krise kräftig ausgebremst haben.

"Der Boom ist bislang ausgeblieben"

Die Branche, die Investoren einst mit fantastischen Versprechungen zu teils absurden Milliardenbewertungen in den Cannabismarkt lockte, ist weit hinter ihren Erwartungen zurückgeblieben. Die erhoffte breite Legalisierung blieb aus. Zwar ist mittlerweile in 33 US-Staaten der medizinische und in elf Staaten auch der Freizeitgebrauch von Marihuana erlaubt. Doch die Verkäufe bewegen sich lange nicht in den erwarteten Dimensionen. Was auch daran lag, dass die Zahl der Outlets nicht entsprechend wuchs.

Marihuana-Pflanzen in einem kanadischen Gewächshaus

Marihuana-Pflanzen in einem kanadischen Gewächshaus

Foto: Blair Gable/ REUTERS

Und auch der erwartete Boom mit THC-Getränken und Lebensmitteln fiel bislang deutlich kleiner aus als von vielen erwartet. Besonders große Hersteller zögerten, zum einen wegen des uneinheitlichen legalen Umfelds. Zum anderen aus Angst mit dem teils zweifelhaften Image, das Cannabis-Produkte bei vielen noch immer haben, konservativere Kundschaft zu vergraulen.

"Jeder hat sich auf den Boom vorbereitet", so Steckler. "Viele in der Industrie haben zu viel produziert, zu große Fertigungen aufgebaut, überdimensionierte Versorgungsketten aufgesetzt." Doch dann fiel die Nachfrage doch geringer aus, als erwartet, so Steckler. "Der Boom ist noch nicht eingetreten."

Branche sitzt auf Vorräten für fast zwei Jahre

Nun sind die Lager voll - wertvolles Kapital gebunden. Allein in Kanada stapelten sich Cannabis-Vorräte für mehr als 22 Monate in den Lagern, sagt der Cannabis-Analyst Gordon Brown, der für das New Yorker Analysehaus glj-research den Markt beobachtet. "Und das ist verderbliche Ware." Um den Warenwert nicht abschreiben zu müssen, senkten viele Unternehmen die Preise.

Was folgtem war ein beispielloser Absturz der einst gehypter Cannabisaktien mit Milliardenbewertung - um 30, 50, und teils sogar um mehr als 70 Prozent seit Jahresbeginn. Bei Aurora Cannabis fiel der Einbruch sogar so massiv aus, dass sich das Unternehmen zu einem ungewöhnlichen Schritt gezwungen sah: Es konsolidierte seine Aktien, indem es je zwölf Papiere zu einem zusammenlegte. Das geschah, um wegen des Preises der Einzelaktien im Penny-Bereichs an der NYSE nicht ausgelistet zu werden.

Milliardenverluste - und jetzt versiegt auch noch der Geldfluss

Probleme, mit denen sich auch Canopy Growth konfrontiert sieht. In Erwartung einer breiten Legalisierung - auch jenseits des medizinischen Gebrauchs - im sogenannten Freizeitmarkt hatte das Unternehmen riesige Kapazitäten aufgebaut. Eine Situation wieim Januas 2018, als der US-Bundesstaat Kalifornien Marihuna für jedermann erlaubte, aber bald nicht mehr ausreichend Stoff da war, sollte verhindert werden.

Nun hat der neue Chef David, ehemalige CFO von Canopy-Growth-Großinvestor Constellation Brands, alle Hände voll zu tun, das Geld zusammenzuhalten - und unrentable Auswüchse zu kappen.

Cannabis-Laden in Montreal

Cannabis-Laden in Montreal

Foto: Ryan Remiorz/The Canadian Press via AP

Denn wie die anderen Großen im Geschäft verbrennt auch Canopy weiter massenhaft Geld.  Alleine in den ersten drei Quartalen des laufenden Geschäftsjahres machten die Kanadier, an denen der Spirituosenhersteller Constellation Brands mittlerweile mit mehr als 38 Prozent beteiligt ist, 1,8 Milliarden kanadische Dollar (umgerechnet 1,2 Milliarden Dollar) Verlust. Im vierten Quartal kamen noch einmal 1,3 Milliarden kanadische Dollar (rund 860 Millionen Euro) dazu.

Beim Konkurrenten Aurora belief sich das Minus allein in dem im Dezember abgelaufenen zweiten Quartal auf 1,3 Milliarden kanadische Dollar (rund 855 Millionen Euro). Bei Tilray fiel das Minus mit 184 Millionen Dollar deutlich niedriger aus - allerdings auch sechs Mal so hoch wie im Vorjahr. "Keiner der großen Konzerne ist profitabel", fasst Cannabis-Analyst Gordon Brown die Situation zusammen. "Die Kosten liegen deutlich über den Erträgen - und jetzt senkt die Krise auch noch die Nachfrage."

Danach sieht es aktuell tatsächlich aus. Denn auch wenn die Nachfrage nach Cannabis angesichts der anstehenden Lockdowns vielerorts zunächst einmal angezogen hatte und einige US-Staaten Cannabis-Shops auch während der Krise offen ließen. In vielen andere Staaten sind die Outlets geschlossen oder waren es zeitweise, was die Umsätze nach dem zeitweisen Run wieder merklich sinken ließ.

Hinzu kommen die wirtschaftlichen Auswirkungen der Krise. So ist in den USA die Arbeitslosenquote zuletzt auf mehr als 13 Prozent hochgeschnellt, was nach Einschätzung von Analysten wie Brown die Kundschaft wieder auf den illegalen Markt treiben dürfte. Der ist zum einen immer offen - außerdem lagen die Preise hier in der Vergangenheit in der Regel noch deutlich niedriger als in den offiziellen Kanälen.

