Sonntag, 15. Dezember 2019

Handelshaus Douglas-Delisting durch die Hintertür?

Zukunft unklar: Mit ausreichend Stimmen ließe sich die Douglas AG per HV-Beschluss auch in eine GmbH umwandeln, ein Delisting wäre dann zwangsläufig - mit erheblichen Folgen für Minderheitsaktionäre

Was die Unternehmerfamilie Kreke mit Douglas tatsächlich vorhat, ist unklar. Geschickt eingefädelt, könnten sie den Lifestyle-Konzern auch auf Umwegen von der Börse nehmen und dem unliebsamen Aktionär Erwin Müller zusetzen. Wirklich entmachtet wäre er damit aber nicht, sagt Wirtschaftsrechtler Michael Adams.

mm: Professor Adams, in Unternehmen kommt es immer wieder zum Machtkampf mit einzelnen Großaktionären. Wenn die Fronten verhärtet sind, ab wann wird es gefährlich für das Unternehmen und die übrigen Anteilseigner?

Adams: Das Aktien- und Börsenrecht muss notwendigerweise einen Schutz gegen böswillige Beteiligte vorhalten. So sind die Reichtümer der Welt überwiegend in Unternehmen gebunden und dafür interessieren sich viele. Da gibt es die Aktionärsmehrheit, die die Minderheit ausbeuten oder missachten will, genauso wie die Aktionärsminderheit, die mit Hilfe von Blockademöglichkeiten die Mehrheit ausplündern möchte. Oder das Management, das sich über nicht leistungsgerechte Vergütungen bereichern will und unbeeinträchtigt vom Wunsch der Eigentümer selbstherrlich die Gesellschaft zu leiten anstrebt. Oder Postenjäger der Gewerkschaften auf Suche nach Aufsichtsratspfründen. Dies sind nur die offensichtlichsten Interessierten.

mm: So weit zu den Lagern. Ab wann würde es nun brenzlig?

Adams: Wegen der großen Zahl der beteiligten Aktionäre müssen die Entscheidungen in der Aktiengesellschaft mit einfacher Mehrheit gefällt werden können. Lediglich die kleine Liste der grundlegenden Gestaltungs- und Schicksalsfragen der Gesellschaft verlangt eine Mehrheit von 75 Prozent. Das heißt, mit einem Erwerb von 50 Prozent der Anteile haben Sie in der Aktiengesellschaft die Leitungsmacht. Mit 25 Prozent und einer Aktie verfügen Sie über eine wichtige Blockademacht. Kapitalerhöhungen und Unternehmensverträge gehen dann nicht mehr ohne Sie. Je nach Interessenslage kann so eine Sperrminorität für ein Unternehmen dann durchaus problematisch werden.

mm: Welche Optionen hat ein Unternehmen, sich gegen solche Aktionäre zur Wehr zu setzen?

Adams: Es gibt eine Vielzahl von Anwaltskanzleien, die mit der Ausnutzung oder Bekämpfung der jeweiligen Rechtspositionen wie etwa von Minderheitspositionen befasst sind. Je nach den Interessen der Beteiligten gibt es ein weites Spielfeld. Im Ergebnis handelt es sich um ein teures Vergnügen, bei dem nicht selten die Gesellschaft operativ beschädigt wird. Will man zum Beispiel die Blockademöglichkeit eines Minderheitsgesellschafters beseitigen, kann man versuchen, eine Kapitalerhöhung notwendig zu machen, die der Minderheitsgesellschafter nicht mitmachen kann und ihn daher unter 25 Prozent bringt. Beliebt sind hier Sachkapitalerhöhungen unter Ausschluss des Minderheitsgesellschafters.

mm: Die Unternehmerfamilie Kreke will mit Hilfe von Finanzinvestoren ihren Einfluss auf Douglas beträchtlich erhöhen und das Unternehmen von der Börse nehmen. Beobachter vermuten dahinter einen Machtkampf mit dem ungeliebten Aktionär Erwin Müller. Was vermuten Sie?

