Auto1-Konkurrent Cazoo "Wir können nicht garantieren, dass wir überhaupt Gewinne erzielen werden"

Der Online-Autohändler Cazoo verbrennt bisher jede Menge Geld. Die Zweifel am Geschäftsmodell wachsen. Dennoch wollen die Briten nun auch in Deutschland angreifen – und inszenieren sich als Sponsor im Darts und in der Fußball-Bundesliga.
Gebrauchtwagenhändler: An der Börse war die Firma von Alex Chesterman zwischenzeitlich mehr als fünf Milliarden Dollar wert

Gebrauchtwagenhändler: An der Börse war die Firma von Alex Chesterman zwischenzeitlich mehr als fünf Milliarden Dollar wert

Foto: Tom Stockill / Cazoo

Um seinen digitalen Gebrauchtwagenhandel bekannt zu machen, setzt Alex Chesterman (52) auf einen der kostspieligsten Marketingkanäle überhaupt: Sport. Der Gründer und CEO der britischen Plattform Cazoo sponsert die englischen Fußballklubs Aston Villa und Everton in der Premier League. Er pumpt Geld in drei der größten Darts-Turniere der Welt und in die World Snooker Tour, in Pferderennen, Cricket und Rugby. Und ab dem Sommer wird der Unternehmensname auch auf den Trikots weiterer Fußballklubs in Europa prangen: Cazoo wird Hauptsponsor des französischen Traditionsvereins Olympique Marseille, des spanischen Erstligisten Real Sociedad – und des Bundesligisten SC Freiburg.

Werbefigur: Darts-Legende Peter Wright wird – wie etliche Profi-Fußballclubs – von Cazoo gesponsort

Werbefigur: Darts-Legende Peter Wright wird – wie etliche Profi-Fußballclubs – von Cazoo gesponsort

Foto: Bradley Collyer / dpa

Der Verein sei "wie wir, gleichzeitig ambitioniert und ergebnisorientiert", so Chesterman bei Verkündung des Deals. Wie viel er für das Engagement in Freiburg zahlt, ist nicht bekannt. Vorgänger Schwarzwaldmilch überwies dem Vernehmen nach knapp drei Millionen Euro pro Jahr an den Club. Günstiger dürfte es für Cazoo kaum werden.

Mit dem Geldausgeben kennt sich Chesterman bestens aus. In einem gerade bei der US-Börsenaufsicht SEC veröffentlichten Dokument dröselte das Unternehmen auf, welche Summen bislang in den Aufbau des Geschäfts geflossen sind. Allein für Marketing gab die hochdefizitäre Firma im vergangenen Jahr umgerechnet 76 Millionen Euro aus. Alles in allem hat Cazoo bis Ende 2021 rund 775 Millionen Euro Verlust angehäuft. Allein im vergangenen Jahr verbrannten die Briten bei einem Umsatz von 780 Millionen Euro etwa 642 Millionen Euro. Exklusiv hat Chesterman seine Werbestrategie im Sport auch nicht. Auch der deutsche Konkurrent Auto1 preist seine Submarke Autohero beispielsweise bei den Fußballklubs Hertha BSC Berlin und Paris Saint-Germain an.

Cazoo, erst 2019 überhaupt gegründet, will nach eigenen Angaben das immer noch weitgehend analoge Gebrauchtwagengeschäft digitalisieren und laut Chesterman zum "Amazon für Autos" werden. Die Briten kaufen Fahrzeuge direkt bei Privatkunden an, bereiten diese auf und vermarkten sie dann online weiter – inklusive Haustürlieferung, wenn ein Käufer das wünscht. In Großbritannien konnte Cazoo 2021 knapp 50.000 Kunden von sich überzeugen. Fünf Prozent Marktanteil in den größten europäischen Gebrauchtwagenmärkten und 18 Milliarden Euro Umsatz sollen es perspektivisch werden.

