Feuerwerk Der Raketenmann

Richard Eickel hat als Geschäftsführer der Comet Feuerwerk einer kleinen Branche seinen Stempel aufgedrückt. Kaum jemand hat das Geschäft mit Silvesterraketen in den vergangenen Jahren so verändert. Ein Porträt.
Von Kristian Klooß
Comet-Chef Richard Eickel: "Ich mag die alle nicht"

Comet-Chef Richard Eickel: "Ich mag die alle nicht"

Bremerhaven - "Der größte Wettbewerb in unserer Branche", sagt Richard Eickel, "der findet in der Silvesternacht beim Blick über Nachbars Gartenzaun statt." Und zwar immer dann, wenn es heiße: "Mensch, das ist ja ein tolles Ding! Was hast du denn dafür bezahlt?", erzählt Eickel, lacht und zieht an seiner Zigarette. "Und wenn der Nachbar für sechs Euro doppelt so hoch schießt wie Sie für zehn Euro, dann fängt das neue Jahr schon schlecht an."

Was der Geschäftsführer der Comet Feuerwerk GmbH beschreibt, ist das Schicksal einer Branche, die ihre Existenz einer einzigen Mitternacht im Jahr verdankt. Eine Branche, die ein Jahr lang darauf hinarbeitet, alles, was sie geschaffen hat, in einer halben Stunde explodieren zu sehen.

Wie viele Unwägbarkeiten mit dem Feuerwerksgeschäft verbunden sind, ist hingegen kaum bekannt. Und kaum jemand weiß dies besser als Richard Eickel, der unter dem Dach des Hongkonger Mutterkonzerns Li & Fung zugleich Chef eines deutschen und eines englischen Feuerwerkherstellers ist.

"Nehmen Sie nur das Beispiel China", sagt Eickel. Dort sei erst im Jahr 2007 der Verkauf von Feuerwerk erlaubt worden. Seitdem sei der Markt geradezu explodiert. Während in Deutschland in diesem Jahr voraussichtlich rund 120 Millionen Euro für Silvesterknaller und Raketen ausgegeben würden, dürfte es in China in diesem Jahr mindestens das Doppelte sein, schätzt der Manager - mit steigender Tendenz. "China ist heute unser größter Wettbewerber."

China ist der größte Wettbewerber

Und das hat Konsequenzen: Immer häufiger höre er Sätze wie: "Ihr lieben Deutschen, ihr seid zwar nett, ihr zahlt immer pünktlich, aber ihr lauft mit euren Zeichnungen hier bei uns durch die Bude und erzählt uns was von Millimeter und Zehntelmillimeter beim Feuerwerk", sagt Eickel. Wenn dann bei Abweichungen Ware gesperrt und neu produziert werden müsse, sei es für die chinesischen Anbieter oft einfacher, die Produkte am heimischen Markt abzusetzen.

Seit einigen Jahren erschweren noch weitere Probleme das Geschäft. So lässt die Comet-Mutter Li & Fung die für den Export gedachten Raketen in der Provinz Hunan zusammensetzen, die fern der Hafenregionen im Landesinneren liegt. "Früher war das sehr komfortabel, auch was die Löhne betraf", sagt Eickel. Inzwischen jedoch siedelten sich immer mehr andere Branchen und Unternehmen in Hunan an und kehrten den teuren Küstenstandorten Hongkong oder Shanghai den Rücken. "Direkt neben unserer Fabrik hat jetzt ein Unternehmen aus der optischen Industrie aufgemacht, das dort 30.000 Mitarbeiter beschäftigt." Diese Firmen kämen und sagten den Mitarbeitern, "bei uns kriegst du mehr Geld und bei uns darfst du sogar rauchen", sagt Eickel, während er über dem Tischaschenbecher die Asche von seiner Zigarette schnippt.

Steigende Rohstoffpreise - etwa für Papier und Öl - treiben die Preise zudem seit Längerem in die Höhe. Und wenn der Manager über die Transportkosten per Schiff von China nach Europa spricht, verdüstert sich seine Miene. "Es gibt gewisse Lagervorschriften, und es müssen ein paar mehr Dokumente ausgefüllt werden." Doch ob es gerechtfertigt sei, dass sein Unternehmen für einen 40-Fuß-Container rund 8500 Dollar zahle, während die normalen Frachtraten bei rund 1200 Dollar liegen, dafür habe er wenig Verständnis. "Da sind die Bandbreiten schon erstaunlich."

