Montag, 16. September 2019

Fielmanns Erben Wie Brille24 und Mister Spex den Brillenhandel aufwühlen

Mister Spex-Geschäftsfüher Dirk Graber: "Da muss man den Hut vor ziehen"

2. Teil: Pragmatismus statt Analytik

Die Wachstumszahlen des Oldenburger Start-ups lesen sich ähnlich beeindruckend wie jene von Mister Spex. 270.000 Brillen verkaufte Brille24 im vergangenen Geschäftsjahr. Dies entspricht einem Kundenzuwachs von 31 Prozent. Legt man die Zahlen des Zentralverbandes der Augenoptiker zugrunde, ergibt sich ein erstaunliches Bild. Denn der ZVA geht für 2012 von 350.000 online verkauften Korrektionsbrillen aus. So käme Brille24 in diesem Marktsegment auf einen Anteil von gut 77 Prozent. Von allen in Deutschland verkauften Brillen stammt mittlerweile mehr als jede fünfzigste von Brille24.

Das 2007 vom Seriengründer Matthias Hunecke gegründete Unternehmen ist der Discounter unter den Online-Optikern - und damit anders positioniert als alle Konkurrenten. Und so verwundert es nicht, dass sowohl Mister Spex als auch Brille24 betonen, im Wettbewerb um Online-Kunden nichts vom jeweils anderen zu spüren.

Die eigentliche Konkurrenz sitzt woanders. Bei Mister Spex etwa tragen die zwei wichtigsten Konferenzräume im Berliner Hauptquartier die Namen "Apollo" und "Fielmann".

Auch sonst haben die beiden Unternehmen wenig gemein. Während Mister Spex, laut Listenpreis rund zehn Millionen Euro im Jahr an Werbung vor allem im Fernsehen ausgibt, hält sich Brille24 in dieser Hinsicht zurück. Während Mister Spex auf ein Markenportfolio von Brillenherstellern setzt, hat Brille24 sich dem Discount-Gedanken verschrieben, produziert günstig in Asien und verzichtet auf bekannte Labels. Und während Mister Spex schon jetzt mit rund 300 stationären Optikern im Servicegeschäft kooperiert und diese Zahl mittelfristig auf mehr als 500 ausbauen will, setzt Brille24 komplett auf das Netz.

Alleinstellungsmerkmal der Kostenführerschaft

Nicht zuletzt könnten die zwei Gründerpersönlichkeiten kaum unterschiedlicher ticken: auf der einen Seite der analytische Mister-Spex-Gründer Graber, auf der anderen der pragmatische Brille24-Gründers Hunecke. "Ich bin eher dafür, mit einem kleinen Budget erstmal etwas zu probieren, statt tagelange Analysen zu machen", sagt Hunecke, der sich bislang an mehr als dreißig Start-ups beteiligt hat - bei rund zwanzig von ihnen ist er bis heute engagiert.

Das Alleinstellungsmerkmal der Kostenführerschaft sei ihm im Übrigen aus der Not heraus in den Schoß gefallen. "Wer 2006 eine Brille im Internet verkaufen wollte, konnte es sich gar nicht leisten, dem Kunden verschiedene Glasqualitäten und andere Extras zu unterschiedlichen Preisen anzubieten", sagt er. Das wäre viel zu kompliziert gewesen. Der Grundgedanke war daher: "keep it simple", sagt der 36-Jährige. Daraus sei wiederum der USP geworden: ein Preis, in dem Gläser in der individuellen Sehstärke, Entspiegelung, Oberflächenhärtung, UV-Schutz 400, Lotus-Effekt bereits enthalten seien.

Im Unternehmen hat sich Hunecke inzwischen in den Aufsichtsrat zurückgezogen. Die Geschäfte führen - nachdem die Übergabe an einen ersten operativen Nachfolger scheiterte - mittlerweile Martin van Os, ehemaliger CFO von Soundcloud, und Brands4Friends-Mitgründer Mario Zimmermann. Diese Kombination scheint bislang gut zu funktionieren.

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