Amazon-Smartphone Jeff Bezos Milliarden-Dollar-Wette

Erst der Kindle, dann Tablets und eine TV-Box, jetzt ein neues Smartphone. Der Onlinehändler Amazon dringt mit seinen Geräten immer tiefer in unser Leben ein. Doch es geht gar nicht ums Hardware-Geschäft, sondern um eine gigantische Wette.
Seit langem kursieren Gerüchte um ein Smartphone von Amazon: Am Mittwoch könnte Konzernchef Bezos es höchstpersönlich vorstellen

Seit langem kursieren Gerüchte um ein Smartphone von Amazon: Am Mittwoch könnte Konzernchef Bezos es höchstpersönlich vorstellen

Foto: JOE KLAMAR/ AFP

Hamburg - Erst waren es nur Gerüchte, dann kamen Bilder, Tweets  und dann auch ein Video . In seinem Bestreben, die Neugier der Kunden auf sein neues Smartphone zu wecken, scheut Amazon-Chef Jeff Bezos keine Mühen. Präsentiert werden soll das Gerät zwar erst am Mittwoch. Doch längst wird eifrig spekuliert über das angebliche 3D-Smartphone  mit Gesten und Augensteuerung und kostenlosen Streamingkontingenten.

Mit dem Marktstart des ersten eigenen Smartphones wagt sich Amazon  in neues Territorium vor. In ein Territorium, in dem ein massiver Verdrängungswettbewerb herrscht, viele Unternehmen bereits gescheitert sind und sich selbst Riesen wie Google , Microsoft  oder Traditionsfirmen wie Blackberry  schwer tun.

Doch mit denen will es Amazon-Chef Jeff Bezos auch gar nicht ernsthaft aufnehmen, ist Forrester-Analyst Thomas Hutton überzeugt. Für ihn ist das Smartphone nur ein weiterer Kanal zu Kunden - allerdings ein potenziell entscheidender.

Den E-Reader-Kindle hat Bezos schon, ebenso Tablets, eine TV-Set-Top-Box,hunderte Apps und den Bestellstick-Dash. Ein Smartphone hat noch gefehlt. Bis jetzt.

Geheimnisvolle Einladung: Am Mittwoch will Amazon sein neues Smartphone vorstellen

Geheimnisvolle Einladung: Am Mittwoch will Amazon sein neues Smartphone vorstellen

Auch wenn das Risiko enorm ist und Bezos wirklich etwas Attraktives bieten muss, um Käufer zu überzeugen. Das Potenzial ist enorm: Mehr als 30 Mal pro Tag, so aktuelle Schätzungen, nehmen Nutzer ihr Smartphone im Durchschnitt in die Hand. Sie interagieren damit laut US-Analysehaus Flurry pro Tag mehr als zweidreiviertel Stunden.

Und auch bei Einkäufen läuft mittlerweile viel über mobil: Laut Google nutzen vier von fünf Smartphone-Besitzer ihr Gerät auch zum Einkaufen.

Ein Potenzial, das Amazon-Chef Jeff Bezos gerne heben würde. Das dürfte ihm, da er mit seinen rund 250 Millioenen Kunden nicht auf fremde Händler angewiesen ist, etwas leichter fallen als anderen Wettbewerbern.

"Amazon interessieren Telefone nur als Mittel digitaler Beziehungen, um sicherzutellen, dass die Kunden nicht nur ein paar Mal im Monat an Amazon denken oder ein par Mal pro Woche, sondern dutzendmal am Tag", beschreibt Forrster-Analyst James McQuivey Bezos mobile Motivation. "Und das bietet Bezos die Chance, möglichst viele dieser Interaktionen in Onlinekäufe umzumünzen."

Prime-Kunden kaufen doppelt so viel

Dass die Schwelle den Kauf-Button zu klicken, stetig sinkt, daran arbeitet Bezos mit geballter Kraft. Seine Zauberwaffe dabei - Amazon prime, ein Abodienst, den Bezos bereits 2005 aus der Taufe hob und der in der Strategie des Onlinehändlers immer wichtiger zu werden scheint.

