Schwarze Städte-Liste Schlecker benennt 2000 Schließkandidaten

Albtraum für Schlecker-Mitarbeiter: In eineinhalb Wochen will die insolvente Drogeriekette 2000 von 5400 Filialen schließen. Die Hälfte der 25.000 Beschäftigten könnte ihren Job verlieren. Jetzt hat Schlecker eine Liste mit den 2000 Filialen rausgerückt, die geschlossen werden sollen.
Räumungsverkauf: In 2000 Filialen beginnen die Vorbereitungen für die Schließung

Räumungsverkauf: In 2000 Filialen beginnen die Vorbereitungen für die Schließung

Foto: Tobias Kleinschmidt/ dpa

Ehingen - Schlecker macht Ernst: Mindestens 2000 Filialen werden in eineinhalb Wochen schließen. Während die insolvente Drogeriekette heute die Schließliste veröffentlichte, begannen die Mitarbeiterinnen der insolventen Drogeriekette mit den Vorbereitungen für den Räumungsverkauf und Rabattaktionen von bis zu 30 Prozent.

Übernächsten Samstag (24. März) sollen die betroffenen Läden zum letzten Mal öffnen. Welche der annähernd 12 000 betroffenen Mitarbeiterinnen ihre Jobs verlieren, steht erst fest, wenn der Sozialplan ausgehandelt ist.

Schlecker veröffentlichte am Mittwoch eine Liste mit Filialen , die voraussichtlich geschlossen werden. Nach Angaben eines Sprechers sind die Angaben noch vorläufig. Auf der 40 Seiten langen Liste sind Märkte von Aachen bis ins niederbayerische Zwiesel aufgeführt. 2000 Filialen sollen wie bereits angekündigt endgültig geschlossen werden - nur sie sind auf der Liste aufgeführt. Unlängst zählte Schlecker in Deutschland noch rund 5400 Filialen.

Von rund 400 weiteren Filialen, die noch auf wackeligen Füßen standen, sind mittlerweile dem Vernehmen nach rund 120 gerettet. Über 280 weitere spricht Schlecker-Insolvenzverwalter Arndt Geiwitz noch mit den Arbeitnehmervertretern.

Weiter wird um Staatshilfen für die Drogeriekette gestritten - Bund und Länder schieben sich gegenseitig den "Schwarzen Peter" zu. Möglicherweise kann es bei den Schließungen noch zu kleinen Veränderungen kommen - doch ist das Aus für die Läden ziemlich sicher.

Sozialplan wird noch ausgehandelt

Insolvenzverwalter Geiwitz will 11.750 Stellen streichen, um ab April mit schwarzen Zahlen das Unternehmen weiter zu führen. Die Betriebsräte teilten derweil mit, sie hätten eine erste Liste mit Namen der zu entlassenden Beschäftigten erhalten. Diese werde nun darauf geprüft, ob sie mit den Sozialkriterien verträglich sei. Schlecker beschäftigt 25.000 Mitarbeiter.

Welche Mitarbeiterinnen ihre Jobs verlieren, ist noch unklar. Die genaue Zahl der Entlassungen steht aber erst fest, wenn der Sozialplan für die insolvente Drogeriekette ausgehandelt ist. Verdi und die Betriebsrätinnen erhielten am Mittwoch eine erste Namensliste. "Ich gehe davon aus, dass wir am kommenden Wochenende zu Entscheidungen kommen werden", sagte Bernhard Franke, der zuständige Verdi-Verhandlungsführer.

Die Diskussion um Staatshilfen wird derweilen immer heftiger. Das Bundeswirtschaftsministerium stellte klar, dass insolvente Firmen wie Schlecker nicht für Programmkredite der Staatsbank KfW antragsberechtigt seien. Wirtschaftsstaatssekretär Bernhard Heitzer verwies in einem am Mittwoch bekanntgewordenen Schreiben an Baden-Württembergs Finanzminister Nils Schmid und die Stuttgarter Arbeitsministerin Katrin Altpeter (beide SPD) darauf, dass das Land zuständig sei, in dem das Unternehmen sitze. Auch hätten die Länder eigene Förderinstitute.