Vor allem aber dürfte es für die geldverbrennenden Cannabis-Konzerne nun merklich schwieriger werden, sich neues Geld zu besorgen. "Und das brauchen sie, um ihren Laden am Laufen zu halten", so Brown.

Hoffnung Europa

Stabilität und nachhaltiges Wachstum verspricht sich der ehemalige Pfizer-Manager Steckler hier vom Europa-Geschäft - wo Canopy Growth dank vergangener Zukäufen breit aufgestellt ist, das allerdings mit nach eigenen Angaben zuletzt rund 15 Prozent bislang auch nur einen kleinen Teil des weltweiten Umsatzes ausmacht. Neben der Cannabis-Sparte des Oberpfälzer Arzneimittelherstellers Bionorica und dem Tuttlinger Verdampfer-Hersteller Storz & Bickel haben die Kanadier hier auch die britischen Kosmetikmarke This Works im Portfolio.

Gewächshaus für medizinisches Cannabis des kanadischen Konzerns Tilray im portugiesischen Cantanhede

Gewächshaus für medizinisches Cannabis des kanadischen Konzerns Tilray im portugiesischen Cantanhede

Foto: AFP/Getty Images

Die größte Hoffnung Stecklers dürfte aber das Geschäft mit medizinischem Cannabis darstellen, in dem insbesondere Deutschland eine große Rolle spielt, weil hierzulande die Kassen Versicherten bislang als einzige in Europa großflächig ärztlich verordnetes Medizinalcannabis erstatten. Ausgehend von Deutschland, das laut dem Analysehaus Prohibition Partners rund drei Viertel des europäischen Marktes ausmacht, will Canopy Growth sein Geschäft auch in den anderen Ländern ausbauen. Und sucht deshalb die Zusammenarbeit mit Gesundheitsbehörden und anderen staatlichen Stellen.

Der Vorteil: Das medizinische Geschäft ist trotz höherer Qualitätsanforderungen an den Stoff nach Einschätzung von Beobachtern deutlich profitabler als das sogenannte "Leisure"-Geschäft. Und weniger krisenanfällig.

So gab es auch hier Corona-bedingt einige Einschränkungen, weil wegen fehlender Schutzausrüstung einige Apotheker die bei Cannabis-Präparaten gängige Abfüllung vor Ort zeitweise nicht hygienisch hätten gewährleisten konnten, heißt es beim Branchenverband Cannabiswirtschaft. Und womöglich könnte auch das Wachstum bei den Verschreibungen sich angesichts der gesunkenen Zahl von Arztbesuche verlangsamt haben.  Doch langfristig dürfte auch in Europa der Absatz steigen, hofft Steckler. Auf rund ein Prozent der Bevölkerung schätzt er den Anteil derer, die von Medizinalcannabis profitieren könnten. "Das sind Hunderttausende Menschen", so der sehr um Seriosität bemühte Pharmamanager.

Und warum Deutschland hier wichtig ist

Bis es soweit ist, dürften allerdings noch einige der einstigen Highflyer auf der Strecke bleiben, glauben Experten wie Analyst Gordon Johnson, der gleich mehrere Unternehmen auf Kursziel null gesetzt hat. Und auch Canopy-Growth-Gründer Bruce Linton ist überzeugt, dass noch so einige der einst so gehypten Unternehmen den Weg in die Profitabilität nicht schaffen werden und davor Bankrott gehen werden.

Medizinisches Cannabis für deutsche Patienten

Medizinisches Cannabis für deutsche Patienten

Foto: Swen Pförtner/dpa

Canopy Growth jedenfalls ist entschlossen durchzuhalten. Und dass er es schaffen könnte, hat er in gewisser Weise der Megalomanie von Gründer Linton zu verdanken - war er es doch, der Constellation Brands in den Konzern geholt hatte, die 2018 für rund 18 Prozent vier Milliarden Dollar zahlten.

Damals schwärmte Constellation-CEO Rob Sands von den enormen Wachstumsmöglichkeiten des Marktes und den Chancen Canopys als Marktführer.

Heute klingen die Erwartungen seitens des neuen Constellation-Chefs Bill Newland deutlich verhaltener - man sei immer noch davon überzeugt, dass die langfristigen Möglichkeiten des sich entwickelnden Marktes substanziell seien, hieß es zuletzt - als Constellation Zukaufs-Optionen gezogen und seine Beteiligung an Canopy für rund 174 Millionen Dollar auf nun 38,6 Prozent aufgestockt hatte.

Mit einem Kapitalpuffer von rund 2,2 Milliarden kanadischen Dollar (knapp 1,5 Milliarden Euro) und einem Ankeraktionär wie Constellation, der bereits enorme Summen investiert hat und seinen Anteil theoretisch über bestehende Optionen noch auf über 55 Prozent aufstocken könnte, hofft Canopy Growth nun, sich über die Krise zu retten - bis zum rettenden Boom.

Dass der in Kürze zu erwarten ist, daran scheint angesichts der Probleme in den USA und im Rest der Welt aktuell kaum einer mehr zu glauben. Auch nicht Canopy-Growth-CEO David Klein.

Das ursprünglich für 2022 angestrebte Ziel, vor Steuern schwarze Zahlen zu schreiben, hat Canopy jedenfalls vor wenigen Tagen aufgegeben.

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