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Blue Bottle Coffee: Kaffee-Kunst mit Tech-Millionen

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Blue Bottle Coffee Der Starbucks-Schreck

Im Silicon Valley gilt Blue Bottle schon lange als das "Apple" der Kaffeewelt. Jetzt setzt die mit Tech-Millionen gepimpte Kaffeehauskette zum Angriff auf den Rest der Welt an.

Hamburg - Die Ankündigung ist freundlich-jovial gehalten, wie in Tech-Kreisen üblich. Starbucks-Chef Howard Schultz dürfte sie dennoch das Blut in den Adern gefrieren lassen. "Liebe Freunde", schreibt da die Kaffeehauskette Blue Bottle in ihrem Blog. "Wir freuen uns, ankündigen zu können, dass wir dabei sind, den Kauf sowohl von Tonx, dem Marktführer auf dem Gebiet digitaler Kaffee-Abos, als auch des gefeierten Rösters und Ladens Handsome in Los Angeles verkünden zu können."

Was Blue Bottle da in wenigen Zeilen ankündigt, könnte der Beginn einer Kaffee-Revolution sein, wie sie mit Starbucks Ende der 80er in Seattle begann. Der Siegeszug einer "dritten Generation" von Kaffeehausketten, die sich auf die Wurzeln der Kaffee-Kultur besinnt, statt "Venti Cinnamon Dolce Latte", "Tall Iced Hazelnut Macchiato" oder "Iced White Chocolate Mocha" zu verkaufen.

Ein Coffee-Shop, der den Geschmack der frisch gerösteten Bohnen in den Vordergrund stellt - ohne Wifi und tiefe Sessel - aber dafür mit Kaffee in einer für viele ungekannten Qualität.

An der Westküste gilt Blue Bottle Coffee, deren Namen eine Hommage an das legendäre Kaffeehaus "Zur blauen Flasche" in Wien ist, schon lange als das "Apple" der Kaffeewelt. Hier, schreibt "Fortune", werde der Ferrari des Kaffees gebraut. Sei Blue Bottle eine 1955 Alfa Romeo Giulietta, gehe Starbucks gerade einmal als "altes Honda-Akkord-Modell" durch.

Der Coup von James Freeman - frisch aufgebrüht im Glaskolben

Die Kaffeekette, 2002 von dem freiberuflichen Klarinettisten und Kaffee-Aficionado James Freeman in Oakland gegründet, zelebriert sich bewusst als Gegenentwurf zu Starbucks - und zur gesamten aktuellen US-amerikanischen Kaffeekultur.

Aufmerksamkeit heischende Leuchtreklame gibt es nicht. Die hat Blue Bottle auch nicht nötig. Der Hype ist so groß, dass sich auch so regelmäßig Schlangen bilden. Und auch so mancher Tech-Investor schlürft seinen Kaffee offenbar in den stylischen hellen Räumen der Kaffeehauskette.

Gläserne Glaskolben statt Pappbecher

Statt Kunden wie bei Starbucks am Fließband per mit Vornamen beschrifteten Pappbechern abzufertigen, wird bei Blue Bottle Kaffee zelebriert. Zum Beispiel äthiopischer Yirgacheffe Koke, brasilianischer Fazenda Sertaozinho oder guatemaltekischer Huehuetenango Chichimes. Dieser wird kredenzt wie equisiter Wein, die Geschmacksnoten einzeln herausgestellt und wie im Labor in riesigen gläsernen Glaskolben frisch aufgebrüht.

Von den Anfängen, als der Kaffee-Nerd Freeman mit einem Wägelchen selbst gerösteten, frisch aufgebrühten Bohnenkaffee auf dem Markt von Oakland verkaufte, ist das Unternehmen inzwischen weit entfernt - dank mehrerer zweistelliger Millioneninvestments von Wagniskapitalgebern, die auf das nächste große Ding - diesmal im Handelssegment - hoffen.

Verkauf von Tassen und Filtern im Internet

Mehr als 46 Millionen Dollar hat das Unternehmen in insgesamt drei Finanzierungsrunden bereits eingesammelt. Mit im Boot sind Finanziers wie Twitter-Gründer Evan Williams, Istagram-Mitgründer Kevin Systrom oder Google-Ventures-Partner Kevin Rose.

Und deren Geschäftssinn hat bereits Spuren hinterlassen. So hat Blue Bottle, wie Starbucks, längst nicht nur Kaffee im Angebot, sondern verkauft übers Internet auch Kaffee-Filter, Kannen, Tassen, Taschen, Malbücher und sogar einen Schlafanzug mit Blue Bottle-Logo - für stattliche 150 Dollar.

Seit neuestem vertreibt die Kette über ausgewählte Läden sogar in Tetrapacks verpackten Eiskaffee. Bio versteht sich. Und das bald landesweit.

Mit der Übernahme des Onlineversenders Tonx und des Rösters Handsome könnte der kommerzielle Siegeszug sich weiter beschleunigen. Zwar betreibt Blue Bottle aktuell gerade einmal 14 Kaffees im Bay Area und in New York City. Doch die Expansion - und der geplante globale Siegeszug - ist auch dank der Tech-Millionen - bereits in vollem Gange.

Neben dem Ausbau des Kaffeeversandes, in dem Tonx über ein ausgeklügeltes Abo-Modell schon über jede Menge Erfahrungen verfügt, nimmt Freeman jetzt auch den internationalen Markt ins Visier.

Erste Filialen in Tokio

Noch in diesem Jahr soll ein erster Blue-Bottle-Laden in Tokio öffnen. Zwei weitere in den In-Stadtteilen Roppongi and Shibuya sind geplant.  Was danach kommt, und ob auch eine Expansion nach Europa angedacht ist, dazu hält man sich bei Blue Bottle noch bedeckt. Doch Blue Bottle-Chef Freeman hat noch viel vor. "Wir sind alle ehrgeizig, Großartiges in Sachen Kaffee zu machen", erklärte er nach der Übernahme.

Starbucks-Chef Howard Schultz ist indessen, wie es scheint, schon weitergezogen, hat den Blick auf neue Geschäftsfelder geworfen, abseits vom Kaffee. Er will seinen Gästen in einigen US-Städten künftig abends kleine Speisen servieren und auch Wein und Bier ausschenken.

Ob sie für den Espresso danach weiter ziehen oder ihn bei Starbucks bestellen, dürfte da eher zur Nebensache werden.

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