Samstag, 21. September 2019

Umweltschützer kritisieren Amazons Kehrtwende Plastik statt Pappe - Amazon setzt auf leichte Päckchen

Plastik-Verpackung von Amazon Prime
Getty Images
Plastik-Verpackung von Amazon Prime

Plastik liegt nicht gerade im Trend - doch Amazon trotzt dem Zeitgeist: Für kleinere Päckchen hat der Logistikriese neuerdings Folien aus Kunststoff statt Papierumschlägen eingeführt. Das zuvor in Großbritannien und den USA in die Kritik geratene neue Verpackungsmaterial werde "seit einigen Monaten" auch in Sendungen an deutsche Kunden verwendet, bestätigte ein Konzernsprecher gegenüber manager-magazin.de. Es handle sich um einen geringen Anteil. Das Gros der verkauften Waren werde weiterhin in den bekannten Pappkartons ausgeliefert.

Da das Unternehmen hunderte Millionen Pakete pro Jahr in Deutschland verschickt, fällt jedoch auch ein geringer Anteil schon ins Gewicht. "Wir sehen eine Umstellung auf Plastik absolut kritisch", kommentiert Oliver Steiner, Geschäftsführer des Vereins Plasticontrol. Auch der Recyclingexperte Rolf Buschmann vom Umweltverband BUND nannte Amazons Schritt "nicht zielführend".

Das Unternehmen selbst teilte mit, "wir arbeiten kontinuierlich an der Verbesserung unserer Verpackungs- und Recyclingmöglichkeiten". Was gut oder schlecht laufe, werde ständig überprüft. Amazon habe in den vergangenen zehn Jahren mehr als 244.000 Tonnen Verpackungsmaterial sowie 500 Millionen Kartons eingespart.

Der Effizienz diene auch der Wechsel zu Plastik, schreibt die "Washington Post": Päckchen, die früher in dicken Pappumschlägen verschickt wurden, würden deutlich leichter. Zudem ließen sich größere Mengen in den Lieferwagen unterbringen und so Fahrten einsparen. Neben den betriebswirtschaftlichen Vorteilen könnte Amazon auf diese Weise auch seine Klimabilanz verbessern. Das Unternehmen hat sich jüngst zu dem Ziel bekannt, bis 2030 in der Logistik klimaneutral zu werden. Eine Initiative für systematischen Klimaschutz lehnte Amazon auf der Hauptversammlung im Mai jedoch ab.

Plastik kann durchaus ökologische Vorteile haben, auch im Vergleich zu Papier, das schwerer ist, energieintensiver produziert wird und große Mengen Wasser bindet.

Das große Problem jedoch ist das Recycling. In Großbritannien landen die Amazon-Tüten fast ausschließlich im Hausmüll und daraufhin in Verbrennungsanlagen oder auf Deponien - letztlich also in der Umwelt, berichtet der "Guardian". In den USA blockieren die Folien laut "Washington Post" die Anlagen der Recycling-Betriebe. "Wir müssen immer wieder die Maschinen stoppen", beklagte Managerin Lisa Sepanski von den Entsorgungsbetrieben des King County - Amazons Heimatkreis. Schon die Trennung der Plastikfolien von Papieraufklebern sei zu arbeitsaufwändig und mache die Behälter für wirtschaftliches Recycling untauglich.


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Für Deutschland sieht Amazon kein derartiges Problem: "Plastikverpackungen sind normalerweise im Rahmen der öffentlichen Abfallentsorgung recyclebar (Gelbe Tonne oder Gelber Sack)."

Ein Sprecher des Dualen Systems Deutschland zeigt sich ähnlich entspannt. "Da wir große Mengen Folien im Gelben Sack und der Gelben Tonne haben, sind die Sortieranlagen dafür gerüstet, sofern ein Papieretikett die Folie nicht vollflächig verdeckt", sagt er. Sofern die Folie nur aus einem Polymer oder zumindest aus Polyolefinen bestehe, lasse sie sich auch problemlos recyceln. "Wir waren halt in Deutschland schon immer breiter aufgestellt", kommentiert er die Überforderung der Entsorger in Übersee.

"Die realistische Recycling-Quote für Plastik in Deutschland ist sehr gering", hält Oliver Steiner von Plasticontrol dagegen. "Zwischen 5 und 10 Prozent werden einmalig wiederverwertet, alles andere verbrannt oder in Schwellen- und Entwicklungsländer exportiert." So könnten auch die Amazon-Tüten als Meeresmüll enden.

Pappe hingegen werde bei allen Problemen wenigstens zu 95 Prozent wiederverwendet, weiß BUND-Experte Buschmann. Ohnehin stamme Plastik aus nicht nachwachsenden Rohstoffen wie Öl oder Gas - und Bio-Kunststoffe seien "nicht unbedingt die Lösung".

Was Amazon dann tun solle? "Ganz anders denken", meint Buschmann. Schon verpackte Artikel müssten nicht extra noch in eine Versandhülle verpackt werden, verschiedene Lieferungen an einen Adressaten nicht einzeln. "Wir müssen zu anderen Logistiksystemen kommen", fordert Buschmann.

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