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Schnäppchen-Blogs: Deutsche Geiz-Seiten stürmen die Charts

Foto: Hannibal Hanschke/ dpa

Online-Schnäppchenmärkte Preisdrücker im Weihnachts-Kaufrausch

Bessere Joblage, steigende Löhne, mehr Einkaufstrubel: Der Konsum ist zurück in Deutschland. Aber so richtig aus ihrer Haut können die spargewöhnten Bundesbürger dennoch nicht. Schnäppchen-Blogs hängen andere Webseiten vor dem Fest so richtig ab - mit erstaunlichen Folgen.
Von Markus Gärtner

Hamburg - Sie heißen Deal Doktor, Sparbaby, YourDealz und Schnappen4u. Sie hängen schon am frühen Morgen alle anderen Blogs hoffnungslos in der Online-Lesergunst ab. Mithalten können in punkto Besucherzahlen vielleicht nur noch Paparazzi-Seiten, die Innenansichten von Promis versprechen, oder die iPhone-Blogs von Apple. Und an Samstagen der Livestream-Blog der Fußball-Bundesliga. Mehr noch: Unter den zehn meistgelesenen deutschsprachigen Blogs in den einschlägigen Rankingseiten finden sich fast zu jeder Tageszeit mindestens vier oder fünf dieser Preisdrücker-Webseiten.

Ihre Lockmittel sind magische Sparangebote: Gutscheine, Niedrigpreise, "Kino kostenlos", jede Menge Discountversprechen und andere Geiz-Erlebnisse so weit das hungrige Auge reicht. Jetzt vor Weihnachten werden mächtige Rabatte organisiert, "Dress for Less"-Gutscheine mit 50-Prozent-Nachlass, kostenlos gefüllte Nikolausstiefel, Kinokarten für den "Gestiefelten Kater" in 3D für 50 Cents, oder kostenlose DIN-A4-Foto-Kalender.

Kaum jemand weiß, wie viele Geiz-Kaufhäuser es Online gibt. Die fünf führenden Seiten bringen es auf 60.000 Besucher am Tag. Die Analyse-Seite Blog Traffic registrierte allein gestern 380.000 Seitenaufrufe bei den 20 führenden Schnäppchen-Blogs in Deutschland. Auf Social-Media-Seiten haben die Online-Geizläden inzwischen Tausende von Fans, und zahllose Applikationen wurden programmiert, um ihre Angebote auch unterwegs zu nutzen.

Das macht die Kundschaft zu einer umfassend informierten Preisdatenbank. Für die klassischen Einzelhändler ist die Herausforderung so groß geworden, dass die Heimwerker-Kette Lowe's in den USA am "Black Friday" an ihre Beschäftigten 42.000 iPhones austeilte. Die Kassiererinnen und Verkäufer bei Lowe's sollten gerüstet sein für endloses Geschacher mit Kunden, die alle Preise der Konkurrenz kennen und immer mehr Nachlass verlangen.

Reparierte Fast-Neuheiten zum halben Preis

Die Schnäppchenseiten grasen - wie ein Fisch-Trawler mit seinen Fangnetzen auf dem Meeresgrund - ständig den Einzelhandel nach Rabattangeboten ab und suchen den günstigsten Preis für ein bestimmtes Produkt: Windeln, Ledertaschen, Dachziegel, Aquarien, Hörgeräte. Andere finden bei einem vorgegebenen Händler auf Wunsch die billigsten Angebote.

Und wieder andere springen den Besucher geradezu mit Lockangeboten an: Schuhe mit 75 Prozent Nachlass, reparierte Fast-Neuheiten zum halben Preis, oder Flugzeugtickets nach Mexiko, die kaum teurer sind als zwei Stadionkarten für die Bundesliga. Wieder andere bieten Coupons für thematische Einkaufstrips an. Sie organisieren Nachlässe bei Händlern, zu denen man gerne geht. Oder sie fungieren wie ein Termingeschäft an der Börse: Sie suchen Anbieter, die ein vom Kunden vorgegebenes Preislimit für das gewünschte Produkt unterbieten können. Im Klartext: Sie geben dem Käufer immer mehr "Tools" an die Hand, um die andere Seite auszuhebeln.

Ein weiteres Beispiel: Bei ShopGala, das sich selbst als größte weltweite Kollektion von Gutscheinen vermarktet - niemand weiß, ob's stimmt - werden vor dem Absenden eines Kaufauftrags alle zu den ausgewählten Produkten passenden Coupons automatisch rausgesucht und verrechnet, um auch wirklich die letzten Prozentpünktchen Rabatt herauszuschinden.

Groß angelegte Treibjagd für Preisfüchse

Eine groß angelegte Treibjagd für Preisfüchse ist das, egal was die gerade suchen: Selbstreinigende Katzenklos zum halben Preis, ein Starbucks-Kaffee für Null Cent, eine Bar mit billigen Getränken für geringverdienende Schwulenpaare, die ein günstiges "Date" planen. Alles scheint machbar.

Die Zeiten für die Rabattspürhunde im Internet waren selten so günstig wie jetzt. Auf der einen Seite schwelgen Deutschlands Verbraucher in bester Kauflaune und lassen die Kassen trotz Schuldenkrise und trüben Aussichten kräftig klingeln. Im laufenden Jahr wird laut der GfK der private Konsum in Deutschland real um etwa 1,5 Prozent zulegen. Das wäre mehr als im langjährigen Durchschnitt. Doch niemand weiß, wie lange der private Konsum den drohenden Abschwung noch abfedern und verzögern kann. Immerhin legen die privaten Konsumausgaben laut dem Statistischen Bundesamt seit fünf Quartalen in Folge zu.

