Mobiles Bezahlen "Physisches Geld wird verschwinden"

Das Bezahlen per Smartphone gilt als Trend der Zukunft. Doch in Deutschland ist davon noch herzlich wenig zu spüren. Paypal-Chef David Marcus sagt im Interview, wie wir in Zukunft zahlen werden - und wer im Wettlauf um die Kunden das Rennen machen wird.
Zukunft des Shoppens: Zahlen mit dem Smartphone

Zukunft des Shoppens: Zahlen mit dem Smartphone

Foto: PayPal

mm: Herr Marcus, seit Jahren schon heißt es, das mobile Bezahlen stehe vor dem großen Durchbruch. Es wird getestet, gibt jede Menge Allianzen, doch auf breiter Front tut sich wenig. Wie lange wird es dauern, bis wir wirklich im Alltag mobil bezahlen?

Marcus: Es dauert immer, bis Gewohnheiten sich ändern. Es gibt immer so genannte "early adopter", die sich neue Techniken früher zu eigen machen als andere. Aber die Geschwindigkeit, mit der sich neue Technologien verbreiten, hat sich enorm beschleunigt. Nehmen sie Skype oder Twitter. Skype nutzen mittlerweile sogar Großeltern, um ihre Enkel zu sehen. Wenn Menschen einmal verstanden haben, was ihnen die neue Technologien bieten, passt sich das Kommunikationsverhalten den neuen Möglichkeiten wirklich schnell an. Und das Tempo nimmt zu. Das heißt: Es wird noch etwas dauern. Aber nicht so lange wie die meisten glauben.

mm: Wenn wir uns in zwei Jahren wieder treffen, wie werden wir zahlen?

Marcus: Das hängt davon ab, wo wir uns treffen. In zwei Jahren wird immer noch mit Karte bezahlt werden - aber eine dieser Karten wird von Paypal sein. Es wird eine Menge Dinge geben, die das Bezahlen einfacher machen werden als heutzutage. Es wird Möglichkeiten geben, mit digitalen Technologien Wartezeiten - beispielsweise auf Kellner - deutlich abzukürzen oder gar zu überspringen. Das Kaufen - online oder bei stationären Händlern - wird zusammenfließen. Immer mehr kleinere Händler werden auch Rabattzahlungen anbieten.

mm: Das mit dem Überspringen beim Bezahlen müssen Sie noch mal genauer erläutern….

Marcus: Wir glauben an ortsgebundenes Bezahlen, so genanntes "location based payment". Heute sind die meisten Händler an Breitband-Internet angebunden - ebenso wie die meisten Smartphonenutzer. Und in beiden Fällen ist es möglich, die Marktteilnehmer technisch zu orten. Kunden können Händler wissen lassen, wo sie sich befinden. Das tun sie in der Regel, wenn sie sich davon Vorteile im Einkaufsprozess oder Rabatte versprechen. Das kann zum Beispiel sein, dass man im Restaurant über das Smartphone bestellen kann oder der Händler einem bestimmte Angebote unterbreitet.

Verdrängungswettbewerb: Wer am Ende übrig bleibt

mm: Rabatte gibt es ja schon oft über händlereigene Apps.

Marcus: Ja - aber man wird nicht für jeden einzelnen Laden eine eigene App herunterladen. Und weil wir 122 Millionen Kunden haben, glauben wir, dass wir all diese Apps auf eine Weise aggregieren können.

mm: Nun kämpfen ja eine ganze Reihe großer Spieler um den Zukunftsmarkt Mobiles Bezahlen. Banken sind darunter, Telekommunikationsunternehmen und Kreditkartenunternehmen. Was glauben Sie, wer wir das Rennen machen?

Marcus: Telekommunikationskonzerne werden eher zu Partnern werden als zu Wettbewerbern. Das hilft ihnen und uns. Wir können ihnen auf der Zahlungsseite helfen - für sie alleine wird es hier richtig schwer. Und wir wiederum können mehr Nutzer gewinnen, unser Händlernetzwerk erweitern. Die meisten Telekomkonzerne glauben aber noch, dass sie es in auf den entwickelten Märkten alleine schaffen können. Es wird noch eine Weile dauern, bis sie merken, wo sie spielen können und wo nicht. Aber das kann dauern. Große Unternehmen haben viel Geld.

mm: Und die Banken?

Marcus: Banken werden bleiben. Aber mobiles Bezahlen erfordert ein komplexes System und es ist sehr schwer, den Prozess für den Kunden angenehm zu gestalten. Wir kontrollieren dieses System komplett. Daher wird es mit den Banken meiner Einschätzung letzten Endes nach eher in Richtung Partnerschaften hinauslaufen - weil die Leute ihre Bank womöglich behalten wollen aber in ihre elektronische Geldbörse integrieren wollen. Aber es dauert, bis jeder sich darüber im klaren ist, wo seine Stärken liegen, was er leisten kann.

"NFC wird nicht die Lösung sein"

mm: Wie viele Teilnehmer werden auf dem Markt denn langfristig mitmischen?

Marcus: Einige Mitspieler von heute werden auf lange Sicht bestimmt nicht mehr dabei sein. Es ist wirklich schwer, im Bereich Payment ein großer Spieler zu sein. Die nationalen Unterschiede sind enorm - auch im Hinblick auf Regulierung. Jedesmal, wenn sich die Gesetzgebung ändert, müssen wir unsere Produkte dem anpassen. Das ist schwer, wenn man in 194 Ländern aktiv ist. Das ist wie bei einer beweglichen Zielscheibe. Auf der anderen Seite sorgt das für Wettbewerb.

mm: Wie viele Anbieter bleiben übrig, was schätzen Sie?

Marcus: Vielleicht eine Handvoll.

mm: Und welche Technik wird sich durchsetzen? Werden sogenannte NFC-Chips, also Nahfeldkommunikations-Chips, für die man das Gerät an ein Lesegerät halten muss und die von vielen Telekomanbietern und Banken propagiert werden, das Rennen machen?

Marcus: NFC wird nicht die Lösung sein - ganz einfach deshalb, weil NFC die Probleme nicht löst. Zudem ist es ein sehr kompliziertes System aus Banken, Smartphoneherstellern, Telefonanbietern und Händlern.

mm: Und wo sehen Sie die Lösung?

Marcus: Wir glauben an "location based payment". Kunden wollen alles mit ihrem Smartphone erledigen können. In den USA war vergangenes Jahr ein Testjahr. Dieses Jahr ist Deutschland dran. Wir werden hierzulande mehrere Versuche starten, um herauszufinden was hier funktioniert und was nicht. Und wenn wir das hier wissen, werden wie damit auf den Massenmarkt gehen.

mm: Wird physisches Geld verschwinden?

Marcus: Ja. Bis wann, ist schwer zu sagen. Aber es wird soweit kommen, dass mit Bargeld zu bezahlen so teuer und unbequem wird, dass man es nur im Notfall benutzt.

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