Insolvente Baumarktkette Riesenrabatte befördern Praktiker ins Abseits

Die Praktiker-Großaktionäre geben die Hoffnung noch nicht auf, doch jahrelange hohe Rabatte erwiesen sich für die Baumarktkette als Bumerang. Jetzt ist Praktiker insolvent - und Deutschland erlebt eine der größten Pleiten der Geschichte.
Eingang eines Praktiker-Baumarktes: Die "20 Prozent auf alles"-Rabattaktionen erwiesen sich als fatale Strategie

Eingang eines Praktiker-Baumarktes: Die "20 Prozent auf alles"-Rabattaktionen erwiesen sich als fatale Strategie

Foto: DPA

Hamburg - Gerade mal sechs Wochen ist es her, da übten sich die Vertreterin der Praktiker-Großaktionäre Donau Invest und Maseltov noch in vorsichtigem Optimismus: "Wir sind noch lange nicht am Ende", sagte Isabella de Krassny auf der Hauptversammlung der Baumarktkette Ende Mai. Ja, das Unternehmen kämpfe um das Überleben, Praktiker  stehen noch ein bis zwei harte Jahre bevor. Doch Krassny war überzeugt, "dass wir das schaffen".

Nun ist klar, dass daraus nichts mehr wird. Heute hat Praktiker wegen Überschuldung und Zahlungsunfähigkeit die Insolvenz beantragt. Betroffen davon sind acht Tochterfirmen inklusive der börsennotierten Praktiker AG. Die Unternehmensleitung strebt nun ein Regelinsolvenzverfahren an, um einen Sanierungsplan zu erstellen. Ausgenommen von dem Antrag sind die derzeit 132 Max-Bahr-Märkte und das Auslandsgeschäft.

Mit der Pleite der Baumarktkette kommt auf Deutschland einer der größten Insolvenzfälle der vergangenen Jahre zu. Ende 2012 beschäftigte Praktiker weltweit 19.523 Mitarbeiter, davon rund 11.000 in Deutschland. Sie alle müssen um ihre Jobs bangen. Praktiker reiht sich damit in die Top 5 der größten Unternehmensinsolvenzen seit dem Jahr 2000 ein, wie unsere Übersicht zeigt.

Mit "20 Prozent auf alles" ins Aus

Das Unternehmen betrieb in Deutschland Ende März insgesamt 315 Baumarkt-Filialen. Doch bereits seit Jahren schreibt Praktiker rote Zahlen. Die Baumarktkette hat sich mit ihrer Rabattstrategie selbst ein Bein gestellt. Jahrelang hatte Praktiker seinen Kunden "20 Prozent auf alles" versprochen. Das klappte in den ersten Jahren gut. Doch über mehrere Jahre hinweg erwies sich das als Bumerang.

Zum einen hat die Billigpreisstrategie Praktikers Image nachhaltig beschädigt. Und zum anderen hat Praktiker seine eigenen Kunden mit Couponheften, Bonusschecks und Sonderaktionen dazu erzogen, nur zu Rabatt-Zeiten einzukaufen. Höhere Preise konnte Praktiker auch dann nicht mehr durchsetzen, wenn die Einkaufspreise stiegen. Zudem hat Praktiker auch den Trend zu größeren Verkaufsflächen verpasst. Die Praktiker-Filialen sind deutlich kleiner als die der Konkurrenten Hornbach und Bauhaus - und bieten deshalb auch weniger Auswahl. Dieser Nachteil lässt sich auch nicht mit hohen Rabatten kompensieren.

Ein direkter Vergleich zum Konkurrenten Hornbach zeigt das Dilemma deutlich: Beide Baumarktketten machen europaweit einen Jahresumsatz von drei Milliarden Euro - Hornbach mit 138 Märkten, Praktiker mit 430 Filialen. Auch wenn man die Produktivität auf die Verkaufsfläche umlegt, liegt Hornbach deutlich vorne: Pro Quadratmeter setzt Hornbach nach eigenen Daten 1890 Euro um, Praktiker nur 1066 Euro. Durch die 20-Prozent-Aktionen hat sich zwar der Umsatz in der Aktionszeit vervielfacht, außerhalb dieser Zeiten ist er aber gesunken, meinen Handelsexperten. Insgesamt hat sich so die Flächenproduktivität nicht wesentlich erhöht.

