Sanierung mitgetragen Praktiker sucht Zuflucht bei Anchorage

Der Preis ist hoch: Um das Überleben ihrer Baumarktkette zu sichern, haben sich Praktiker-Aktionäre und Vorstand in die Hände des US-Investors Anchorage gerettet - und in einen Deal mit der Großaktionärin Isabella de Krassny. Konzernchef Kay Hafner muss nun um seine Zukunft bangen.
Von Kristian Klooß
Praktiker-Aufsichtsratschef von Schenck und Konzernchef Kay Hafner: Neue Perspektive mit Investor Anchorage

Praktiker-Aufsichtsratschef von Schenck und Konzernchef Kay Hafner: Neue Perspektive mit Investor Anchorage

Foto: DPA

Hamburg - Der Paukenschlag auf der Praktiker-Hauptversammlung blieb aus. Und doch schepperte es gewaltig. Zwar stimmten die kritischen Aktionäre unter Wortführerin Isabella de Krassny dem Sanierungskonzept zu, für das Praktiker-Chef Kay Hafner und sein Finanzvorstand Markus Schürholz zuvor vehement geworben hatten. Doch der Preis ist für beide Seiten hoch.

Die Aktionäre akzeptierten mangels einer eigenen Finanzierungslösung zähneknirschend die harten Finanzierungsbedingungen der Beteiligungsgesellschaft Anchorage - unter anderem ein hochverzinstes Darlehen, die Verpfändung der Tochter Max Bahr und eine Optionen auf 15 Prozent Aktienanteil an der Praktiker AG.

Vorstand und Aufsichtsrat beugten sich hingegen einigen der personellen Wünsche der Großaktionärssprecherin. So verlieren Ebbe Pelle Jacobsen und Kay Hafner ihre Aufsichtsratssitze. Ersetzt werden sie zum einen durch Erhard Grossnigg, Vorsitzender der mit 5 Prozent an Praktiker  beteiligten österreichischen Privatbank Semper Constantia. Zum anderen durch Armin Burger, früher Chef der Aldi-Tochter Hofer in Österreich und heute Generaldirektor des Immobilieninvestors Vienna Estate. Darüber hinaus setzten die Aktionäre durch, dass aktiv nach neuen Vorständen gesucht werden soll - vor allem für die Ressorts Einkauf und Vertrieb. Ohne das dieser Name offiziell genannt wurde, gilt als sicher, dass einer dieser neuen Vorstände de Krassnys Wunschkandidat, der ehemalige Obi-Manager Andreas Sandmann sein wird. "Er ist vom Fach", sagte de Krassny.

Wirklich glücklich wirkte auch sie am Ende nicht. "Ich bin immer noch gegen dieses sanierungskonzept", sagte de Krassny nach der Einigung. Aber ohne ihre Zustimmung hätte Anchorage den Vertrag gleich platzen lassen. "Ich bin gezwungen worden zuzustimmen."

Die Zustimmung bewegte schließlich auch den Aktienkurs von Praktiker. Im vorbörslichen Handel notierten die im SDax  gelisteten Anteilsscheine 12,9 Prozent höher, berichtet das Brokerhaus Lang & Schwarz. Am Vortag hatten die Aktien 5,4 Prozent auf 1,28 Euro eingebüßt,

Aufsichtsratchef von Schenk: "Es wird noch heißer werden"

Dem Kompromiss und der Zustimmung der kritischen Aktionäre war eine zwölfstündige Debatte vorausgegangen. Wobei es schon vor der eigentlichen Generaldebatte heiß her ging, was zunächst allerdings weniger mit den Redebeiträgen zu tun hatte, sondern mit bautechnischen Gründen. Denn das in Alsternähe gelegene Hamburger Curio-Haus, an dem sich die gut 200 Aktionäre der Baumarktkette versammelt hatten, verfügt nicht über eine funktionierende Klimaanlage. "Es dürfte im Verlauf der Veranstaltung noch heißer werden", sagte Kersten von Schenk, Aufsichtsratsvorsitzender und Versammlungsleiter, bevor er mit der Erläuterung der Geschäftsordnung fortsetzte.

