Handel Die Profiteure der Schlecker-Pleite

Fast 6000 Drogeriefilialen verschwanden mit der Schlecker-Pleite vom Markt. Ein Jahr später feiern sich ehemalige Konkurrenten wie DM und Rossmann als Gewinner im Kampf um die Schlecker-Kunden. Auch neue Anbieter hoffen, noch zu profitieren.
Gewinner-Drogeriekette Rossmann: Mit mehr als 16 Prozent Umsatzwachstum war 2012 das beste Geschäftsjahr der Firmengeschichte

Gewinner-Drogeriekette Rossmann: Mit mehr als 16 Prozent Umsatzwachstum war 2012 das beste Geschäftsjahr der Firmengeschichte

Foto: dapd

Köln - "Ich glaube, Sie haben das nicht verstanden. Es ist nichts mehr da." Mit diesen Worten an die versammelte Presse leitete Firmenerbin Meike Schlecker im Januar vergangenen Jahres das endgültige Aus für die Drogerie-Kette ein. Schon wenige Monate später waren die rund 6.000 Schlecker- und IhrPlatz-Filialen des Familienunternehmens geschlossen.

Das Schicksal der "Schlecker-Frauen" bewegte monatelang die Republik, die Bundesagentur für Arbeit bildete Sonderteams, um die mehr als 20.000 Mitarbeiter in neue Jobs zu vermitteln.

Während die Republik noch diskutierte, wer schuld war an der Pleite und wie viel vom Firmenvermögen die Unternehmerfamilie wohl zuvor in privaten Kassen in Sicherheit gebracht hatte, brachte sich die Konkurrenz im Eiltempo in Stellung für den Kampf um die ehemaligen Schlecker-Kunden.

Marktforscher spekulierten, wer wohl als Gewinner aus dem Wettbewerb um die Schlecker-Marktanteile hervorgehen würde: Der anthroposophisch angehauchte Marktführer DM, der durch die Schlecker-Pleite zum unangefochtenen Platzhirsch der Drogerieszene aufstieg? Der kleinere, aber aggressiv wachsende Konkurrent Rossmann? Oder würden die preisbewussten Schlecker-Kunden doch in die Drogerieabteilungen von Discountern und Supermärkten abwandern?

Rekordergebnis für Rossmann

Wirft man einen Blick auf die Geschäftszahlen der Drogerieketten, scheint die Antwort klar: Rossmann bejubelte auf der Bilanzpressekonferenz am Donnerstag ein Rekordergebnis: Mit 142 neuen Filialen - darunter 93 ehemalige IhrPlatz-Standorte - und mehr als 16 Prozent Umsatzwachstum war 2012 das beste Geschäftsjahr der Firmengeschichte.

Aber auch Konkurrent DM sieht sich mit 130 neuen Filialen und einem Umsatzwachstum von rund 14 Prozent auf der Gewinnerseite. "Die Drogerieketten haben das Rennen gemacht. Die Supermärkte konnten zwar auch einen Teil der Umsätze abgreifen, aber der Großteil ist im Drogeriebereich geblieben", sagt Handelsexperte Jörg Funder vom Institut für internationales Handelsmanagement (IIHD) in Worms. Größter Gewinner aus seiner Sicht: Die dynamisch wachsende Kette Rossmann.

Betrachtet man den Drogeriemarkt insgesamt, hat der Wegfall der Schlecker-Filialen den Umsatz allerdings gedämpft: Funder kommt mit seiner Analyse auf ein Plus von nur rund 2 Prozent auf 13 Milliarden Euro für den gesamten Drogeriemarkt im Jahr 2012. Laut dem Handelsexperten Wolfgang Adlwarth von der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) schrumpfte der Drogeriemarkt 2012 insgesamt sogar um 1,3 Prozent. "Obwohl die Ketten wie DM und Rossmann zweistellig gewachsen sind, konnten sie den Verlust in der Fläche nicht vollständig ausgleichen", sagt Adlwarth.

Aktuellen GfK-Analysen zufolge verdanken die Drogeriemärkte ihren Erfolg zudem gar nicht in erster Linie der Schlecker-Pleite.

Trend zu günstigen Aktions-Angeboten

"Der Großteil der Umsätze mit den Ex-Schlecker-Kunden ist zu den Supermärkten und Discountern abgewandert", behauptet GfK-Konsumforscher Adlwarth. "Die wiederum verlieren aber zunehmend Kunden an die Drogerieketten." Die preisbewusste Schlecker-Klientel kauft demnach Drogerieprodukte jetzt häufiger beim Discounter um die Ecke.

Gleichzeitig wandern andere Kunden ab. "Es sind vor allem die jüngeren Käufer und die Schicht der qualitätsbewussten "Lohas", also der gesundheits- und umweltbewussten Käufer, die zu den Drogeriemärkten wechseln", sagt Adlwarth. "Die kaufen vielleicht ihr Wasch- und Putzmittel noch beim Supermarkt, aber gerade bei Kosmetikprodukten vertrauen sie eher den Drogerieketten."