Zehn Container mit Raketen und Knallern versanken im Hafenbecken

Abgesehen von den chronischen Leiden der Feuerwerker, gibt es Jahr für Jahr Überraschungen, mit denen zuvor niemand gerechnet hatte. So fielen im August dieses Jahres beim Verladen zehn Container mit Feuerwerken ins Hongkonger Hafenbecken. "Von so etwas hatte ich bisher noch nie gehört", sagt Eickel. "Die waren weg - blubb", sagt er und lacht.

Neun der Container waren für Deutschland gedacht, einer für das Schwesterunternehmen in England. Bei rund 500 Containern, die Comet Jahr für Jahr aus Shanghai und Hongkong bestellt, war das allerdings noch verkraftbar.

Mit seinen 500 Containern bringt es der Branchenzweite auf rund 30 Prozent Marktanteil, bei einem Umsatz von rund 50 Millionen Euro. Die Hälfte des Marktes wird indes vom Branchenführer Weco beherrscht. Das Unternehmen sitzt in Altdorf bei Köln. Anders als die Wettbewerber, stellt Weco rund ein Drittel seiner Feuerwerkskörper auf automatisierten Produktionsstraßen in Deutschland her. Der Vorteil: Als einziges Unternehmen kann Weco seine Produkte als "Made in Germany" vermarkten.

Nummer drei im deutschen Markt ist die Firma Keller mit Sitz in Bochum. Das Unternehmen bringt es auf rund 12 Prozent Marktanteil. Firmengründer Franz Keller war Anfang der 1960er Jahre der erste deutsche Direktimporteur chinesischer Feuerwerke.

Schließlich gibt es noch die Traditionsfirma Firma Nico aus Worms, die zuletzt rund 8 Prozent des Marktumsatzes auf sich vereinigte. Das Unternehmen lieferte schon die Feuerwerke für die Olympischen Spiele von 1936 in Berlin.

Aus dem Schlaf geweckt, nicht durcheinandergewirbelt

Auf seine Wettbewerber angesprochen, sagt Eickel: "Ich mag die alle nicht", lacht laut und zieht an seiner Zigarette. Dass auch die Konkurrenz nicht nur Freundlichkeiten mit dem 47-Jährigen austauschen mag, ist ihm bewusst. "Er hat die Branche kräftig durcheinandergewirbelt", heißt es etwa beim Wettbewerber Nico.

"Ist das ein Kompliment?", fragt Eickel, der es lieber so formuliert: "Ich habe die Branche ein bisschen aus dem Schlaf erweckt."

Dabei hatte er mit der Feuerwerksbranche im Allgemeinen und mit Comet im Besonderen bis zu seinem Amtsantritt eigentlich nichts zu tun. Im Gegenteil: Sein ganzes Berufsleben hatte der im sauerländischen 4000-Seelen-Dorf Herdringen lebende Manager bei der ortsansässigen Firma Berndes verbracht, einem Hersteller von Töpfen und Pfannen. Dort ließ er sich ausbilden. Dort war er später für Einkauf und Verkauf zuständig, für Export und Import aus Asien. Dort wurde er Geschäftsführer, im Zuge eines Management-buy-outs im Jahre 1997 gar Gesellschafter.

Als der geplante Börsengang wegen des Crashs an den Kapitalmärkten zur Jahrtausendwende scheiterte, war Eickel schließlich auch noch als Sanierer gefragt. Es folgten Tage und Wochen, in denen er wegen des kreditfinanzierten Management-buy-outs mehr mit Banken sprechen musste als mit Kunden. Das Unternehmen überlebte. "Und eigentlich hatte ich auch kein Interesse, die Zügel abzugeben", sagt er.

Eine Stellenanzeige machte Eickel neugierig

Dann jedoch sei er auf diese Stellenanzeige in der Lebensmittelzeitung gestoßen. "Die Tätigkeitsbeschreibung umfasste eigentlich alles, was ich bis dahin gemacht hatte", erinnert er sich. "Und es stand da auch noch etwas von einer reizvollen Stadt im Norden."

Bis heute sei er davon überzeugt, dass er sich eigentlich gar nicht beworben habe, sagt Eickel. Er wollte einfach nur wissen, welche reizvolle Stadt und welches Unternehmen hinter der Stellenausschreibung steckten. Also rief er den Headhunter an.

