Honorarstreit Apotheker feilschen um neuen Festbetrag

Die gute Finanzlage der Kassen weckt Begehrlichkeiten. Nicht nur Ärzte wollen mehr Geld, auch die Apotheker machen Druck: Sie wollen künftig mehr beim Medikamentenverkauf verdienen. Anderenfalls drohe ein Apothekensterben - und Versorgungsengpässe auf dem Land.
Streit um den Aufschlag: Apotheker wollen mehr Geld für ihre Arbeit

Streit um den Aufschlag: Apotheker wollen mehr Geld für ihre Arbeit

Foto: Patrick Pleul/ picture alliance / dpa

Hamburg - Ann-Katrin Kossendey ist so etwas wie ein kleiner Star auf Youtube. Mehr als 40.000 mal haben die Nutzer des Internetportals die kleinen Filmchen bereits angeklickt, in denen die blondgelockte Apothekerin mit Legosteinchen und Klebezetteln auf die Lage ihres Berufstandes aufmerksam macht.

Und die umtriebige Niedersächsin geht noch weiter: Um die nackte Not vieler Kollegen zu illustrieren, ließ sie die Hüllen fallen - und protestierte so öffentlichkeitswirksam gegen den nach ihrer Ansicht viel zu geringen Apotheken-Aufschlag für Medikamente.

Die Apotheker scheinen von den Ärzten gelernt zu haben: Statt sich auf Lobbyarbeit zu beschränken, geht zumindest ein Teil von ihnen jetzt auch in der Öffentlichkeit aufs Ganze. Sie organisieren Proteste, drohen mit Warnstreiks und weigern sich, bevor mehr Geld fließt, neue bürokratische Anforderungen zu erfüllen.

Ihre Forderung: Sie wollen mehr Geld für die Abgabe von Arzneien. Bislang erhalten die Apotheken für ihre Arbeit einen Anteil von 3 Prozent auf den Einkaufspreis pro Packung, die über den Ladentisch geht. Hinzu kommt ein Zuschlag von 8,10 Euro, von dem sie allerdings 2,05 Euro an die gesetzlichen Krankenkassen abführen müssen. Bleibt unter dem Strich ein Fixbetrag von 6,05 Euro pro Packung.

Festbetrag soll steigen

Und eben dieser 2003 festgesetzte Festbetrag soll nun steigen. Umstritten ist allerdings, wie hoch die Anpassung ausfallen soll. Während Bundeswirtschaftsminister Philip Rösler 25 Cent pro Packung mehr zahlen will, fordern die Apotheken eine Aufstockung um mehr als einen Euro..

Die zusätzlichen 25 Cent, argumentieren sie, würden die gestiegenen Kosten für Miete, Personal nicht auffangen. Allein die Personalkosten, ein großer Batzen bei den Apothekern, hätten seit 2003 um fast 30 Prozent zugelegt, die Inflation um mehr als 10 Prozent. Der Staat, so ihre Argumentation, verdiene mit der Mehrwertsteuer deutlich mehr als sie selbst. Und das mit einem vollen Steuersatz, der deutlich über dem reduzierten liege, der in den meisten EU-Ländern für Arzneien Anwendung finde.

Bei Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) stoßen sie damit bislang allerdings auf taube Ohren. Der bremst - offenbar auch, um sich im Gerangel mit dem Koalitionspartner noch Verhandlungsmasse zu bewahren.

Drohendes Apothekensterben - Einsatz von Arzneimittelbussen auf dem Land

Die Apotheker wollen hingegen schnelle Resultate sehen - und führen als Argument ein drohendes Apothekensterben an, das - so der Apothekerverband ABDA - zu Versorgungslücken in der Bundesrepublik führen könnte.

Jede Woche, so die Warnung, schlössen per Saldo sechs Apotheken. Ein Szenario, das den CDU-Gesundheitspolitiker Jens Spahn sogar schon laut über Arzneimittelbusse für strukturschwache Gebiete nachdenken ließ, da auch bei den Apotheken Niederlassungsfreiheit herrscht.

Argumente für das Anliegen der Apotheker liefert die Treuhand Hannover - ein wichtiger Dienstleister der Branche. Demnach blieben einem Apotheker mit gängigem Jahresumsatz 2011 nach Abzug laufender Kosten vor Steuern rund 69.000 Euro. Den Experten zufolge nicht viel mehr als ein angestellter Apotheker netto verdient. Allerdings betreibt fast jeder fünfte Inhaber mittlerweile mehrere Filialen. Und für einen Großteil der Apotheken weisen die Finanzexperten auch sechsstellige Betriebsergebnisse aus.

