Zum Tode von Werner Otto Patriarch ohne Ego-Wahn

Ihm gelangen gleich zwei Wirtschaftswunder: Erst baute Werner Otto in der Nachriegszeit das größte Versandhaus der Welt auf. Dann schaffte er das, woran so viele Gründer seiner Generation scheiterten: das Unternehmen bis in die Gegenwart erfolgreich zu halten. Jetzt starb Werner Otto mit 102 Jahren.
Werner Otto: Statt mit Starrsinn sein Imperiun zu zerstören, gab er die Macht in treue Hände

Werner Otto: Statt mit Starrsinn sein Imperiun zu zerstören, gab er die Macht in treue Hände

Foto: dapd

Hamburg - Seine Karriere begann auf einem Acker. Michael Otto, der älteste Sohn, erzählte stets gern, wie er mit seinem Vater Werner Otto kurz nach dem Krieg am Rande Hamburgs über die Felder stapfte, um nach Baugrund für eine Fabrik zu suchen.

Die Ottos waren als Flüchtlinge aus dem Osten gekommen. Werner Otto wollte dem Verlorenen nicht lange nachtrauern, brannte auf eine neue, eigene Existenz. Also begann er mit einer kleinen Schuhproduktion, denn solides Schuhwerk brauchten damals offenkundig alle. Die Idee trug nicht lange, bald kam überlegene Ware aus Süddeutschland auf den Markt.

Werner Otto, der Flexible, velegte sich auf den Handel von Schuhen, per Versand - und tappte unversehens in eine Branche, die ihn zum Milliardär machen sollte. Aus dem Schuhhöker wurde ein Versandhaus für alles, was der Normalverbraucher - mit Vornamen sinnigerweise Otto - brauchte, erst zum Überleben, dann zum Wohlleben.

Die Landesgrenzen wurden Werner Otto bald zu eng, ein wahres Weltreich der Ottonen entstand, das bald den Championstitel trug: größtes Versandhaus der Welt.

Seine beste Tat aber gelang Werner Otto, als er sein Ego besiegte. Während andere Gründerväter - ob Grundig, ob Neckermann - mit Starrsinn ihre Imperien zerstörten, gab Otto die Macht in treue Hände. Schon in den 60er Jahren vertraute er angestellten Managern, 1981 übernahm sein Ältester, Michael Otto, das Kommando des Versenders. Der Filius lotste den Katalogriesen geschickt ins Internet. Und hat selber mittlerweile den Chefposten an einen Manager weitergegeben.

Der Firmenname Otto steht heute nicht mehr nur für Versandhandel, sondern für ein ausgreifendes Konglomerat. Dazu zählt etwa die ECE-Gruppe - ebenfalls eine Gründung Werner Ottos - die bedeutendste Bau- und Betreibergesellschaft für Einkaufszentren in Europa. Auch der Logistiker Hermes hat sich von einem Nebengeschäft zu einer starken Sparte entwickelt.

Auch wegen dieses seit Jahrzehnten florierenden Konglomerats nimmt die Familie im vom manager magazin veröffentlichten Ranking der reichsten Deutschenden vierten Rang ein - mit geschätzten Vermögen von neun Milliarden Euro.

Steter Einfluss trotz frühem Ämterverzicht

Obwohl Werner Otto schon früh auf Ämter verzichtete, war er bis ins hohe Alter einflussreich. Er verkörperte das unumstrittene Oberhaupt der Familie, sein Rat blieb bis zuletzt mehr als eine unverbindliche Empfehlung.

Werner Otto, der Aufsteiger, sah sich gern als Hamburger Kaufmann. Seit der Wiedervereinigung war er aber vor allem in Berlin heimisch, von wo er sein umfangreiches karitatives Werk steuerte. Besonders die Förderung der medizinischen Forschung war ihm wichtig - wohl auch als ein Reflex seiner Vita.

In den 60er Jahren hatte er - übergewichtig und gestresst wie ein typischer Unternehmer seiner Zeit - einen Herzinfarkt erlitten. Otto beendete sofort sein Fresswellendasein, wurde gertenschlank und lebte fortan - wie auch sein offizieller Nachruf hervorhebt - diszipliniert. Gute Gesundheit und ein gesegnetes Alter von 102 Jahren waren sein Lohn. Drei Tage vor Heiligabend ist Werner Otto nun in Berlin im Kreis seiner Familie gestorben.

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