Adams: Die Ausdehnung des eigenen Anteils oder eine Neugruppierung der mehrheitsverschaffenden Aktionärsgruppe kann viele Gründe haben. Im Ergebnis zielen sie auf größere eigene Leitungsmacht und damit auf die Möglichkeit einer grundlegenden Umgestaltung der Gesellschaft. Will zum Beispiel ein Gesellschafter mit Blockademöglichkeit einen neuen Weg nicht mitmachen, ist es naheliegend zu versuchen, ihm seine Blockademöglichkeit durch eine Änderung der Stimmenverhältnisse zu entziehen oder ihm die Lust am Behalten der Beteiligung einzutrüben. Die Drohung eines Delisting kann dazu gehören.

mm: Was bedeutete ein Delisting für den Blockierer?

Adams: Ein Weggang von der Börse ist für viele Aktionäre eine massive Schädigung, da Schutzvorschriften für die Aktionäre entfallen und die Verkäuflichkeit und Preisbildung der Aktien erheblich erschwert wird. Ein Verlassen der Börse ist daher immer eine bemerkenswerte Bedrohung der Minderheitsaktionäre, auch wenn ihnen außerhalb der Börse noch viele Störmöglichkeiten verbleiben, die ihnen jedoch den wirtschaftlichen Schaden nicht ersetzen können.

mm: Wann wäre rechtlich auf jeden Fall ein Übernahmeangebot an Herrn Müller fällig? Muss dieses Angebot jedem Aktionär unterbreitet werden?

Adams: Nach der Macrotron-Entscheidung des Bundesgerichtshofs muss den Minderheitsaktionären im Falle eines Delisting eine Abfindung angeboten werden, deren Angemessenheit in einem gerichtlichtlichen Verfahren überprüfbar ist.

mm: Im Fall Douglas Börsen-Chart zeigen hatten die Märkte auf ein Übernahmeangebot spekuliert und so den Aktienkurs in die Höhe getrieben. Gibt es eine rechtliche Grundlage, wie hoch so ein Angebot ausfallen muss?

Adams: Bei freiwilligen Kaufangeboten gibt es wenig Probleme. Bietet der Kaufwillige zu wenig, findet er keine Verkäufer und alles bleibt wie es ist. Bei verpflichtenden Angeboten ist der Börsenkurs der letzten Monate entscheidend.

mm: Manche Insider vermuten, Kreke und nahestehenden Aktionären käme es darauf an, eben jene 75 Prozent plus eine Aktie zu erreichen. So könnte die Douglas Holding per HV-Beschluss von einer Aktiengesellschaft in eine GmbH umgewandelt und von der Börse genommen werden. Ist das rechtlich möglich?

Adams: Mit 75 Prozent plus eine Aktie hat man die Leitung und Gestaltung der Gesellschaft in der Hand. Umwandlung und Delisting sind dann möglich. Die Alleinherrschaft durch das Herausdrängen aller störenden Gesellschafter - das so genannte "Squeeze-out" - wird damit nicht erreicht. Hierfür braucht man 95 Prozent der Aktien. Den Anteil kann man dann durch Kapitalerhöhungen erreichen.

mm: Wenn Douglas - theoretisch gesprochen - auf ein Herausdrängen des Aktionärs Müller verzichtete, bliebe er Anteilseigner des Unternehmens - einer GmbH eben. Wäre er damit auch entmachtet?

Adams: Die Mitnahme ungeliebter Aktionäre in eine GmbH kann ein Pyrrhus-Sieg sein: Ein GmbH-Gesellschafter mit 10 Prozent Anteil hat deutlich mehr Rechte als ein entsprechender Aktionär. Das Störpotential wächst. Ein solcher Schritt ist mehr geeignet als eine wirtschaftliche Drohung, weil ein GmbH-Anteil aufgrund der Veräußerungsschwierigkeiten weniger wert ist und zum Käfig werden kann. Aber das trifft ja auch auf die gestaltende Mehrheit zu. Die wird dann schnell wieder an die Börse wollen.

mm: Könnte es sein, dass hinter dem Vorpreschen der Familie Kreke auch eine Finte steckt? Einem unliebsamen Aktionär zeigt man die gelbe Karte, lässt die Märkte auf ein Übernahmeangebot spekulieren, treibt so die Aktie - und lässt dann doch alles beim Alten.

Adams: Das kann man von außen nicht beurteilen. Es gibt zu viele andere Möglichkeiten. Ein Streit mit einem Minderheitsaktionär auf diese Weise zu lösen, halte ich für eher riskant und nicht zielführend und letztlich viel zu teuer.

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