Vom Apothekenschreck zum Plattformpartner Warum Doc Morris plötzlich Freund der Apotheker wird

Apotheke in Brandenburg: Die Onlineapotheke Doc Morris geht auf Partnersuche

Apotheke in Brandenburg: Die Onlineapotheke Doc Morris geht auf Partnersuche

Foto: Patrick Pleul/ picture alliance / Patrick Pleul/dpa-Zentralbild/dpa

Bislang verliefen die Fronten ziemlich klar: Für die Apotheken in Deutschland war Doc Morris Konkurrenz - geradezu verhasste Konkurrenz. Schließlich versuchten die Niederländer, den deutschen Apothekern mit saftigen Rabatten auch auf verschreibungspflichtige Arzneimittel die Kunden abspenstig zu machen.

Nun hat sich der Wind gedreht. Um sich als Dienstleister in der neuen digitalen Welt langfristig erfolgreich am Markt positionieren zu können und auch gegenüber einem möglichen Markteintritt von Amazon zu bestehen, setzt Doc Morris auf eine Charmeoffensive, mit der die Niederländer die Apotheker nun als Partner für ihre Plattform gewinnen wollen. Und sie wollen dafür sogar auf Rabatte auf verschreibungspflichtige Medikamente verzichten, wie am Montag das "Handelsblatt"  berichtete.

Aus gutem Grund. Denn wenn im kommenden Jahr das sogenannte e-Rezept - und für einige Erkrankungen dann auch noch die Videosprechstunde kommt, dürfte sich die Art, wie wir Arzneimittel bestellen, grundlegend ändern. Statt wie bisher persönlich beim Arzt zu erscheinen, können Patienten sich dann telemedizinisch untersuchen lassen. Und sich vom Arzt nach dem persönlichen oder virtuellen Besuch statt eines Papier- auch ein elektronisches Rezept ausstellen lassen. Diese können sie dann über das Smartphone in ihre Wunschapotheke lenken. Bietet diese einen Lieferdienst an, können sich Patienten ihre Medikamente nach Hause bekommen, ohne ihre Wohnung oder ihr Haus überhaupt zu verlassen.


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Ein Szenario, das auch Doc Morris zum Umdenken veranlasst hat. Hängt die Onlineapotheke doch bislang von Logistikdienstleistern ab, die die Medikamente für sie ausliefern. Vor Ort niedergelassene Apotheken können mit Kurierdiensten hier deutlich schneller sein.

Und auch gegenüber Amazon, über deren Markteintritt auf dem deutschen Apothekenmarkt bereits seit Längerem diskutiert wird, dürften sie sich ohne Partner vor Ort im Nachteil befinden. Der US-Versender, der in den USA mit der Online-Apotheke Pillpack bereits aktiv ist, hat sich auch hierzulande bereits ein leistungsfähiges Logistiknetz aufgebaut, das sich für die Amerikaner im Konkurrenzkampf mit Wettbewerbern als wertvolles Asset erweisen könnte.

Ein Ex-Zalando-Manager soll es nun richten

Entsprechend sucht Doc Morris nun die Unterstützung der Apotheken. Denn nur mit ihnen, so der Geschäftsführer des neuen Marktplatzes Malte Dous , der zuvor auch bei der Umwandlung des Modeversenders Zalandos zur Plattform mitgearbeitet hatte, sei es möglich, den Kunden das "beste Angebot" zu unterbreiten. "Und für den Kunden ist es am besten, wenn er zwischen Vor-Ort und Versand wählen kann", zitierte ihn das "Handelsblatt". 

Dafür räumt Doc Morris sogar Fehlverhalten ein. Man habe bei dem Konfrontationskurs mit den Apothekern in der Vergangenheit "auch Fehler gemacht", erklärte Doc-Morris-Chef Olaf Heinrich denn auch in dem am Montag veröffentlichten Interview.  "Aber wir haben uns verändert."


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Den Apothekern stellte er in Aussicht, über eine Kooperation mit Doc Morris und dessen Reichweite und Markenbekanntheit am Wachstum des neuen digitalen Marktes über das e-Rezept teilhaben zu können. Nach eigenen Angaben kennen 62 Prozent der Bundesbürger die Marke - und sechs Millionen Kunden nutzen die Online-Apotheke.

Allerdings scheinen nicht wenige Apotheker mit dem ehemaligen Konkurrenten zu fremdeln - schließlich beruht das Plattform-Modell darauf, dass diese für den Kundenzugang eine Gebühr erhebt, die die Apotheker, wenn der Kunde direkt zu ihnen käme, nicht zahlen müsste. Und der Preisdruck steigt. Weshalb genossenschaftliche Apothekenverbände ebenfalls an Marktplatz-Lösungen arbeiten.

Eine Alternative zur Beteiligung an Plattform-Modellen generell sehen viele Experten aber nicht. Für Apotheken sei dies die einzige Chance, wenn sie größere Umsatzverluste vermeiden wollten, urteilen etwa die Apotheken-Experten Clemens Oberhammer und Jan Merkel von der Strategieberatung Simon-Kucher. 

In Spanien, wo Doc-Morris-Eigner Zur Rose bereits länger auf das Plattformmodell setzt, hatte Zur Rose bereits 2018 den Apotheken-Marktplatz Promofarma übernommen und angekündigt, zum größten europäischen Medikamentenmarktplatz werden zu wollen. 2019 folgte in Frankreich die Übernahme des Marktplatzes Doctipharma.

In Spanien hat Promofarma nach eigenen Angaben bislang mehr als 500 Partnerapotheken - von insgesamt zuletzt mehr als 22.000 landesweit. Und wirbt dort bei dem Kunden damit, ihnen immer den günstigsten Anbieter zu vermitteln.

Für Deutschland geht Doc Morris davon aus, dass eine vierstellige Zahl von Partner-Apotheken nötig sein wird, "um Patienten überall eine nahe gelegenen Vor-Ort-Apotheke anbieten zu können". Das heißt: Die Charmeoffensive müsste nur bei einem Bruchteil der aktuell mehr als 19.000 Apotheken fruchten.