Fotostrecke

Rieseninsolvenzen: Deutschlands spektakulärste Pleiten

Foto: Marijan Murat/ dpa

Ausverkauf am Schlusstag Schlecker bietet 20 Cent auf alles

Bis 15 Uhr lief heute Deutschlands prominentester Schlussverkauf: Schlecker bot den Rest seiner Waren für 20 Cent an. Danach machten alle Filialen dicht - und in vielen Schlecker-Beschäftigten kochte die Wut hoch: Auf die Schleckers und die Gewerkschaften.

Hamburg - Diese Leerstellen hat jeder schon gesehen. Ehemalige Schlecker-Filialen, schon geschlossen, leer verkauft und leer geräumt, die wie Zahnlücken aus Deutschlands Einkaufsstraßen hervorstechen. Die Filialen, die noch etwas in ihren Regalen stehen haben, machen heute auch Schicht: Um 15 Uhr schließen alle verbliebenen 2800 Schlecker-Geschäfte und beenden damit ihren Schlussverkauf, der seinesgleichen sucht: Noch einmal hatte Schlecker-Insolvenzverwalter Arndt Geiwitz alles aus dem Filialbetrieb herauszuholen versucht und die übrig gebliebene Waren verramschen lassen - 20 Cent für alles.

Wie viele Filialen sich an diesem Schlussverkauf noch beteiligt haben, weiß niemand so recht. Nicht mal der Insolvenzverwalter. "Die IT von Schlecker ist nicht gut genug ausgebaut, als dass wir das exakt sagen können", sagte ein Sprecher des Insolvenzverwalters. Sicher ist dagegen, dass der Kampf der Schlecker-Beschäftigten mit der Schlussfanfare um 15 Uhr erst so richtig losgehen wird. Die wenigstens haben bisher eine Anschlussstelle gefunden.

Ein großer Teil der Schlecker-Beschäftigten findet sich vielmehr als neuer Kunde bei der Bundesagentur für Arbeit wieder. 8000 der 12.000 Schlecker-Leute sind bei den Vermittlern derzeit gemeldet, 3500 haben eine Qualifizierung angetreten. Nach Einschätzung der Bundesagentur für Arbeit sei diese Zwischenbilanz kurz nach der Kündigungswelle nicht ungewöhnlich. Für alle aber gilt: Die mehr als 13.000 verbliebenen Mitarbeiter müssen sich um neue Jobs bemühen. "Die Freistellungsschreiben sollen Freitag per Einschreiben in die Post gehen", sagte ein Sprecher von Insolvenzverwalter Arndt Geiwitz. Offiziell seien die Beschäftigten zum 1. Juli freigestellt.

Für Geiwitz bleibt laut Sprecher jetzt noch die Prüfung von Rückübertragungen von Vermögen innerhalb der Schlecker-Familie als Aufgabe, und die hat es in sich. Offenbar hat Firmengründer Anton Schlecker das Ende seines Drogerieimperiums kommen sehen - die Verluste häuften sich in den vergangenen Jahren ja auch. Entsprechend baute er vor. Nach Informationen der "Bild"-Zeitung habe Anton Schlecker das eigene Vermögen Zug um Zug seiner Familie übertragen - und es so elegant beiseite geschafft.

Wut auf Schlecker, Verblüffung über Verdi

Der letzte Schachzug laut "Bild": Nur vier Monate vor der Insolvenz - am 7. September 2011 - habe Schlecker seinen Sohn Lars als neuen Eigentümer seines 7000 Quadratmeter großen Firmengrundstücks in der Talstraße 7 in Ehingen einsetzen lassen. Wäre der Besitz im Eigentum des Firmenchefs geblieben, würde der mögliche Verkaufserlös daraus in die Insolvenzmasse fließen. Und aus der könnten auch Abfindungen an Schlecker-Beschäftigte gezahlt werden. Verständlich deshalb die Wut vieler Schlecker-Angestellten auf ihren ehemaligen Chef, Grüdner und Besitzer der Schlecker-Filialimperiums - auf Anton Schlecker.

Mittlerweile mischt sich unter die Wut auf ihn aber auch Ernüchterung über die Hilfe der Gewerkschaft Verdi für die Schlecker-Frauen. Verdi hatte, individuell in vielen Fällen wahrscheinlich sogar sinnvoller Weise, zu Kündigungsschutzklagen gegen Schlecker geraten, und viele Schlecker-Frauen waren dem Rat gefolgt. Schließlich allerdings lagen mehrere Tausend Klagen vor - und genau diese Menge schreckte, neben anderen Gründen, mögliche Investoren vom Kauf der Schlecker-Filialen ab. Die Lage der Schlecker-Frauen hatte sich so durch den Rat der Verdi-Leute zu Kündigungsschutzklagen nicht unbedingt verbessert. Im Gegenteil.

Der Handelsverband Deutschland (HDE) bewertete die Erfahrungen mit der Insolvenz der Drogeriekette Schlecker als Anstoß für einen Neuanlauf zur Reform des Kündigungsschutzes. "Kündigungsverfahren müssen einfacher und berechenbarer werden", mahnte HDE-Geschäftsführer Heribert Jöris im "Handelsblatt". Gerade im Insolvenzfall habe niemand etwas davon, wenn das Risiko langwieriger Rechtsstreitigkeiten mit gekündigten Arbeitnehmern letztlich Investoren abschrecke.

Unter Umständen haben die Verdi-Gewerkschafter mit ihrem Rat zu massenhaften Kündigungsschutzklagen so sogar ein Eigentor geschossen, an das sie sich noch lange erinnern könnten. Plötzlich bricht die Debatte über eine generelle Überarbeitung des Kündigungsschutzes in Deutschland auf, die es ohne den Schlecker-Fall womöglich nie gegeben hätte. Und auch nicht ohne den Verdi-Rat zu Kündigungsschutzklagen.

So aber bekommt genau diese Debatte neue Wucht. Furcht vor kaum kalkulierbaren Rechtsstreitigkeiten mit gekündigten Arbeitnehmern bringe viele Unternehmen erst dazu, auf Zeitarbeit, Werkverträge und andere Beschäftigungsformen auszuweichen, warnte heute auch Johann Wadephul, Arbeitsmarktexperte und Bundesvorstandsmitglied der CDU im "Handelsblatt". Er forderte eine generelle Überarbeitung des "in seiner heutigen Ausgestaltung nicht mehr zeitgemäße Kündigungsschutzes", sagte Wadephul.

kst/apd/rtr
Mehr lesen über
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.