Sanierung gescheitert Praktiker vor dem Aus, Aktionäre vor dem Nichts

Deutschlands Heimwerker müssen demnächst vielleicht mit einer Baumarktkette weniger auskommen. Praktiker hat Insolvenz beantragt, der Sanierungsplan des Unternehmens ist offenbar gescheitert. Der Wert der Praktiker-Aktien zerbröselt bereits.
Praktiker-Baumarkt in Bentwisch bei Rostock: Mitarbeiter müssen sich auf Verlust des Arbeitsplatzes einstellen

Praktiker-Baumarkt in Bentwisch bei Rostock: Mitarbeiter müssen sich auf Verlust des Arbeitsplatzes einstellen

Foto: Bernd Wüstneck/ dpa

Hamburg - Praktiker ist pleite. Das Unternehmen mit 20.000 Mitarbeitern beantragte am Donnerstag beim Hamburger Amstgericht Insolvenzverfahren wegen Überschuldung und Zahlungsunfähigkeit für die Baumarktketten Praktiker sowie Extra Bau + Hobby. Ein Antrag für die Konzernmutter Praktiker AG werde kurzfristig nachgereicht. Die derzeit 132 Max Bahr-Märkte seien von den Anträgen ebenso wenig betroffen wie das internationale Geschäft des Praktiker-Konzerns, erklärte das Unternehmen.

Das Regelinsolvenzverfahren werde mit dem Ziel beantragt, einen Sanierungsplan zu erstellen. Zuvor seien Gespräche über die weitere Finanzierung der Sanierung gescheitert. Der Konzern hätte nach eigenen Angaben frisches Geld gebraucht, nachdem der fest eingeplante Verkauf der drei luxemburgischen Batiself-Baumärkte nach einem Rückzieher des Käufers gescheitert war.

Der Heidelberger Rechtsanwalt Christopher Seagon wurde zum vorläufigen Insolvenzverwalter bestellt. Das sagte die Hamburger Gerichtssprecherin Ruth Hütteroth am Donnerstag. Seagon gehört der Kanzlei Wellensiek an.

Die Nachricht hat den Wert der Praktiker-Aktien am Morgen regelrecht zerbröseln lassen. Am Vormittag brach der Praktiker-Aktienkurs  um bis zu 72 Prozent auf 10 Cent ein. Bereits am Vortag hatte die Aktie knapp 20 Prozent ihres vorherigen Wertes eingebüßt.

Die Praktiker-Banken hatten Finanzkreisen zufolge schon am Dienstag signalisiert, dass sie zu weiteren Finanzspritzen für Praktiker  nicht mehr bereit seien. "Es hat keinen Sinn mehr, weitere Löcher zu stopfen", hatte ein involvierter Banker gesagt. Der österreichische Großaktionär Alain de Krassny (Donau Invest) wäre bereit gewesen, noch einmal Geld nachzuschießen. Praktiker hätte kurzfristig 30 Millionen bis 35 Millionen Euro zum Überleben gebraucht.

"Es wurden viele Fehler gemacht in der Vergangenheit und ich glaube, Praktiker hat nicht genug Zeit bekommen, um das wieder ordnungsgemäß in die richtige Bahn zu bringen", sagte der Investor. Die Insolvenz müsse er nun akzeptieren.

Obi-Konzernchef Haub: "Der Drogenabhängige ist gestorben"

Der lange Winter und das verregnete Frühjahr hatten Praktiker unter anderem im wichtigen Gartengeschäft zugesetzt und die Finanzreserven stärker als zu dieser Jahreszeit gewöhnlich aufgezehrt. Das durchkreuzte das Sanierungskonzept für die 430 Baumärkte. Deshalb kehrte Praktiker anders als geplant zu Rabattaktionen ("20 Prozent auf alles") zurück, die den Konzern schon vorher in Schieflage gebracht hatten.

Der Konzern setzte 2012 rund drei Milliarden Euro um. Einer der Warenkreditversicherer hatte die Lage noch verschärft, als er Anfang der Woche seine Deckung zurückgezogen hatte, wie zwei Brancheninsider sagten. Über Kreditversicherer finanzieren Handelsunternehmen den Warenbestand vor, bis Geld in die Kasse kommt. Ohne diese Garantien droht der Warenstrom von den Lieferanten schnell zu versiegen. Der Aufsichtsrat war am Mittwoch zu einer Krisensitzung zusammengetreten. "Es sieht schwierig aus. Es ist schwierig, sehr schwierig", hatte ein Aufsichtsrat nach den Beratungen gesagt.

Praktiker hatte erst im Herbst nach monatelangem Ringen frisches Eigenkapital und neue Kredite bekommen. Letztere sind mit den profitablen 78 ursprünglichen Filialen der Tochtergesellschaft Max Bahr besichert, die anders als Praktiker keine Billigstrategie fährt. Daher hoffen die Kreditgeber, bei einer Pleite des Konzerns relativ glimpflich davonzukommen. Einer der größten Praktiker-Gläubiger ist die Commerzbank , die sich nicht äußern wollte.

Die Pleite der Baumarktkette Praktiker könnte Konsequenzen auch für die ehemalige Konzernmutter Metro haben. Denn Metro  ist Eigentümer zahlreicher Praktiker-Filialen. In Deutschland habe der Düsseldorfer Handelsriese 40 Standorte an Praktiker vermietet, in Polen seien es neun Standorte und in der Türkei vier Immobilien, sagte ein Metro-Sprecher am Donnerstag. Zu möglichen Folgen der Praktiker-Schieflage für Metro wollte er sich nicht äußern. Der Düsseldorfer Handelskonzern Metro hatte Praktiker 2002 vollständig geschluckt, 2005 war die Baumarktkette dann an die Börse gegangen.

Die Baumarktkette Obi will den kriselnden Konkurrenten nicht übernehmen. "Wir werden mit Sicherheit keine Kette übernehmen", sagte der Chef des Obi-Mutterkonzerns Tengelmann, Karl-Erivan Haub, am Donnerstag bei seiner Bilanzvorlage in Mülheim an der Ruhr. Das Exposé zu Praktiker habe man vier Mal auf dem Tisch gehabt. "Es wurde zwar immer preiswerter, aber nicht besser", betonte er. Obi könnte möglicherweise an einigen guten Standorten interessiert sein. Wieviele Praktiker-Filialen infrage kämen, sagte er jedoch nicht.

Der Tengelmann-Konzernchef sprach von einer Marktbereinigung, die sich nicht nur in Deutschland abspiele. "Es gibt kaum ein Land, wo uns nicht Baumarktketten angeboten werden. Es steht viel zum Verkauf", schilderte Haub. Der Familienkonzern prüfe diese Dinge mit Augenmaß. So habe Obi drei Baumärkte in Ungarn übernommen. "Der Drogenabhängige ist gestorben", sagte Haub mit Blick auf Praktikers Rabattstrategie. "Man muss immer mehr geben, damit man einen Kick hat."

kst/ak/rtr/dpa-afx

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