Versandhandel Job-Kahlschlag bei Neckermann

Allzu lang hat Neckermann am siechenden Kataloggeschäft festgehalten. Aus Angst vor dem Quelle-Schicksal reißt der Versandhändler jetzt das Ruder herum. Waren werden ausschließlich über das Internet vertrieben. Die Hälfte der Stellen fällt weg. Die Gewerkschaft fühlt sich überrumpelt.
Kaum noch Kataloggeschäft: Die meisten Waren werden online bestellt

Kaum noch Kataloggeschäft: Die meisten Waren werden online bestellt

Foto: Frank Rumpenhorst/ picture alliance / dpa

Düsseldorf -Der Versandhändler Neckermann.de streicht knapp 1400 und damit mehr als die Hälfte aller Stellen. Die 2010 nach der Pleite des Handelskonzerns Arcandor vom Investor Sun Capital übernommene Frankfurter Traditionsfirma will ihre Artikel künftig nur noch über das Internet verkaufen, wie Neckermann.de am Freitag mitteilte. Das schrumpfende Katalog-Geschäft werde aufgegeben. Dies soll Spielraum schaffen für Millionen-Investitionen ins Internet. Schon heute würden 80 Prozent der Umsätze online erwirtschaftet.

"Die Zukunft des Versandhandels liegt im Internet. Dieser Entwicklung können wir uns nicht verschließen", erklärte Vorstandschef Henning Koopmann. Ziel sei es, nachhaltig profitabel zu bleiben. Die mangelnde Hinwendung zum Online-Handel galt seinerzeit als ein Grund für das Aus der ehemaligen Schwesterfirma Quelle, die inzwischen abgewickelt wurde.

"Um langfristig wettbewerbsfähig zu bleiben, muss das Unternehmen die bestehende operative Infrastruktur anpassen", sagte auch Paul Daccus, Manager beim Neckerman-Eigner Sun. "Dazu wird die Unterstützung verschiedener Parteien erforderlich sein." Die britische Immobiliengesellschaft Segro teilte dazu mit, Neckermann wolle Mieten neu aushandeln. Nähere Angaben dazu machten Segro nicht. Neckermann wollte sich nicht dazu äußern.

Insgesamt sollen im Rahmen der Ausrichtung auf den Internet-Handel knapp 1400 Arbeitsplätze wegfallen. Der Großteil - rund 1000 Stellen - entfalle auf den Bereich Einkauf mit dem Schwerpunkt Textil sowie auf die dafür notwendige Logistik.

Verdi: Die Beschäftigten wurden kalt erwischt

Die Gewerkschaft Verdi fühlt sich von den Umbauplänen überrumpelt. "Die Beschäftigten wurden kalt erwischt und sind geschockt", sagte Verdi-Bundesvorstandsmitglied Stefanie Nutzenberger. Sie kämen auch für die Vertreterinnen und Vertreter der Arbeitnehmer im Aufsichtsrat völlig überraschend.

"Was jetzt auf dem Tisch liegt, ist ein harter Schlag und in der Dimension völlig unerwartet." Besonders hart treffe es die Beschäftigten des Logistik-Bereichs. "Die Geschäftsführung will dort sämtliche 870 Arbeitsplätze streichen. Dieser Kahlschlag ist eine soziale Katastrophe."

Aus Sicht von Branchenexperten vollzieht Neckermann.de damit einen überfälligen Kurswechsel. Das Unternehmen habe bislang seinen Schwerpunkt "nicht klar genug" auf den E-Commerce gesetzt, sagt Christin Schmidt, Sprecherin des Bundesverband des Deutschen Versandhandels.

Die Ära der Kataloge ist vorbei

Die Ära der rund 1000 Seiten starken und kiloschweren Versandhaus-Kataloge, wie sie zur Wirtschaftswunder-Zeit populär wurden, ist vorbei. Die Druckkosten für Universalkataloge, die zweimal im Jahr tausende Waren anboten, gingen in die Millionen."Die dicken Kataloge haben eine ganze Menge Nachteile", meint auch Trendforscher Marco Atzberger vom Handelsinstitut EHI. In den sehr umfangreichen Hauptkatalogen müssten sich die Versandhändler für ein halbes Jahr auf ihr Sortiment und ihre Preise festlegen. Das sei ein klarer Nachteil gegenüber den reinen Online-Portalen, die jederzeit auf das Wetter und die Nachfrage bei Produkten reagieren könnten.

Nach Einschätzung des EHI-Experten findet eine Kannibalisierung innerhalb des Versandhandels statt, ein Wechsel von den traditionellen Katalogen mit einer Bestellkarte und dem Anruf bei einer Hotline hin zum Einkaufen per Mausklick bei den Onlineportalen.

Die Verbraucher werden nach Meinung der Branchenbeobachter auch in Zukunft Katalog erhalten, aber schmalere und mit anderen Funktionen. Laut Atzberger könnte es in Richtung Kundenmagazin oder Imagewerbung gehen. Kleinere Kataloge kommen häufiger ins Haus, dazu gewinnen neue Formate wie Kataloge für iPads an Bedeutung, meint Schmidt.

Im Katalog wird also noch gestöbert - bestellt wird dann aber zum größten Teil im Internet. Der Trend zu Online-Bestellungen ist ungebrochen, 2011 lag der Anteil am Gesamtumsatz bereits bei 64 Prozent. Insgesamt boomt der Versandhandel seit Jahren. 2011 erzielte die Branche einen Rekordumsatz von 34 Milliarden Euro, das war ein Plus von mehr als 12 Prozent - Tendenz steigend.

Internet-Boom verschlafen

Wer aber den Einkaufsboom per Internet verpasst, dem droht das Aus - wie dem legendären Versandhändler Quelle. 2009 ging das einstige Vorzeige-Unternehmen in die Insolvenz. Zu spät war Quelle ins Internet-Geschäft eingestiegen, erste Erfolge beim radikalen Umbau wurden von der Insolvenz des Mutterkonzerns Arcandor zunichtegemacht.

Aus dem Konkurrenzkampf der großen, von ihren Gründern und Besitzern geprägten Versandhäuser wie Quelle, Neckermann und Otto waren die Hamburger als Gewinner hervorgegangen, auch dank ihres frühzeitig angeschobenen Online-Geschäftes. Aber auch bei der Otto Group in Hamburg, dem weltweit größten Versandhandelsunternehmen, herrscht Unruhe.

Das Management will die drei deutschen Versandhändler Otto in Hamburg, Baur in Burgkunstadt und Schwab in Hanau stärker miteinander verzahnen und unter eine gemeinsame Leitung stellen. Die Details sind noch unklar. Die Otto-Führung musste sich deshalb vor wenigen Tagen auf einer Betriebsversammlung deutliche Worte vom Betriebsrat anhören, der eine klare Strategie für die Positionierung der Unternehmen vermisst.

Otto weist das zurück. "Wir handeln als größter Mode- und Lifestyle-Onlinehändler aus einer Position der Stärke und sind in einer völlig anderen Situation als Neckermann", sagte ein Sprecher. Die Unternehmen erwirtschaften Gewinn, müssten aber wettbewerbsfähig gehalten werden. Bis zum Herbst wird sich herausstellen, ob es bei Otto zu betriebsbedingten Kündigungen kommt; dann soll mit der Umsetzung begonnen werden.

mahi/rtr/dpa
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