Der erzählte ihm dann die Geschichte von der in die Krise geratenen Comet Feuerwerk GmbH. Einst Marktführer, hatte der langjährige Mutterkonzern - das Nürnberger Rüstungsunternehmen Diehl - die Lust an den Bremerhavenern verloren. Die Konsequenz: Diehl stellte Comet zum Verkauf und investierte kein Geld mehr in die Tochter. Die Folge: kaum noch neue Produkte, immer weniger Marktanteile, Verluste.

Spätestens da fing Eickel Feuer. Der Rest ist Geschichte. Er tauschte die Anteile an der Berndes GmbH gegen den Chefsessel der Comet GmbH. Das war 2004.

Das erste Vergleichsschießen war ein Schock

Dass er einst die Branche durcheinanderwirbeln würde, hätte er damals selbst nicht gedacht. Denn von den Produkten, die sein neuer Arbeitgeber herstellte, war er zunächst begeistert. Dies änderte sich indes, als im Frühjahr die ersten Vergleichsschießen anstanden. Dort treffen jedes Jahr Vertreter der Feuerwerksindustrie auf Einkäufer von Metro, Rewe, Lidl und Co. Und dort treten die Hersteller mit Knaller gegen Knaller, Rakete gegen Rakete und Sprühregen gegen Sprühregen an. Für Eickel war dieses Schießen ein Schock. "Da habe ich gesehen, dass wir im Vergleich zur Konkurrenz mit Pfeil und Bogen unterwegs waren." Erst da sei ihm klar geworden, dass bei Comet einiges passieren müsse.

Und so legte er los. Zunächst begann er die Kataloge zu entstauben und den Internetauftritt zu entrümpeln, "auf dem 2004 noch immer was von Happy Millennium zu lesen war". Den gut 300 Entscheidern im Handel steckten Eickel und sein Team dann, passend zur Aufmachung des jeweiligen Katalogs, mal eine Hawaii-Kette, mal ein paar Handschellen mit ins Paket.

"Auf einmal wurde über Comet wieder gesprochen." So habe er wieder Termine bekommen, die er vorher nicht bekommen hätte. Meistens habe es bei diesen Terminen dann geheißen: Comet sei zwar eine gute Marke, aber im Produktbereich müsse sich etwas tun. "Okay", habe er da geantwortet, "das verspreche ich euch."

So widmete sich Eickel als nächstes dem Produktprogramm. Waren es bis zu seinem Antritt drei oder vier neue Feuerwerkskörper, die Silvester für Silvester neu ins Sortiment kamen, sind es heute mehr als zwanzig im Jahr. Bis auf ein paar Traditionsprodukte wie Knallfrösche oder D-Böller wurde die Warenpalette seit 2005 einmal runderneuert.

Mit Horoskop-Raketen konnten die Mitarbeiter nichts anfangen

Für die Kleinen gab es eine Schatztruhe. Für die Großen auf einem Brett miteinander verbundene Feuerwerksbatterien, die Raketen in Serie in den Nachthimmel schossen. "Die hatten wir ein Jahr eher als alle anderen", sagt Eickel.

Eine jener Ideen, die der Chef persönlich entwickelte, waren die so genannten Horoskop-Raketen - vor allem für Frauen. "Als ich als Außenstehender mit dieser Idee kam, haben die mich alle angeguckt wie Autos", sagt Eickel. Heute sind die mit Sternzeichen versehenen Raketen nicht mehr aus dem Sortiment wegzudenken.

Comet sei auch das erste Unternehmen gewesen, das eine Funkfernbedienung für den Start von Feuerwerksraketen angeboten habe. "Da kann man sich bei schlechtem Wetter hinters Wohnzimmerfenster stellen und von drinnen die Rakete zünden", erzählt Eickel. Das sei eine tolle Idee gewesen, sagt er. Und schweigt. "Ist zwar nicht so sensationell gut gelaufen", meint er lachend. "Aber das ist ja nicht so schlimm." Die Idee, so Eickel, und hebt die Hand mit der brennenden Zigarette zwischen den Fingern, die Idee sei so gut, dass Marktführer Weco das jetzt auch im Programm habe.

Wettervorhersagen sind wichtiger als Konjunkturprognosen

Für ebenso wichtig wie die Einführung neuer Produkte schätzte der Manager von Beginn an die Verpackung und Präsentation der Knaller und Raketen in den Supermärkten ein. "Früher wurden die Waren auf Tapeziertischen verkauft", sagt Eickel. Auch dies habe er geändert. Palettenschuber, fertige Displays, DVD-Player, mehr Trara, so dass der Kunde mitkriege: "Hallo, hier passiert was!" Schließlich gebe es keine Branche, die so vom Abverkauf lebe wie das Feuerwerksgeschäft.

