Inflation bei Lebensmitteln "Der Bio-Markt erlebt gerade den schlimmsten Einbruch seit 35 Jahren"

Jahrelang boomte das Geschäft mit Bio-Lebensmitteln. Doch die Zeit der Rekorde ist vorbei, die Umsätze brechen ein. Dabei steigen die Preise relativ gesehen weniger stark als bei konventionellen Produkten.
Inflation: Die enorm gestiegenen Kosten für Energie, Verpackungen, Transport und Miete treiben die Preise für Lebensmittel in die Höhe.

Inflation: Die enorm gestiegenen Kosten für Energie, Verpackungen, Transport und Miete treiben die Preise für Lebensmittel in die Höhe.

Foto: Julian Stratenschulte/ DPA

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Götz Rehn (72) ist einer der Großen für Bio-Lebensmittel in Deutschland. Als Gründer und bis heute Chef der Marke Alnatura führt er knapp 150 eigene Märkte und beliefert mehr als 13.000 Filialen seiner Partner. Die Kette selbst hat im zu Ende September abgelaufenen Geschäftsjahr zwar nur 2,5 Prozent weniger umgesetzt als im Vorjahr, rund 1,1 Milliarden Euro waren es. Aber der Blick auf seine Branche erfüllt Rehn mit Schrecken. "Der Bio-Markt erlebt gerade den schlimmsten Einbruch seit 35 Jahren", hat er schon vor einigen Wochen gewarnt.

So ist es. Jahrelang gingen die Umsatzkurven für Biolebensmittel nach oben – bis zum Höhepunkt in der Pandemie. Die Menschen blieben mehr zu Hause und gaben ihr Geld für hochwertige Lebensmittel statt in den Restaurants aus. Im vergangenen Jahr konnte mit Bio-Produkten 15,87 Milliarden Euro in Deutschland erwirtschaftet werden. Ein Umsatzrekord. Doch nun hat die Inflation den Trend gedreht. Die Bio-Branche verzeichnet bis Oktober unter dem Strich einen Umsatzrückgang in Höhe von vier Prozent im Vorjahresvergleich, wie das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) gegenüber dem manager magazin mitteilt.

Die enorm gestiegenen Kosten für Energie, Verpackungen, Transport und Miete treiben die Preise für Lebensmittel in die Höhe. Verbraucher und Verbraucherinnen fangen an zu sparen. Und das spüren ganz besonders die Öko-Anbieter.

"Die extremen Preisaufschläge können auch gesunde Unternehmen nicht stemmen."

Alexander Gerber, Demeter

Besonders betroffen sind die klassischen Bioläden. Kundinnen und Kunden kaufen zwar weiterhin Bioprodukte, greifen dabei aber laut Kathrin Jäckel, Geschäftsführerin vom Bundesverband Naturkost Naturwaren (BNN), verstärkt zu den günstigeren Eigenmarken der Supermärkte. Bei den Bioläden, die ausschließlich Biolebensmittel handeln, brach der Umsatz im ersten Halbjahr nach Berechnungen aus dem Biohandel Umsatzbarometer um satte 15 Prozent im Vergleich zum Vorjahr ein.

Einige in der Branche sorgen sich angesichts der Lage inzwischen gar um die Existenz. "Die extremen Preisaufschläge können auch gesunde Unternehmen nicht stemmen", warnt etwa Alexander Gerber. Er ist Vorstand bei Demeter, dem ältesten Bio-Verband Deutschlands, zu dem etwa 320 Hersteller, 100 Hofverarbeiter sowie 140 Vertragspartner aus dem Naturkost- und Reformwaren-Großhandel gehören.