Rund 21.000 Apotheken in Deutschland

Im Europäischen Vergleich sehen die Zahlen denn auch nicht wirklich bedrohlich aus. Mit knapp 21.100 Apotheken ist die Apothekerdichte in Deutschland immer noch guter europäischer Durchschnitt und liegt nur unwesentlich unter dem Wert von 2003. Rund 3800 Einwohner muss damit jede Filiale im Durchschnitt versorgen, weniger als in Dänemark, den Niederlanden, Schweden, Finnland und Luxemburg.

Auch die Zahl der Beschäftigten hat sich in den vergangenen Jahren kaum geändert. Die aufgrund der begrenzten Laborkapazitäten begrenzte Zahl der Pharmaziestudenten hat in den letzten Jahren sogar auf etwas mehr als 12.700 Studenten im Jahr 2010/2011 zugelegt. Der Apothekerverband lobt Jobs in der Branche weiter als zukunftssicher, was sich angesichts der aktuellen Lage nicht über jeden Berufszweig sagen lässt.

Zwar gebe es vor allem in ländliche Gebieten Apotheken, die sich wirtschaftlich in Schwierigkeiten befinden oder bei denen sich auch wegen sinkender Ärztezahlen im Umkreis kein Nachfolger finde, räumt der Gesundheitsökonom Markus Lingen von der Hochschule Osnabrück ein. Aber: "Die Lage ist nicht so schlecht, wie sie dargestellt wird", sagt er. "Das ganze Modell ist schon noch so, dass die Apotheker ganz gut daran verdienen, was sie machen", sagt er. Und fügt hinzu: "Wir haben sicher nicht zu wenig Apotheken."

Konkurrenz der Versandapotheken

Auch Markus Preissner vom Kölner Institut für Handelsforschung sieht nicht rabenschwarz. "Es gibt noch viele Apotheken, denen es gut geht", sagt er. Beispielsweise gut angebundene Ladengeschäfte in Ärztehäusern, mit zahlungskräftigem Klientel und geringem Konkurrenzdruck. Allerdings habe sich die Lage für die Branche insgesamt verschlechtert.

Dass die Zeiten weniger golden sind als noch vor Jahren, räumt auch Gesundheitsökonom Ralf Ziegenbein von der Fachhochschule Münster ein. "Natürlich sind in den letzten Jahren die Einschläge näher gerückt." So müssen sich die Apotheker seit einigen Jahren gegen die Konkurrenz der Versandapotheken wehren. Rabatte auf Arzneimittel dürfen diese ihren deutschen Kunden nach einem kürzlichen Gerichtsurteil allerdings nicht einräumen.. Und auch das vom früheren Gesundheits- und heutigen Wirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP) durchgesetzte Arzneimittelgesetz AMNOG hat die Gewinne der Apotheken laut Experten weiter schrumpfen lassen.

Gesundheitsökonom Ziegenbein kann die Klagen der Apotheker aber dennoch nicht mehr hören. "Der Apothekenmarkt ist einer, der durch einen hohe ordnungspolitischen Rahmen geprägt ist. Und der wird jetzt mehr und mehr aufgeweicht", sagt er. "Aber dafür gibt es gute Gründe."

"Der Lebensmittelhandel muss sich auch bewegen"

Von den Apothekern fordert er, sich den neuen Zeiten anzupassen, größer und damit wirtschaftlicher zu werden, mehr Service zu bieten, längere Öffnungszeiten. "Da muss man sich wie in anderen Branchen auch verändern und nicht nur jammern. Der Lebensmittelhandel und der Elektrofachhandel mussten sich auch irgendwie bewegen", sagt er. Beweise, dass dies funktioniere und von den Kunden honoriert werde, gebe es viele, betont er. "Und zwar extrem erfolgreiche."

Dass das System, wie es bislang in Deutschland bestand, das alleine selig machende ist, glaubt auch Lingen nicht. "In anderen Ländern gibt es andere Systeme. Und die funktionieren auch", sagt er.

Apotheken-Aktivistin Ann-Katrin Kossendey hat sich auf die neuen Zeiten offenbar bereits eingestellt. Im familieneigenen Gesundheitshaus in Wiefelstede in der Nähe von Oldenburg bietet die geschäftstüchtige Pharmazeutin ihren Kunden neben Arzneimitteln auch Ernährungsberatung und Dienste als Aromatherapiecoach an. Sie verkauft biologische Hausmittel, treibt fleißig Werbung im Internet und vertreibt zudem im hauseigenen Kinderladen Bücher, Plüschtiere, Spielzeug, Schulbedarf und andere Markenware. Und das alles von Montag bis Freitag von 8.00 bis 19.00 Uhr.