Wie heiß die Hauptversammlung werden würde, wurde rund eine Minute später deutlich - als der Kleinaktionär Manfred Klein von seinem Stuhl aufsprang und sagte: "Die Ausführungen unseres Versammlungsleiters sind falsch." Der Grund: Klein hatte einen Gegenantrag gestellt und beschwerte sich darüber, dass dieser nicht ordnungsgemäß auf der Praktiker-Website veröffentlicht worden sei. Drei weitere Male unterbrach Klein den Versammlungsleiter und lief ans Rednerpult, um den Ausführungen Schenks zu widersprechen.

Der vorsichtige Applaus, den Klein für dieses erste Störfeuer erntete, glich in etwa jenem, den der wenige Minuten später ans Rednerpult tretende Vorstandschef Kay Hafner erhielt. Hafner, selbst Aufsichtsrat und seit Mai zudem Vorstandschef der maladen Baumarktkette, fand deutliche Worte: "Wir erleben heute, meine Damen und Herren, die zweifelsohne wichtigste Hauptversammlung der Konzerngeschichte." An diesem Tage gehe es um mehr als um den Jahresabschluss oder die Entlastung des Vorstands und Aufsichtsrats. "Es geht um die Zukunft, oder noch konkreter: es geht ums Überleben!"

Die Pistole auf die Brust gesetzt

Dabei setzte Hafner den Aktionären die Pistole auf die Brust: Er müsse nicht erklären, was es bedeuten würde, wenn die Frage nach der Zustimmung zum Sanierungskonzept verneint würde, sagte er. Dies gelte "für 24.000 Mitarbeiter im In- und Ausland - und für Ihren Kapitaleinsatz."

Dass diese Frage indes bis zum Abend offen blieb, dafür sorgten jedoch schon frühzeitig jene Aktionäre und Aktionärsvertreter, die einer nach dem anderen ankündigten, den Vorstand nicht entlasten zu wollen. "Herr Hafner, Sie haben gesagt, es geht uns Überleben und was das bedeutet, müssten Sie uns nicht sagen", sagte Markus Neumann von der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger. Und genau dies habe der Vorstand getan. "Sie haben uns nicht gesagt, was Sie vorhaben."

Dirk Unrau, Vertreter der Deutsche Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz, berichtete seinerseits von einem Gespräch mit einem Aktionär, der ihn auf dem Flur gefragt habe, ob sich Vorstand und Aufsichtsrat möglicherweise in der Tagesordnung verschrieben hätten, "weil es doch in der Tagesordnung heiße, Sie wollten um Ihre Entlastung bitten, obwohl es doch eher heißen müsste, um Ihre Entlassung", sagte Unrau an Vorstand und Aufsichtsrat gerichtet.

Der Aufruhr der Aktionäre war an diesem Tag gleich auf mehrere Gründe zurückzuführen. Wobei die finanziellen Probleme, in denen die Praktiker AG steckt, noch vergleichsweise leicht zu erklären sind. Denn es reicht im Grunde eine Zahl, um sie zu beziffern: 555 Millionen Euro Jahresfehlbetragt - bei 3,2 Milliarden Euro Umsatz im vergangenen Jahr.

Ein Problem, drei Konzepte

Bei der Lösung des Problems wird es indes kompliziert. Denn gleich drei Sanierungskonzepte konkurrierten bis vor kurzem darum, die Baumarktkette in die Zukunft zu führen.

Den Anfang hatte Hafners Vorgänger Thomas Fox gemacht. Der Westfale, bekannt geworden als Feuerwehrmann für Insolvenzfälle wie der Warenhauskette Karstadt, dem Möbelhersteller Schieder und der Drogeriemarktkette "Ihr Platz" hatte bei seinem gemeinsam mit der Boston Consulting Group entwickelten Sanierungskonzept für die Bauhauskette eigentlich mit der Kettensäge geplant.