Stabile Bio-Umsätze bei Aldi und Lidl

Immerhin: Der Einbruch der Bio-Umsätze ist bezogen auf den gesamten Lebensmittelmarkt weniger stark als bei konventionell erzeugter Ware. In den Supermärkten und vor allem bei den Discountern greifen die Menschen weiterhin zu Produkten mit dem Bio-Siegel. Aldi bekomme zwar zu spüren, dass eher nach günstigeren Produkten gegriffen werde, aber insgesamt mache sich keine großartig sinkende Nachfrage nach den rund 370 Bio-Produkten bemerkbar, teilt das Unternehmen auf Anfrage mit. Und auch die Schwarz-Gruppe mit ihren Handelssparten Lidl und Kaufland findet nach eigenen Angaben weiterhin genügend Abnehmer für ihre 300 Bio-Artikel beim Lidl sowie 3.300 Bio-Artikel beim Kaufland.

Noch ein Effekt zeigt sich: Der traditionelle Preisunterschied zwischen konventionellen und Bio-Produkten wird geringer. Die Inflation macht sich zwar auch bei den Bio-Produkten bemerkbar – aber die Preissteigerung ist weniger stark. Laut einer aktuellen Analyse des Marktforschungsinstitutes AMI haben sich Lebensmittel aus ökologischer Landwirtschaft in den ersten zehn Monaten 2022 um 7,1 Prozent verteuert, konventionelle Produkten dagegen um etwa 12 Prozent. Damit sinkt, relativ gesehen, der Abstand.

Bestes Beispiel dafür ist die Milch. Während die Bio-Milch im Jahr 2016 noch rund 26 Cent pro Kilogramm teurer war, unterscheidet sie sich nach den jüngsten Bioland-Daten vom Oktober 2022 nur noch um knapp drei Cent.

Die Preise für konventionelle Lebensmittel sind auch deswegen so drastisch gestiegen, weil die Kosten für chemisch-synthetische Pestizide und künstliche Dünger extrem nach oben geklettert sind. "Teilweise sind die Kosten zehnmal so hoch", sagt BNN-Geschäftsführerin Jäckel. Da diese Mittel bei der Herstellung von Biolebensmitteln nicht zum Einsatz kommen, ist Bio zumindest von dieser Entwicklung unabhängig. Hinzu kommen die oft regionalen Strukturen und kürzeren Lieferwege bei Bioprodukten, weswegen gestiegene Transportkosten relativ gesehen weniger ins Gewicht fallen.

Mehrwertsteuersenkung gefordert

Um die aktuell hohen Kosten abfangen zu können, fordern die Verbandsvertreter nun die Politik zur Hilfe auf. Die allgemein gestiegenen Lebenshaltungskosten würden das Kaufverhalten der Verbraucher und Verbraucherinnen ändern, sagt Jäckel. "Die Folge ist, dass gesunde, mittelständische und regional verwurzelte Unternehmen aktuell in Bedrängnis kommen können." Unternehmen aus Erzeugung, Herstellung und Handel, die jetzt unverschuldet in eine existenzielle Krise kommen, sollten vom Staat mit zinslosen Überbrückungsdarlehen, Kurzarbeitergeld und Steuerstundung unterstützt werden. Und der BNN fordert eine Reduktion der Mehrwertsteuer für pflanzliche Biolebensmittel und Naturwaren auf null Prozent; auch der Demeter-Verband schließt sich der Forderung an.

Die Bundesregierung hat sich das Ziel gesetzt, 30 Prozent Bio bis 2030 in Deutschland zu ermöglichen. Aktuell wirtschaftet laut dem Bio-Spitzenverband Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW) etwa jeder siebte Hof ökologisch, insgesamt knapp 35.700 Betriebe in ganz Deutschland. Im Jahr 2021 stellten 320 Höfe auf Bio um. Und auch die Öko-Herstellung entwickelt sich weiter. Seit 2015 stieg die Zahl der Unternehmen mit Bio-Verarbeitung um rund 25 Prozent.

"Die Zielmarke von 30 Prozent ist schaffbar", sagt die BÖLW-Vorstandsvorsitzende Tina Andres. Doch um die hinzugekommenen Unternehmen und Höfe zu halten, muss der Markt die Bio-Flaute überwinden.

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