Sinneswandel eines Steuertricksers Jeff Bezos plädiert für höhere Unternehmensteuern

Ebenso wie Apple und Facebook steht der Online-Riese Amazon seit Jahren in der Kritik, durch zahlreiche Tricks seine Steuerlast auf ein Minimum zu drücken. Nun startet Jeff Bezos mit einem überraschenden Bekenntnis eine politische Charmeoffensive.
Ein klein wenig mehr Steuern: Amazon-Chef Jeff Bezos, ein Meister der Steuerminimierung, spricht sich für Steuererhöhungen aus

Ein klein wenig mehr Steuern: Amazon-Chef Jeff Bezos, ein Meister der Steuerminimierung, spricht sich für Steuererhöhungen aus

Foto: MARIO TAMA/ AFP

Der weltgrößte Onlinehändler Amazon steht seit langem wegen Steuervermeidung in der Kritik, jetzt spricht sich ausgerechnet Konzernchef Jeff Bezos (57) für höhere Abgaben aus. "Wir unterstützen eine Anhebung des Unternehmenssteuersatzes", erklärte Bezos am Dienstag (Ortszeit) in einer im Firmenblog von Amazon veröffentlichten Stellungnahme . Der Multimilliardär ermutigte Kongress und Regierung zu einer "richtigen, ausgewogenen Lösung, die die Wettbewerbsfähigkeit der USA aufrechterhält oder erweitert". Die Aussagen von Bezos erfolgen vor dem Hintergrund eines billionenschweren Infrastruktur-Investitionsprogramms, das US-Präsident Joe Biden (78) plant, und das zum Teil durch stärkere Unternehmensbesteuerung finanziert werden soll. Die Debatte um höhere Abgaben an den Fiskus war am Montag durch US-Finanzministerin Janet Yellen (74) weiter angefacht worden, die einen globalen Mindeststeuersatz für Unternehmen forderte. Der Vorschlag dürfte auch bei der Videokonferenz der G20-Finanzminister am Mittwoch ein Thema sein.

Bezos kann derzeit positive Schlagzeilen gebrauchen

Dass Bezos oder Amazon sich öffentlich zu politisch brisanten Themen äußern, ist eigentlich ungewöhnlich. Allerdings steht der Konzern unter Druck und kann positive PR derzeit gut gebrauchen. US-Präsident Biden hatte Amazon jüngst bei einer Rede als eines der Unternehmen gerügt, die gesetzliche Schlupflöcher nutzen, um Steuerzahlungen zu vermeiden. Außerdem ließ eine Abstimmung in Alabama, durch die erstmals eine US-Gewerkschaft Einzug bei Amazon  erhalten könnte, die Debatte um die Arbeitsbedingungen des Konzerns wieder hochkochen.

Nicht zuletzt steht der Konzern diesseits und jenseits des Atlantiks wegen seiner marktbeherrschenden Stellung politisch erheblich unter Druck. In den USA diskutiert die Politik, ob sie Amazon wegen zu großer Marktmacht aufspalten soll. Der Konzern diktiert Händlern auf seiner Plattform zum Teil brutale Bedingungen, durch die Ausweitung seines Medienangebots Prime sammelt Bezos zudem in großem Umfang Daten seiner Kundinnen und Kunden.

Tausende Händler in USA schmieden nationale Koalition gegen Amazon

Gegen Amazons Marktmacht hat sich in diesen Tagen eine nationale Koalition tausender kleiner und mittlerer Betriebe in den USA gebildet, die auf strengere Kartellauflagen gegen Amazon drängen. Sie fordern eine Gesetzgebung, die Amazon daran hindert, seine eigenen Produkte im Wettbewerb mit anderen Verkäufern zu verkaufen und die Amazons Einzelhandelsgeschäft streng von seinem Online-Marktplatz trennt, berichtet das "Wall Street Journal" . Wie der designierte neue Chef Andy Jassy (53) dazu steht, dass Amazon womöglich künftig höhere Steuern zahlen muss, ist nicht bekannt. Der bisherige Chef der Cloudsparte AWS soll den Vorstandsvorsitz im dritten Quartal dieses Jahres übernehmen.

rei/dpa-afx