Bis zu 1400 der insgesamt 10.800 Praktiker-Mitarbeiter in Deutschland sollten gehen, rund 30 der bundesweit 236 Märkte möglichst schnell geschlossen werden. Die Zentrale des ehemaligen MDax-Unternehmens sollte darüber hinaus aus dem saarländischen Kirkel nach Hamburg verlegt werden, wo die profitabel arbeitende Praktiker-Tochter Max Bahr schon heute ihren Sitz hat. Erklärtes Ziel war zudem, möglichst viele Märkte des gescheiterten Preisbrechers Praktiker ("20 Prozent auf alles, außer Tiernahrung") auf die vor allem in Norddeutschland verbreitete Premiummarke Max Bahr umzuflaggen.

Aus 300 Millionen Finanzbedarf wurden 160 Millionen

Doch Fox scheiterte. Mitte Mai wurde der als Sanierer angetretene Manager - nach nur acht Monaten - geschasst. Über die Gründe wurde seither spekuliert. Im Raum steht der Verdacht, dass Fox die Praktiker AG gezielt in die Insolvenz führen wollte, um sich so den finanziellen Altlasten zu entledigen. Auch die für die Sanierung benötigten 300 Millionen Euro waren offenbar schwieriger zu beschaffen als geplant. Die Banken waren schon im Februar in Sorge, überhaupt nur die bestehenden Kreditlinien bis September zu verlängern. Anleihegläubiger des Unternehmens hatte Fox mit im März mit der Forderung verschreckt, sie sollten sich statt mit einer Verzinsung von 5,875 Prozent mit einem Prozent zufrieden geben - vergeblich.

Fox' Nachfolger wurde Kay Hafner, seit 2006 Aufsichtsrat der Baumarktkette. Die Kettensäge legte Hafner zur Seite. Stattdessen ließ er sich von den Beratern Roland Bergers ein alternatives Sanierungskonzept durchrechnen. Demnach verlieren nun deutlich weniger Mitarbeiter als unter Fox geplant ihren Job. Auch die vorzeitige Schließung von 30 Praktiker-Märkten ist abgesagt. Verlustbringer sollen so lange geöffnet bleiben bis die Mietverträge auslaufen - was für bis zu 20 Märkte bis Ende 2016 gilt.

Ein bisschen Fox steckt aber auch im Sanierungskonzept der aktuellen Konzernführung. Denn die Marke Max Bahr soll weiterhin deutlich ausgebaut werden. Rund 120 Praktiker-Märkte sollen von Kostenführerschaft auf Qualitätsführerschaft getrimmt, also von Praktiker-Blau auf Max-Bahr-Gelb umgeflaggt werden. Auch am Umzug nach Hamburg, der bis September abgeschlossen sein soll, hält Hafner fest.

Schreckgespenst Anchorage

Kern und Streitpunkt des Konzeptes ist indes die Finanzierung. Statt den von Fox veranschlagten mehr als 300 Millionen Euro sollen nun 160 Millionen Euro reichen, um die Praktiker AG zu sanieren. Ein Teil das Betrags soll nach dem heutigen Beschluss durch eine Kapitalerhöhung eingesammelt werden - was rund 60 Millionen Euro einbringt.

Etwas mehr als die Hälfte des Betrags - 85 Millionen Euro - trägt hingegen die New Yorker Beteiligungsgesellschaft Anchorage bei. Wobei Anchorage ein vorrangig besichertes und mit mehr als 15 Prozent verzinstes Darlehen zur Verfügung stellt. Die Sicherheit schließt das nach Einschätzung von Experten wertvollste Asset der Praktiker AG mit ein: die derzeit 78 Baumärkte von Max Bahr. Darüber hinaus hat sich die Private-Equity-Gesellschaft Bezugsrechte für bis zu 15 Prozent der Praktiker-Aktien zusichern lassen.

