Montag, 1. Juni 2020

AWS-Vize kündigt öffentlich wegen Amazon-Geschäftspraxis Dieser AWS-Manager legt den Finger in Amazons größte Wunde

Covid-Streik: Proteste gegen die Arbeitsbedingungen bei Amazon am 1. Mai in Kalifornein
VALERIE MACON / AFP
Covid-Streik: Proteste gegen die Arbeitsbedingungen bei Amazon am 1. Mai in Kalifornein

Die Covid-Krise wird für Amazon zur immer größeren Belastungsprobe: Zwar kann der Online-Versender enorm von der Krise profitieren und wachsen, weil er in Zeiten des Lockdowns für Kunden als zuverlässiger Lieferant wichtige Dienste leistet. Gleichzeitig hat der Konzern jedoch mit enormen Herausforderungen zu kämpfen, um den eigenen wirtschaftlichen Ansprüchen, denen von Kunden, Regulierern und dem Sicherheitsbedürfnis der eigenen Beschäftigten gerecht zu werden.

Tim Bray: Der Ex-AWS-Manager geht mit seinem ehemaligen Arbeitgeber hart ins Gericht
Tim Bray/wikipedia
Tim Bray: Der Ex-AWS-Manager geht mit seinem ehemaligen Arbeitgeber hart ins Gericht

Bei letzterem Punkt tut sich das Unternehmen nach Einschätzung von Beobachtern allerdings schwer, was nun zum öffentlichkeitswirksamen Abgang eines langjährigen führenden Managers führte. Tim Bray, seit fünf Jahren Vizepräsident von Amazons Cloudsparte AWS, trat zum 1. Mai von seinem Job bei der Amazon-Tochter zurück, aus Protest gegen die Entlassung mehrerer Aktivisten, die gegen die Arbeitsbedingungen bei Amazon in der Covid-Krise protestiert hatten. Und er machte seinem Ärger über die Missstände bei Amazon in einem Post Luft.

Amazon: Plattform außer Kontrolle

Die Entscheidung, Amazon Börsen-Chart zeigen zu verlassen, sei ihm nicht leicht gefallen, da er seinen Job, seine Kollegen und AWS sehr schätze - und ihn sein Abgang darüber hinaus unversteuert rund eine Million Dollar koste, schreibt Bray in seinem Blog. Aber da er mit seiner Argumentation über die offiziellen Kanäle nicht weitergekommen sei, bleibe ihm nun nichts anderes übrig, als zu kündigen. "Ein Amazon Vice President zu bleiben hätte letztlich bedeutet, Aktionen, die ich verabscheue, abzusegnen. Also bin ich zurückgetreten."

Mitarbeiter, die gegen Missstände Alarm schlügen, einfach zu entlassen, sei weder ein "Nebeneffekt makro-ökonomischer Kräfte" noch automatisch durch freie Märkte bedingt. "Es ist Zeichen einer toxischen Neigung in der Unternehmenskultur", die er weder verinnerlichen noch weitergeben wolle.

In Frankreich hatten Gerichte den Konzern gezwungen, einige seiner Logistikzentren zu schließen. Und auch im Vorzeigezentrum "Hamburg 2" in Norddeutschland hatte es unter den Mitarbeitern zuletzt erhebliche Unruhe wegen erhöhter Infektionszahlen in der Belegschaft gegeben; sogar das Gesundheitsamt war zur Prüfung angerückt.

Bray erklärte, er glaube den Beteuerungen, dass Amazon viel Arbeit und Geld in den Schutz seiner Mitarbeiter investiere - und ihm sei bewusst, dass sich ein "Supertanker" wie Amazon nicht im Handumdrehen umsteuern lasse. Aber er glaube auch den Mitarbeitern. Und letztlich gehe es auch um mehr: "Es geht darum, dass Amazon die Menschen in den Lagerhallen als "austauschbare Einheiten" betrachte. Und angesichts der Krise und der in den USA grassierenden Massenarbeitslosigkeit stehe zu befürchten, dass die Position dieser Beschäftigten noch schwächer werde. Amazon stehe mit dieser Bewertung von Arbeitern auch nicht alleine.

Amazon sei ein außerordentlich gut gemanagtes Unternehmen, das großartige Fähigkeiten darin bewiesen habe, Gelegenheiten zu sehen und wiederholbare Prozesse zu entwickeln, um diese zu nutzen. Gleichzeitig fehle es dem Unternehmen aber an Einsicht in die menschlichen Kosten für das unnachgiebige Wachstum, und die Anhäufung von Macht und Geld, so Bray. "Wenn uns einige Dinge, die Amazon tut, nicht gefallen, müssen wir rechtliche Leitplanken einziehen, um diese zu stoppen", schreibt er. Dazu müsse man nichts Neues erfinden, sondern bestehende Gesetze wie etwa das Kartellrecht und Gesetze zum Wohle der Arbeiter einfach konsequent anwenden. Dass dies möglich sei, zeige das Beispiel Frankreich, wo ein Gericht Amazon zwischenzeitlich nur noch einen eingeschränkten Versand erlaubt hatte, bis Amazon beim Gesundheitsschutz für die Mitarbeiter nachrüstete.

In den sozialen Medien erntete Bray für seinen Schritt viel Zustimmung und bekam sogar einige Jobangebote, wie er auf Twitter vermeldete - unter anderem von Google, Comcast und Huawei. Aktuell sei er aber nicht auf der Suche nach einem neuen Job, so Bray. Amazon selbst hat sich noch nicht zu den Vorgängen geäußert.

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