Letztlich sind es drei Tage, an denen die Branche den Umsatz eines ganzen Jahres erwirtschaftet, rund 120 Millionen Euro - wobei Retouren, also die nicht im Handel verkauften Böller und Raketen, wieder abgezogen werden müssen. Bei Schnee und Regen kurz vor Silvester können dies bis zu 30 Prozent der Waren sein. "Wettervorhersagen sind für uns wichtiger als die Konjunkturprognosen", sagt Eickel.

Gegen das ganzjährige Verkaufsverbot von Feuerwerk in Deutschland hat er im Übrigen nichts. So sei beispielsweise in England das Abbrennen von Feuerwerk das ganze Jahr über erlaubt. Dennoch mache das englische Schwesterunternehmen bei rund 50 Prozent Marktanteil nur die Hälfte der Umsätze, die Comet in Deutschland erwirtschafte. "In England fehlt einfach die Spannung, die sich bei uns über das Jahr aufbaut."

Hongkongs Einfluss beschränkt sich auf den Feng-Shui-Meister

Beim englischen Schwesterunternehmen ist Eickel zwar verantwortlich. "Dort werde ich aber nie die erste Geige spielen", sagt er. An Kundentreffen nehme er zwar gelegentlich teil. Aber die Gespräche würden letztlich stets seine Mitarbeiter vor Ort führen. "Wenn Sie sich da einmischen, dann fühlen sich am Ende alle unwohl."

Ähnlich halte es auch die Muttergesellschaft Li & Fung. Die Chinesen haben mit dem Tagesgeschäft nichts am Hut. Stattdessen schwärmt Eickel gerne von den Vorteilen der Verbindung. So werde in China die Beschaffung für England, die USA und Deutschland gebündelt, was Kostenvorteile bringe. "Außerdem ist der Konzern für mich auch Finanzier", sagt Eickel. "Das heißt, ich brauche heute mit keiner Bank mehr zu sprechen." Abgesehen davon arbeite Li & Fung mit festen Drei-Jahres-Plänen, auch wenn sich die Welt noch so ändere. "Das ist sonst vollkommen unüblich in der Branche."

So ganz ohne Einfluss blieben die Chinesen nach der Übernahme im Jahr 2004 dann allerdings doch nicht. "Damals lief auch mal ein Feng-Shui-Meister bei uns durchs Büro, hat die Stühle von links nach rechts gerückt und gleich noch etwas über unseren kleinen roten Kometen im Logo erzählt", sagt Eickel. Der müsse nach oben. "Also haben wir ihn eben nach oben gesetzt."

Punkt nach oben, Straße nach vorne

Etwas komplizierter lief es hingegen bei der Planung des neuen Firmensitzes, den das Unternehmen im Jahre 2008 einweihte. Denn hier hatte Eickel die Wahl zwischen zwei Grundstücken. Und ausgerechnet jenes Stück Land, das der deutsche Manager für geeigneter hielt, lehnte der chinesische Feng-Shui-Meister ab. Ob er nicht nochmal nachschauen könne, ob er nicht noch etwas übersehen habe, ob vielleicht ein Blick von der anderen Seite des Grundstücks helfe, versuchte Eickel die Situation zu retten.

Und der Manager hatte Glück. "Ja, es geht, hieß es schließlich", erinnert er sich an die Verhandlung mit dem Feng-Shui-Meister zurück. Aber nur, wenn die Straße künftig vor dem Gebäude verlaufe. "Also haben wir eben die Straße davor gebaut."

Inzwischen lassen die Chinesen den deutschen Manager machen. Auch dass er noch in seinem Heimatort im Sauerland und nicht in der reizvollen Stadt im Norden zuhause ist, stört niemanden. Weshalb der 47-Jährige auch in diesem Jahr Silvester in Herdringen verbringen wird. Dort wird er von einem kleinen Hügel hinab auf die umliegenden Dörfer schauen, mit seiner Zigarettenspitze ein paar Raketen anzünden und zählen, wie viele Feuerwerke nach zwölf über den Nachbargemeinden abbrennen. "Da sehe ich dann schon in der Nacht, ob es ein gutes oder ein schlechtes Jahr war."

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