"Wir können Ihnen keinen anderen Finanzierungsvorschlag unterbreiten, weil es zu dem dargestellten Finanzierungskonzept keine Alternativen gibt", sagte Praktiker-CFO Markus Schürholz, als er die Eckdaten des Finanzierungskonzeptes präsentierte.

Doch genau dies wurde in der Generaldebatte von fast allen Rednern bestritten. Und umso gespannter waren die anwesenden Aktionäre schließlich, was die größte Gegnerin des Anchorage-Konzepts sagen würde: Isabella de Krassny.

Drei-Säulen-Konzept als Alternative

Die österreichische Fondsmanagerin - Ehefrau des Industriellen Alain de Krassny - gilt als Wortführerin der Gegner des Anchorage-Konzepts. Als sie aufgerufen wurde, wandten sich viele Aktionäre im Saal um, um zu sehen, wer da durch den Saal in Richtung Mikrofon schreiten würde. Nach kurzer Stille stand eine schlanke blonde Frau in hellgrünem Kleid und mit goldenen Ohrringen auf. Ruhig schritt sie ans Rednerpult.

"Grüß Gott, ich bin die, die seit einigen Monaten verzweifelt um die Zukunft dieses Unternehmens kämpft", sagte die Vertreterin der österreichischen Privatbank Semper Constantia und der Investmentgesellschaft Maseltov, die zusammen rund 15 Prozent der Aktionärsstimmen auf sich vereinigen. Mühe, ihren Frust über Aufsichtsrat und Vorstand zu verbergen, gab sie sich gar nicht erst. "Die haben uns abblitzen lassen", sagte de Krassny an Vorstand und Aufsichtsrat gerichtet. Der Hintergrund: Schon vor Monaten hatte sie den Beteiligten ihr eigenes Sanierungskonzept vorgelegt.

Im Unterschied zum "Anchorage"-Konzept schlägt de Krassny in ihrem als "Spark"-Konzept bezeichneten Alternativplan ein Drei-Säulen-Konzept vor: Demnach soll die Premiummarke Max Bahr zwar gestärkt, allerdings nur 60 bis 80 Märkte der Billigmarke Praktiker umgestellt werden. Kleinere Märkte sollen zudem an Franchisepartner gehen und dafür eine dritte Marke mit Namen "Extra Bau + Hobby" geschaffen werden.

de Krassny: "Die haben uns abblitzten lassen"

Der Sanierungsaufwand liegt nach Ansicht de Krassnys bei rund 100 Millionen Euro - also erheblich niedriger als die 160 Millionen Hafners oder die 300 Millionen Euro, die Ex-Praktiker-Sanierer Fox einst veranschlagt hatte. Semper Constantia, Maseltov und Co. wollen das Geld im Wesentlichen durch ein hochverzinstes Sanierungsdarlehen aufbringen, das mit Max Bahr und der Praktiker-Landesgesellschaft in Griechenland besichert ist.

So sympathisch das Konzept und die Personalvorschläge vielen Aktionären wären, so wenig konnten die Anteilseigner dem mit ihrer Stimme auf der Hauptversammlung direkt Ausdruck verleihen. Der Grund: Die Mail, in der Isabella de Krassny eine außerordentliche Hauptversammlung beantragt hatte, fehlte eine elektronische Signatur. "Der Vorstand hat uns einfach abblitzten lassen", sagte die Aktionärsvertreterin.

Abblitzen ließ sie sich zumindest auf der Hauptversammlung nicht. Und das der ehemalige Obi-Manager Andreas Sandmann den Vorstandsvorsitz der Praktiker AG nicht sofort der Vorstandsvorsitz übernommen hat und nicht weitere Aufsichtsräte gehen mussten, lag vor allem daran, dass auch für die Österreicherin zu viel auf dem Spiel stand.

Dies, daran ließ sie indes keinen Zweifel, könne sich schnell ändern, wenn es gelingt, doch noch die nötigen alternativen Kapitalgeber zu finden.

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