Unternehmerlegende Werner Otto mit 102 Jahren gestorben

Der Gründer des Versandhandelshauses Otto, Werner Otto, ist tot. Er wurde 102 Jahre alt und starb friedlich im Kreise seiner Familie. Mit 6000 Mark Startkapital hatte er nach dem Zweiten Weltkrieg den heute nach Amazon zweitgrößten Versandhandel der Welt gegründet.
Werner Otto: An seinem Schreibtisch, aufgenommen im Mai 2009.

Werner Otto: An seinem Schreibtisch, aufgenommen im Mai 2009.

Foto: OBS

Hamburg - Der Hamburger Kaufmann und Unternehmer Werner Otto, Gründer der Versandhandelsgruppe Otto und der Einkaufscenter-Entwicklungsgesellschaft ECE, ist, wie jetzt bekannt wurde, am 21. Dezember im Alter von 102 Jahren im Kreise seiner Familie in Berlin gestorben.

Werner Otto gehörte zu den letzten noch lebenden Wirtschaftspionieren der Nachkriegszeit, die die wirtschaftliche, gesellschaftspolitische und soziale Entwicklung der Bundesrepublik Deutschland mitgeprägt haben.

Maren Otto, Ehefrau von Werner Otto, sagte in einer Mitteilung: "Mein Mann hatte das große Glück, gesund in einem harmonischen und liebevollen Familienumfeld alt zu werden. Er hat bewusst etwas für seine Gesundheit getan und diszipliniert gelebt. Doch sein vielleicht wichtigster Lebensgrundsatz war, auch im Alter immer noch Ziele zu haben. Von Herzen dankbar sind wir, dass unsere Familie vor größeren Schicksalsschlägen bewahrt worden ist."

Werner Otto, am 13. August 1909 in Seelow (Mark Brandenburg) als Sohn eines Kaufmanns geboren, kam nach dem Krieg als Flüchtling mit seiner Familie nach Hamburg. Dort gründete er zunächst eine Schuhfabrik, die allerdings Konkurs ging, nachdem nach Öffnung der Zonengrenze aus den traditionell in Südwestdeutschland beheimateten Schuhfabriken gut gearbeitete Ware auf den Markt kam.

Mit dem Geld, das ihm blieb, setzte Otto schließlich jene Idee um, die sein Leben veränderte: Warum nicht Schuhe verkaufen, die andere produziert haben? Und zwar im Versandhandel. Mit 6.000 Mark Startkapital und vier Mitarbeitern begann 1949 die beispiellose Erfolgsgeschichte. Der erste Katalog erschien im Jahre 1950, hatte 14 Seiten Umfang und enthielt 28 verschiedene Paar Schuhe. Heute ist die Otto Group eine der größten Versandhandelsgruppe der Welt.

Die Familie Otto kommt im aktuellen, vom manager magazin veröffentlichten Ranking der reichsten Deutschen auf ein Vermögen von neun Milliarden Euro. Womit der Clan auf Rang vier der reichsten Deutschen rangiert.

Als Gründer auch mit dem ECE-Konzern erfolgreich

Anders als manch anderer bedeutende Unternehmer der Nachkriegszeit, vermied es Werner Otto, sich auf Dauer im Tagesgeschäft für unentbehrlich zu halten und sich in zu viele Details einzumischen. 1965 übertrug er die operative Führung des Unternehmens dem familienfremden Manager Günter Nawrath, dem 1981 sein Sohn Dr. Michael Otto im Vorstandsvorsitz folgte. Damit schuf sich Werner Otto zugleich den Freiraum, um eine zweite unternehmerische Karriere zu beginnen.

Ab 1965 baute er mit der ECE ein weiteres Unternehmen auf - wirtschaftlich und personell völlig unabhängig vom Versandhandelsunternehmen Otto. Heute ist die ECE die bedeutendste Entwicklungs-, Bauträger- und Managementgesellschaft für Einkaufscenter in Europa. Die ECE entwickelt und baut neben Shopping-Centern große Bürohäuser, Logistikzentren und sonstige gewerbliche Großimmobilien. Im Jahr 2000 übernahm Werner Ottos jüngster Sohn Alexander Otto die Führung der ECE.

Bereits 1962 wagte Werner Otto darüber hinaus den Sprung nach Nordamerika und erschloss in Kanada Industrieparks und Wohngelände. Ab 1973, im Alter von über 60 Jahren, begann er zudem mit dem Aufbau einer US-amerikanischen Immobiliengruppe, der Paramount Group in New York.

Erst Unternehmer, dann Stifter

Neben seinen unternehmerischen Erfolgen mit der Otto-Gruppe und dem ECE-Konzern schlug sich das gesellschaftspolitische Engagement Werner Ottos in der 1969 gegründeten "Werner Otto Stiftung" nieder. Diese medizinische Stiftung springt insbesondere dort ein, wo der Staat aus finanziellen Gründen nicht oder nicht schnell genug Gelder zur Verfügung stellt. Ein wichtiges Projekt der "Werner Otto Stiftung" ist das wissenschaftliche Behandlungszentrum für Krebskrankheiten im Kindesalter an der Universitätskinderklinik in Hamburg-Eppendorf, das zahlreichen leukämiekranken Kindern das Leben gerettet hat.

Angeregt durch einen Bericht des Kinderarztes der Familie über hervorragende Heilungserfolge bei Kindern in den USA gründete Werner Otto 1974 darüber hinaus das "Werner Otto Institut" auf dem Gelände der Stiftung Alsterdorf in Hamburg - die erste und bisher einzige Spezialeinrichtung Norddeutschlands, die sich ausschließlich der Früherkennung und Behandlung entwicklungsgestörter oder behinderter Kinder und Jugendlicher widmet.

Seit 1996 gibt es außerdem das "Werner Otto Stipendium zur Förderung des medizinisch-wissenschaftlichen Nachwuchses an der Universität Hamburg". Im "Werner Otto Haus" in Berlin lernen hörbehinderte Kinder und Jugendliche nach einer so genannten Cochlear-Implant-Operation wieder hören.

Dem Prinzip gelebter gesellschaftlicher Verantwortung wurde Werner Otto auch auf anderen Gebieten gerecht. Der amerikanischen Harvard-Universität stiftete Otto einen Museumsneubau für die Unterbringung der Kunst deutschsprachiger Expressionisten, die "Werner Otto Hall".

In seinem Geburtsort Seelow, wo am Kriegsende die letzten schweren Kämpfe tobten, ließ Werner Otto den Kirchturm wieder aufbauen und das Kirchenschiff erneuern. In Potsdam wurde dank Ottos Unterstützung das Belvedere auf dem Pfingstberg restauriert und zu neuem Leben erweckt. Das Konzerthaus Berlin erhielt von ihm eine zusätzliche moderne Bühne. In Hamburg unterstützte Otto die Neugestaltung des Jungfernstiegs.

krk
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