Im Stuttgarter Landtag gab es eine heftige Kontroverse. "Wollen Sie eisig schweigen?", fragte Schmid am Mittwoch in einer aktuellen Debatte im Stuttgarter Landtag die Fraktionen von CDU und Liberalen. "Die Uhr tickt." Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP) habe sich quergestellt und einen 70-Millionen-Kredit für die Transfergesellschaft verweigert. "Diese Frauen haben nicht die Gleichgültigkeit und Hochnäsigkeit des Herrn Rösler verdient." Schmid wollte sich am Mittwoch bei einem Treffen mit Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU) nochmals für Hilfen stark machen.

Fall Opel kein Vorbild

Die Opposition hielt dem Minister schädlichen Aktionismus vor. "Das ist primär keine staatliche Aufgabe, sich da einzumischen", sagte der liberale Fraktionschef Hans-Ulrich Rülke. Schmid betreibe "reinen Populismus auf dem Rücken der Schlecker-Mitarbeiter". Es gebe 3800 offene Stellen für Verkäuferinnen und Kaufleute im Land. Zudem könnten viele Frauen bei den Schlecker-Konkurrenten dm, Rossmann und Müller unterkommen.

Das Bundeswirtschaftsministerium machte den Schlecker-Mitarbeitern wenig Hoffnung auf Hilfen zur Gründung einer Auffanggesellschaft. Ein Milliardenkredit, wie er dem insolventen Autobauer Opel im Jahr 2009 gewährt worden sei, sei kein Vorbild für Schlecker. Das schrieb Wirtschaftsstaatssekretär Bernhard Heitzer in einem Brief an die baden-württembergische Arbeitsministerin Katrin Altpeter und den Wirtschaftsminister Nils Schmid (beide SPD).

Der Opel-Kredit sei während der Finanz- und Wirtschaftskrise "im Rahmen eines erweiterten Beihilferegimes" gewährt worden. Diese Möglichkeit über den damaligen "Deutschlandfonds", die im Einklang mit dem europäischen Beihilferecht gestanden habe, gebe es aber nicht mehr.

Heitzer erläuterte weiter, er habe Insolvenzverwalter Geiwitz bereits bei einem Treffen erklärt, "dass insolvente Unternehmen wie Schlecker als sogenannte 'Unternehmen in Schwierigkeiten' für Programmkredite der KfW nicht antragsberechtigt sind". Damit verschließe sich diese Hilfsmöglichkeit über die staatliche Förderbank KfW.

Experte fordert fundamentale Neuorientierung für Schlecker

Die Filialschließungen alleine dürften die schwer angeschlagene Drogeriekette nicht retten, warnt ein Experte. "Das hilft vielleicht kurz- oder mittelfristig. Langfristig wird das in einem hoch wettbewerbsintensiven Markt allein nicht ausreichen", sagte Mirko Warschun, Handelsexperte der Unternehmensberatung A.T. Kearney, der Nachrichtenagentur dapd am Mittwoch.

Daneben müsse es "zu einer fundamentalen Neupositionierung kommen, die auch eine Sortimentsoptimierung und eine neue Preis- und Aktionspolitik umfassen sollte", forderte der Experte. Denn das Kernproblem bleibe auch nach der geplanten Schließung von rund 2.000 Filialen zum 24. März: "Schlecker hat deutlich weniger Eigenmarken als die Konkurrenz, und diese sind weniger gut positioniert. Zudem sind die Filialen kleiner und meist in schlechteren Lagen", sagte Warschun.

Die Frage für die Zukunft sei: "Bekommt Schlecker Geld und hat die Ausdauer?" Denn die Repositionierung eines Händlers sei eine der schwierigsten Aufgaben und brauche Zeit.

wed/dpa-afx/afp/dapd/rtr

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