Praktiker wollte seit einer Zeit auf Rabatte verzichten - und wurde im Frühjahr dieses Jahres dennoch rückfällig, weil das Geld knapp wurde. Entsprechend hämisch fallen die Kommentare der Konkurrenz nun aus. "Der Drogenabhängige ist gestorben. Man muss immer mehr geben, damit man einen Kick hat," kommentierte Tengelmann-Chef Karl-Erivan Haub heute die Situation bei Praktiker. Zum Reich des Handelsriesen Tengelmann gehört auch die Baumarktkette OBI. Zu einer möglichen Übernahme von Praktiker winkte Haub sofort ab. Allenfalls einzelne Standorte könnten für Tengelmann interessant sein.

Großaktionäre geben Praktiker noch nicht ganz verloren

Der lange Winter und der verregnete Frühling haben Praktiker in den letzten Wochen stark zugesetzt. Doch endgültig zu Fall gebracht hat Praktiker nun die Finanzierung der künftigen Sanierung. Nach eigenen Angaben hätte der Konzern frisches Geld gebraucht, weil der geplante Verkauf dreier luxemburgischer Märkte gescheitert war. Der österreichische Großinvestor Alain de Krassny, der über seine Gesellschaft Donau Invest derzeit 10 Prozent der Praktiker-Anteile hält, hätte gemeinsam mit Investoren noch rund 40 Millionen Euro aufgebracht. Doch die Finanzspritze scheiterte an der Zustimmung weiterer Gläubiger.

Dass Praktiker mit seinen Sanierungsplänen nicht wirklich Fuß fassen konnte, lag nicht nur am knappen Geld - sondern auch am Führungschaos an der Spitze. Der langjährige Vorstandschef Wolfgang Werner wurde im Herbst 2011 durch den ehemaligen Karstadt-Chef Thomas Fox ersetzt. Der wollte Praktiker zum Discount-Baumarkt umbauen - und alles günstig und einfach machen.

Doch dabei wollten die Großaktionäre, der zyprische Fonds Maseltov und die Wiener Privatbank Semper Constantia, nicht mitziehen. Fox musste deshalb nach wenigen Monaten gehen und wurde durch den ehemaligen Hertie-Chef Kay Hafner ersetzt.

Langer Winter sorgte erneut für höhere Verluste

Hafner galt jedoch von Anfang an als Interimslösung und konnte so kaum eine langfristige Strategie entwickeln. Letzten Herbst hievten die Großaktionäre dann den Ex-Aldi-Manager Armin Burger in den Praktiker-Chefsessel. Burger wollte Praktiker sanieren, indem er einen größeren Teil der Märkte auf die ertragsstärkere Marke Max Bahr umstellte. Doch Praktiker musste nach dem langen Winter und einem mauen Frühjahrsgeschäft im ersten Quartal 2013 erneut einen Umsatzrückgang hinnehmen, die Verluste schwollen wieder an.

Dennoch geben die Praktiker-Großaktionäre Donau Invest und Maseltov den Kampf um Praktiker noch nicht ganz verloren. Die Vertreterin der beiden Anteilseigner, Isabella de Krassny, setzt weiter auf eine Rettung. Wenn jetzt alle Beteiligten an einem Strang ziehen, ließe sich Praktiker auch in der Insolvenz sanieren, meinte sie heute gegenüber der "Wirtschaftswoche".

Nach ihren Angaben müssten für die weitere Sanierung rund 80 defizitäre Praktiker-Filialen geschlossen und Finanzmittel in Höhe von mindestens 40 Millionen Euro bereitgestellt werden. Die österreichische Managerin machte vor allem Banken und Warenkreditversicherer für das Scheitern des jüngsten Rettungskonzeptes verantwortlich. Warum Praktiker gerade jetzt aus seiner lang andauernden Krise kommen soll, hat Krassny allerdings nicht verraten.

mit Material von Reuters und dpa

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