Vor allem DM könne bei dieser Kundschaft punkten, während Rossmann mit seinen Aktions-Angeboten und seinem breiten Sortiment auch jenseits der klassischen Drogerie-Produkte vor allem preisbewusste Kunden anspreche. Dieser Trend sei von der Schlecker-Pleite lediglich überdeckt worden. "Mit anderen Worten: Hätte es die Schleckerpleite nicht gegeben, hätten die Supermärkte und Discounter im Drogeriebereich wohl massiv an Umsatz verloren", sagt Adlwarth.

Die Pfründe des ehemaligen Marktführers sind verteilt

Das Verramschen der Schlecker-Restbestände im Laufe des vergangenen Jahres habe dagegen kaum einen Effekt auf den Markt gehabt. "Die Auswirkungen auf Preise und Umsätze waren insgesamt gesehen minimal, höchstens in einzelnen Monaten und an einzelnen Standorten hat der Ausverkauf die anderen Anbieter leicht gebremst." Inzwischen seien die Sondereffekte ausgelaufen, der Verteilungskampf weitgehend abgeschlossen.

Nun könnte also Ruhe einkehren auf dem Drogeriemarkt: Die Pfründe des ehemaligen Marktführers sind unter den ehemaligen Konkurrenten verteilt. Die Ware ist verramscht, die Filetstücke unter den ehemaligen Filialen sind längst vermietet.

Insolvenzverwalter Arndt Geiwitz hat Immobilienexperten mit dem Verkauf der ehemaligen Firmenzentrale und der Logistikzentren betraut - zwei Logistikstandorte seien bereits verkauft, für die übrigen Zentren und die Firmenzentrale gebe es Interessenten, sagt der Sprecher des Insolvenzverwalters.

Rund die Hälfte der mehr als 20.000 arbeitslosen "Schlecker-Frauen" hat inzwischen wieder einen neuen Job gefunden: DM hat nach eigenen Angaben eine vierstellige Zahl der Ex-Schlecker-Mitarbeiter übernommen, rund 2.000 Mitarbeiter fanden beim Konkurrenten Rossmann eine neue Beschäftigung.

Einige ehemalige "Schlecker-Frauen" haben mit Hilfe der Gewerkschaft verdi ihre Filialen gleich selbst übernommen: In Baden-Württemberg eröffneten sie unter dem Namen "Drehpunkt" sogenannte Bürgerdrogerien, die als Einkaufsgenossenschaften geführt werden sollen - und neben Drogerieprodukten auch Lebensmittel und andere Artikel des täglichen Bedarfs führen.

Das Modell Tante Emma - Angriff aus Österreich

Mit einem ähnlichen Konzept will in Kürze auch der österreichische Investor Rudolf Haberleitner wieder Bewegung in den deutschen Drogeriemarkt bringen: Diese Woche kündigte der 68-Jährige an, schon im Mai erste Testläden seiner Laden-Marke "Dayli" in Bayern und Baden-Württemberg eröffnen zu wollen.

Dayli soll nach dem Vorbild früherer Tante-Emma-Läden aufgezogen werden und als Nahversorger vor allem in ländlichen Gebieten in die Lücke springen, die durch die Schlecker-Pleite entstanden ist.

Mit seiner Beteiligungsgesellschaft Tap 09 hat er bereits die Schlecker-Filialen in Österreich, Italien und anderen europäischen Ländern übernommen. Den Deutschland-Start hatte der Wiener im vergangenen Jahr allerdings schon zweimal angekündigt - und dann doch wieder verschoben.

"Keine funktionierenden Vorbilder"

Marktbeobachter halten es ohnehin für fraglich, ob das Modell Tante Emma in den ehemaligen Drogerie-Läden funktionieren kann. "Aktuell lässt sich nicht erkennen, dass hinter Dayli ein tragfähiges Geschäftsmodell steckt. Es gibt keine funktionierenden Vorbilder und die unternehmerische Infrastruktur ist unklar. Dayli droht eine Sackgasse zu werden", sagt Thomas Roeb, Professor für Handelsbetriebslehre an der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg und früherer Schlecker-Berater.

Auch Konsumforscher Adlwarth ist skeptisch: "Die meisten Kunden haben in den vergangenen Monaten bereits neue Einkaufsgewohnheiten entwickelt. Es wird schwierig sein, die zurückzuholen in die alten Schlecker-Läden." Zwar habe Schlecker gerade in ländlichen Regionen Lücken hinterlassen, die von den Konkurrenten Rossmann und DM nicht gefüllt würden: "Schlecker war für viele Kunden eine Zweiteinkaufsgelegenheit: Den Großeinkauf machten sie woanders. Aber Kleinigkeiten, die man vergessen hatte oder spontan besorgen musste, kaufte man beim Schlecker um die Ecke."

Der große Vorteil der Schlecker-Läden war also die große Zahl der Filialen, die Präsenz in der Fläche. Ob ein neuer Anbieter dieses Geschäftsmodell im Gegensatz zur Unternehmerfamilie Schlecker profitabel umsetzen kann - daran zweifeln allerdings viele Marktkenner.