In Deutschand ist Cazoo noch keine große Nummer. Erst Ende des vergangenen Jahres ist der Online-Autohändler hier überhaupt erst gestartet. Den Marktzugang hatte sich Chesterman zuvor durch die Übernahme des Münchner Auto-Abo-Start-ups Cluno verschafft. Laut dem SEC-Dokument legte Cazoo dafür umgerechnet gut 70 Millionen Euro auf den Tisch. Jetzt soll die Expansion an Tempo gewinnen, nicht nur in Deutschland, auch in weiteren europäischen Märkten wie Frankreich, Spanien oder Portugal.

Gewinne macht Cazoo freilich nicht. Mit umgerechnet rund 514 Euro Bruttogewinn pro verkauftem Gebrauchtwagen schlugen sich die Briten im vergangenen Jahr besser als der deutsche Konkurrent (Autohero: 418 Euro). Von US-Branchenprimus Carvana (4.205 Euro) sind aber auch sie meilenweit entfernt.

Die Zahlen aus dem ersten Quartal 2022 machen wenig Hoffnung, dass Cazoo die Lücke bald schließen kann. Zwar stieg der Absatz im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 102 Prozent auf 19.713 Einheiten. Der durchschnittliche Bruttogewinn pro Auto schmolz aber auf gerade einmal 145 Euro zusammen. Bei Autohero lief es im gleichen Zeitraum deutlich besser, dort stand bei 14.558 verkauften Autos ein Durchschnitts-Rohergebnis von 718 Euro pro Fahrzeug unter dem Strich. Carvana kam auf 105.085 Einheiten und einen mittleren Brutto-Gewinn von 2.687 Euro pro Auto.

Online-Autohändler crashen an der Börse

Die Investoren der Briten sind inzwischen vorsichtig geworden. Seit Cazoo im vergangenen Sommer per Spac-Deal an der New Yorker Tech-Börse Nasdaq gestartet ist, ist der Kurs um 85 Prozent eingebrochen. Zuletzt fiel die Bewertung unter die Marke von einer Milliarde US-Dollar. Allerdings hat auch die Konkurrenz um Carvana (minus 85 Prozent) und Auto1 (minus 76 Prozent) im vergangenen halben Jahr an der Börse schwer gelitten. Wie groß die Nervosität ist, zeigt eine aktuelle Posse bei Carvana. Der US-Marktführer entließ am Dienstag rund 2.500 Beschäftigte - stillos per Zoom-Meeting. Damit trennte sich die Firma auf einen Schlag von rund jedem achten Mitarbeiter, um die Kosten zu senken. Geld dürfte nach den Abstürzen an der Börse für die Online-Autohändler nun wieder eine größere Rolle spielen, der Zugang zu frischem Kapital schwieriger werden. Cazoo hat bereits im Februar reagiert und Wandelanleihen im Wert von 630 Millionen Dollar an eine Investorengruppe um Viking Global Investors ausgegeben.

Doch die Zweifel am Business Case bleiben. Offenbar auch bei Cazoo selbst. In der SEC-Veröffentlichung führt das Unternehmen rund 70 potenzielle Gefahren für das eigene Geschäft auf. Brisant: Cazoo spricht offen darüber, dass es "nicht im Sinne" der Aktionäre sei, dass CEO Alex Chesterman (23,3 Prozent) und Großinvestor Daily Mail and General Trust (rund 17 Prozent) zusammen mehr als 40 Prozent der Anteile halten. Das könne einen Inhaberwechsel in der Zukunft behindern. Wenig optimistisch klingt auch folgendes Zitat: "Obwohl wir davon ausgehen, dass wir in der Zukunft Gewinne erzielen werden, kann es sein, dass diese Investitionen nicht die erwarteten Ergebnisse erzielen. Und wir können daher nicht garantieren, dass wir die erwarteten Gewinnhöhen erreichen oder überhaupt Gewinne erzielen werden."