Doch völlig unberührt bleiben selbst deutsche Verbraucher nicht, wenn sich die globale Wirtschaft eintrübt so weit das Auge reicht. Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) warnte in dieser Woche vor verheerenden Auswirkungen für die Weltwirtschaft, sollte die Euro-Schuldenkrise nicht bald beigelegt werden. Selbst ein Auseinanderbrechen der Euro-Zone schließt die OECD nicht mehr aus. Die BIP-Prognose für zahlreiche Industrieländer für 2012 wurde vorsorglich nach unten korrigiert, teilweise drastisch.

In einem solchen Umfeld wird selbst aus dem letzten Verbraucher ein hart gesottener Geizkragen. Doch seit der Finanzkrise vor drei Jahren - und der darauf folgenden Großen Rezession - wurde Geiz von Grund auf verändert. Sein Charakter wurde völlig neu definiert. Das Knausern wurde technisch bis aufs Äußerste verfeinert, auf die Spitze getrieben. War Geiz früher ein Sport, ein Vergnügen, ein luststeigerndes Sparhobby, so ist er inzwischen für viele Konsumenten eine ernste Beschäftigung, ein fast wissenschaftliches Prozedere und eine ökonomische Notdurft geworden.

Sinkende Realeinkommen in Nordamerika und Europa, dürftige Jobaussichten, dazu eskalierende Preise für Energie und Nahrung: Sie alle üben einen wachsenden Sparzwang aus, an dem viele Haushalte nicht mehr vorbeikommen - auch hierzulande bisweilen, obwohl Deutschlands Jobmarkt aktuell noch brummt. Das Zeitalter der Austerität hat zumindest schon in Griechenland, Spanien, Italien und Frankreich im größeren Maßstab Einzug gehalten. Die neue Ära der Bescheidenheit wird höhere Steuern und weniger Einkommen bedeuten. Den Schnäppchen-Blogs treibt das die Leser in Heerscharen zu.

Mehr noch: Die technischen Möglichkeiten des Internets haben aus dem herkömmlichen Geizkragen einen holzköpfigen Limit-Tyrannen gemacht, der nicht mehr einfach in den nächsten Discountladen marschiert und sich mir nichts dir nichts Preise vorgeben lässt, auch wenn sie scheinbar bodenlos günstig sind.

Jetzt wird dem Sparen ein ultimativer Kick gegeben. Auf den Geizseiten werden vom Käufer knausrige Preislimits hinterlegt: So viel zahle ich, mehr nicht. Basta! Die Billigheimer genießen dann oft jede Minute, bis es zum Deal kommt. Denn bis dahin wird ihre Spar-Lust weiter gesteigert. Das Gefühl kennt man schon von etlichen Auktionsseiten, wo die ersten Preiseingaben himmlisch aufregend sein können.

Wettrennen bis zum bitteren Boden

Zögerliche oder unflexible Händler, die sich Zeit lassen wollen um auf ein Limitgebot einzugehen, müssen dagegen fürchten, dass der Pfennigfuchser zuhause an seinem Computer einen besseren Deal auftreibt und nie mehr auftaucht. In diesem Falle geht nicht nur ein Kunde verloren, auch die Abwärtsspirale der Niedrigpreise wird unbarmherzig weiter dreht. "A race to the bottom", ein Wettrennen bis zum bitteren Boden, heißt das ganz zutreffend im Englischen. Es handelt sich um eine Abwärts-Auktion, bei der nur noch die letzten Tiefflugangebote ziehen und am Ende die Kasse klingeln lassen.

Im Verlauf werden die Kunden endgültig zum Herr des Verfahrens. Wie sehr Verbraucher die Übersicht und die Effizienz beim Online-Shoppen schätzen, zeigen die jüngsten Umsatzzahlen. In den USA setzte der Einzelhandel am vergangenen Wochenende 16 Prozent mehr um als im Vorjahr. Doch die Online-Verkäufe nahmen mit 39 Prozent mehr als doppelt so schnell zu. Große Retailer wie Amazon  konnten ihren Onlineabsatz allein am "Black Friday" um 50 Prozent steigern.

Die in Börsenberichten dieser Tage viel erwähnte Groupon hat die Preisabschneiderei sogar zum Gruppenerlebnis umfunktioniert. Der Name Groupon setzt sich zusammen aus Group und Coupon. Von T-Shirts über Restaurantbesuche bis hin zu Fernreisen wird hier alles superbillig angeboten, wenn sich innerhalb einer Stadt ausreichend viele Seitenbesucher organisieren und den "Deal of the Day" annehmen. So startete die Seite ihren kometenhaften Aufstieg, der vor drei Wochen mit einem Börsendebüt gekrönt wurde. Am Montag fiel der Kurs erstmals unter den Ausgabepreis beim Börsendebüt.

Groupons Erfolgsrezept bisher: Die kritische Masse macht's. Das hat sie eigentlich schon immer. Aber bislang war sie eben schwierig zu organisieren. Die Schnäppchenseiten schaffen das per Knopfdruck, und das in Minuten. Kein Wunder, dass Groupon zum erfolgreichsten Börsengang eines Internetdienstleisters seit Google (Kurswerte anzeigen) aufstieg.

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