Zumindest ist die Zahl der Angebote in den vergangenen Monaten massiv gestiegen. Als "All-you-can eat"-Express-Versandprogramm gestartet, hat Amazon die Vorteile von Prime in den vergangenen Jahren stetig ausgebaut.

Erst hübschte der Online-Händler das Abo mit der kostenlosen Nutzung der 180.000 Bücher umfassenden Kindle-Bibliothek auf. Im Februar kamen dann die Inhalte des Filmstreaming-Dienstes Lovefilm dazu. Und vor wenigen Tagen kündigte Amazon in den USA noch einen Spotify-ähnlichen Musikdienst an, der für US-Kunden von Prime kostenlos nutzbar sein soll.

Prime treibt Umsatz

Für Amazon hat die Prime-Strategie klare Vorteile. Zwar dürfte der Beitrag, den die rund 22 Millionen aktuellen Prime-Kunden mit ihrer mittlerweile auf 99 Dollar gestiegenen Jahresgebühr zum Umsatz beisteuern, nur wenige Prozent des Gesamtumsatzes ausmachen, der alleine im ersten Quartal bei 19,74 Milliarden Dollar lag.

Doch die sind zumindest schon einmal gesetzt. Zudem geben Prime-Kunden bei Amazon auch deutlich mehr als "normale Kunden" aus. Laut dem US-Marktforscher Trefis tendieren Prime-Kunden dazu, etwa doppelt so viel zu kaufen wie "normale Kunden".

Ist die Abo-Gebühr für Prime erst einmal gezahlt, wäre es schließlich unsinning, bei anderen Anbietern für Versandkosten zu zahlen. Oder womöglich für Musik oder DVDs Geld auszugeben, wenn man sie sich auch streamen lassen kann. Eine Tatsache, auf die Amazon seine Kunden gerne hinweist. Schließlich lassen sich so Versandkosten sparen.

Bis zu 15 Prozent des Amazon-Umsatzes, schätzen Trefis-Analysten, dürften mittlerweile auf Prime-Kunden zurückgehen. Ein Anteil, der angesichts der gestiegenen Attraktivität des Angebotes weiter steigen dürfte.

Dabei beschränkt sich Amazons Angebots längst nicht mehr auf reale Güter. Mit Musik, Filmen und seinem Cloud-Service ist der Technikkonzern längst aus den Einzelhandels-Kinderschuhen entwachsen und macht Streaming-Diensten wie Netflix, Watchever oder Spotify oder Cloudanbietern wie Cisco ensthafte Konkurrenz.

Was als nächstes kommt

Dass auch Amazon die Versandkosten und die in Prime enthaltenen Inhalte erst einmal erwirtschaften muss und mit der Hardware wohl kaum etwas zu verdienen ist, steht außer Frage. Doch die schiere Masse des Geschäftes dürfte Amazon gegenüber den Versendern beträchtlichen Verhandlungsspielraum bescheren. So wie ihn der Händler auch gegenüber den Verlagen längst hat.

Vor allem aber, ist Handelsexperte Jörg Funder vom Institut für internationales Handelsmanagement in Worms überzeugt, kann Amazon mit seinem Prime-Angebot näher an seine Kunden rücken als die meisten Wettbewerber. "Amazon erhält Einblick in das Konsumentenverhalten seiner Kunden wie kaum ein anderer."

Die Masse machts

Und genau dieser Vorteil dürfte sich für Amazon auf lange Sicht auszahlen, glaubt Funder. So könne Amazon als "Kaufhaus für fast alles" Muster erkennen, sein Angebot entsprechend anpassen, "alternative Wachstumsfelder erkennen und so Claims gegenüber der potenziellen Konkurrenz abstecken."

Und selbst auf der Suche nach Serviceleistungen wie Babysittern, Friseuren oder Klempnern, werden Kunden wohl demnächst nicht mehr bei Wettbewerbern suchen müssen. Ein entsprechendes Angebot soll schon in Arbeit sein.

Wer einen Friseurtermin, einen Babysitter oder Klempner sucht, könnte den dann gleich buchen - quasi per Handstreich von unterwegs - mit dem Amazon-Smartphone.

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