US-Einzelhändler brechen reihenweise zusammen Amazon befeuert neue Schrotthypotheken-Spekulation

Amerikas gigantische Shopping-Malls sind legendär. Doch sie sind immer öfter gähnend leer. Flächendeckend bricht deshalb das Finanzierungsmodell für Einkaufszentren zusammen - Investoren bleiben vielfach auf Schrotthypotheken sitzen.
Filiale der insolventen Kette RadioShack

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US-Einzelhandels-Drama trifft Sears: Diesen Shopping-Ikonen droht wegen Amazon das Ende

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Amerikas Einzelhandels-Manager wirken dieser Tage regelrecht deprimiert. "Die Blase ist geplatzt", sagte der Chef der Kleidungskette Urban Outfitters, Richard Hayne, angesichts geschlossener Filialen und fehlender Kunden, nachdem die Branche jahrzehntelang auf Boom-Kurs war.

Online-Primus Amazon (Kurswerte anzeigen) setzt den klassischen Ketten derart zu, dass sie in Rekordzahl Insolvenz anmelden: Der (ehemalige) Schuhriese Payless ist diesen Schritt gegangen, ebenso die Elektronik-Filialisten HHGregg und RadioShack. Sogar Luxus-Anbieter schließen Vorzeige-Geschäfte, wie zuletzt Ralph Lauren das Flagship-Store auf New Yorks Fifth Avenue.

Satte 8500 Filialen könnten Händler landesweit in diesem Jahr zumachen, erwarten die Analysten von Credit Suisse (CS) - so viele wie nie zuvor. "Bequem einzukaufen bedeutet heute, mit dem Tablet in Unterwäsche auf dem Sofa zu sitzen", zitiert die Nachrichtenagentur Bloomberg CS-Experten Christian Buss . Etwa 10 Prozent der Einzelhandelsfläche sei schlicht überflüssig.

Die Folgen bewegen auch den Finanzmarkt. Spekulanten wetten in wachsender Zahl darauf, dass Einkaufszentren ihre Kredite nicht mehr bedienen können, weil Mieter ausfallen.

Damit verlieren Papiere an Wert, die derartige Hypotheken bündeln: Commercial Mortgage-backed Securities (CMBS). Der Mechanismus unterscheidet sich wenig von der Immobilienkrise vor etwa zehn Jahren, als Besitzer von Privathäusern ihre Darlehen reihenweise nicht mehr abzahlen konnten. Inzwischen seien Kredite im Wert von 48 Milliarden Dollar von Zahlungsausfall bedroht, haben Kreditanalysten von Morningstar errechnet .

Gemessen am Gesamtvolumen aller CMBS-Papiere in Höhe von 365 Milliarden Dollar ist das noch nicht extrem viel. Beunruhigend ist allerdings die Tendenz. So ist das Volumen von Short-Positionen auf zwei besonders riskanteste CMBS-Tranchen binnen Jahresfrist um 50 Prozent auf 5,3 Milliarden Dollar gestiegen. Messen lässt sich das auch an steigenden Kursen für Kreditausfall-Versicherungen.

"Die Probleme bei Krediten für Einkaufszentren sind deutlich größer als in anderen Bereichen", sagte Analyst Michael Yannell von Gapstow Capital Partners gegenüber Bloomberg. Vielerorts kommt eine Art Todesspirale in Gang: Zunächst fällt ein so genannter Ankermieter in der Mall aus, zum Beispiel eine Filiale der angeschlagenen Ketten J.C. Penny (Gemischtwaren) oder Sears (Textilien).

Wie die Todesspirale funktioniert - auch in Deutschland

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Inside Amazon: So arbeitet es sich bei Amazon

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Prompt suchen noch weniger Menschen das Einkaufszentrum auf, und auch die anderen Mieter bekommen Schwierigkeiten. Der Immobilienbesitzer muss die Mieten senken oder mit Leerstand leben. Schlimmstenfalls kann er seine Kredite nicht mehr bedienen. Setzt sich der Trend fort, könnte jedes dritte US-Einkaufzentrum bedroht sein, berichtet das Wirtschaftsportal "Business Insider".

"Diese Einkaufszentren sterben und es gibt keine Aussicht auf eine Wende", heißt es in einem Bericht der Unternehmensberatung Alder Hill. Im laufenden Jahr könnte sich die Entwicklung dramatisch beschleunigen, nachdem viele Kaufhäuser das schlechteste Weihnachtsgeschäft seit Jahrzehnten hinter sich hatten.

Abhilfe ist kaum in Sicht. Anders als vor zehn Jahren geht es bei den Problemen der Malls nicht primär um steigende Zinsen oder kurzfristige Konjunkturprobleme. Vielmehr befindet sich der gesamte Einzelhandel in einer grundlegenden Transformation, die sich kaum zurückdrehen lässt.

Nicht nur, dass der Onlinehandel generell rasant auf Kosten stationärer Geschäfte wächst. Von diesem Wachstum profitiert überwiegend ein einzelnes Unternehmen - Amazon.

Kaufhof-Mutter Hudson Bay will allen Trends trotzen

Auf den Konzern von Milliardär Jeff Bezos entfielen 2016 kaum fassbare 53 Prozent des gesamten Branchen-Zuwachses. Die restlichen 47 Prozent teilen sich alle anderen Einzelhandelsfirmen, wie die Marktforscher von EMarketer ermittelt haben.

Angesichts derartiger Umbrüche ist das Geschäftsmodell klassischer Einkaufszentren vielfach obsolet. Noch am besten könnten sich besonders exklusive Malls behaupten, erwarten Unternehmensberater. In mittelgroßen Städten mit begrenztem Warenangebot drohe stationären Einzelhändlern dagegen häufiger der Exitus. Manche haben schon komplett auf online umgestellt.

Der Trend zum E-Commerce ist schon lange auch in Deutschland zu beobachten. Hierzulande ist der Online-Anteil im Non-Food-Bereich bereits auf 20 Prozent gewachsen und liegt in der Nähe des amerikanischen Niveaus. Kaufhäuser wie Karstadt und Kaufhof kämpfen schon seit vielen Jahren ums überleben. Doch auch Einkaufszentren geraten vielerorts unter Druck.

Allerdings verläuft die Entwicklung gerade aus Sicht des Finanzmarktes in den USA rasanter, wo der Einzelhandel in viel stärkerem Maße auf Einkaufszentren gründet. Pro Einwohner steht fast zehnmal mehr Fläche als in Deutschland in Malls zur Verfügung, die aus somit ein erhebliches finanzielles Klumpenrisiko darstellen.

Die wenigen optimistischen Worte in dieser für den Handel turbulenten Zeit kommen jedenfalls aus Europa. Um satte 20 Prozent wolle sein Unternehmen den Umsatz in den kommenden 24 Monaten auf dem Kontinent steigern, sagte der Verwaltungsratschef des kanadischen Handelskonzerns Hudson Bay, Richard Baker. Größter Hoffnungsträger ist dabei die deutsche Unternehmenstochter Kaufhof, wo der neue Chef Wolfgang Link auf Offensive schalten soll.

Ein Himmelfahrtskommando? Schließlich wirtschaften die Kanadier selbst defizitär. Doch die Hoffnung stirbt offenbar auch im Handel zuletzt.