Donnerstag, 27. Februar 2020

Nachhaltigkeit bei Adidas "Schwachstellen gibt es immer"

Greenpeace-Aktion vor Adidas-Shop: "Das spezielle Know-how über die Zusammensetzung von Rezepturen hatten wir nie, auch Adi Dassler nicht"

Der Sportartikelriese Adidas hat derzeit viel Postverkehr mit Greenpeace. Die Organisation prangert unsaubere Produktionsmethoden in China an. Frank Henke, oberster Umweltschützer von Adidas, setzt auf Partnerschaft mit den Zulieferern und verlangt neue Rezepte von der Chemieindustrie.

mm: Herr Henke, Ihr Konkurrent Puma hat genau in Euro ausgerechnet, wie er als globaler Vermarkter für Sportartikel die Umwelt schädigt. Planen Sie auch eine solche Ökobilanz?

Henke: Mehr Transparenz ist bei diesem Thema sicherlich sinnvoll. Aber die Messung von Umweltauswirkungen ist und bleibt zunächst ein akademischer Prozess, solange Sie keine klaren Entscheidungen daraus ableiten. Deshalb setzen wir uns für 67 unserer eigenen Adidas-Standorte konkrete Ziele.

mm: Die Kritik von Umweltschutzorganisationen wie Greenpeace setzt aber nicht an Ihren Verwaltungsgebäuden oder Logistikzentren an, sondern zielt auf die Fabriken in Südostasien, wo sie Ihre Schuhe und Textilien fertigen lassen.

Henke: Natürlich ist eine Internalisierung externer Effekte wünschenswert. Aber sie gelingt nur begrenzt, da wir viele Geschäftsprozesse ausgelagert haben. Außerdem ist gerade im Textilbereich die Beschaffungskette mehrstufig sehr volatil, das heißt, wir haben selten über Jahre dieselben Partner entlang der gesamten Beschaffungskette.

mm: Das heißt, Sie haben die Kontrolle über den Herstellungsprozess komplett aufgegeben?

Henke: Nein, ganz im Gegenteil. Unsere Lieferanten müssen strenge und verbindliche Richtlinien einhalten. Den Material-Lieferanten geben wir vor, dass bestimmte Substanzen nicht enthalten sein dürfen. Diese Vorgaben gelten global und stützen sich nicht nur auf Gesetze, sondern auch auf Empfehlungen von Verbraucherschutzorganisationen. Den Zulieferern, die unsere Produkte herstellen, geben wir ebenfalls global einheitliche Standards vor, schon bei der Lieferantenauswahl, aber auch später, indem wir die Betriebe regelmäßig besuchen und überwachen.

mm: Das können ja immer nur Stichproben sein…

Henke: In unserem Team haben wir dafür 65 Leute, die das ganze Jahr Fabriken anschauen und Arbeiter befragen - auch außerhalb der Fabriken. Außerdem sind wir seit 1999 Mitglied in der amerikanischen Fair Labor Association, die mit eigenen Inspekteuren Kontrollen durchführt und die Ergebnisse veröffentlicht.

mm: Dennoch müssen Sie sich gerade bei den Umwelt-Checklisten zunächst einmal auf die Angaben des jeweiligen Lieferanten verlassen?

Henke: Zertifizierungsprozesse haben immer Schwachstellen. Sie sind abhängig von verifizierbaren Informationen. Wir selbst hatten für unsere Kernlieferanten zwischen 2004 und 2007 eine Vielzahl von Daten erfasst, dann aber gemerkt, dass vieles nicht stimmig war, und haben deshalb den Prozess noch einmal neu aufgesetzt.

mm: Das heißt, Sie stehen wieder am Anfang?

Henke: Wir haben daraus gelernt. Wir fahren jetzt eher einen partnerschaftlichen Ansatz. Wir fördern die Selbstverantwortung der Lieferanten und fordern sie auf, ein eigenes Umwelt- und Personalmanagement aufzubauen. Das Vorhandensein eines solchen Systems zählt zu den Leistungsindikatoren, die ein Lieferant erfüllen muss, um einen Auftrag zu bekommen.

mm: Diese konkurrieren vermutlich in der Gesamtschau mit anderen Indikatoren wie zum Beispiel dem Preis?

Henke: Nein, wir formulieren Mindestanforderungen, die auf jeden Fall einzuhalten sind. Zudem sind wir auch bereit, Preispunkte für die Einhaltung von Umweltstandards aufzugeben. Denn eins ist klar: Die Durchsetzung nachhaltiger Produktionsverfahren gibt es nicht umsonst.

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