Nachhaltigkeit bei Adidas "Schwachstellen gibt es immer"

Der Sportartikelriese Adidas hat derzeit viel Postverkehr mit Greenpeace. Die Organisation prangert unsaubere Produktionsmethoden in China an. Frank Henke, oberster Umweltschützer von Adidas, setzt auf Partnerschaft mit den Zulieferern und verlangt neue Rezepte von der Chemieindustrie.
Von Cornelia Knust
Greenpeace-Aktion vor Adidas-Shop: "Das spezielle Know-how über die Zusammensetzung von Rezepturen hatten wir nie, auch Adi Dassler nicht"

Greenpeace-Aktion vor Adidas-Shop: "Das spezielle Know-how über die Zusammensetzung von Rezepturen hatten wir nie, auch Adi Dassler nicht"

mm: Herr Henke, Ihr Konkurrent Puma hat genau in Euro ausgerechnet, wie er als globaler Vermarkter für Sportartikel die Umwelt schädigt. Planen Sie auch eine solche Ökobilanz?

Henke: Mehr Transparenz ist bei diesem Thema sicherlich sinnvoll. Aber die Messung von Umweltauswirkungen ist und bleibt zunächst ein akademischer Prozess, solange Sie keine klaren Entscheidungen daraus ableiten. Deshalb setzen wir uns für 67 unserer eigenen Adidas-Standorte konkrete Ziele.

mm: Die Kritik von Umweltschutzorganisationen wie Greenpeace setzt aber nicht an Ihren Verwaltungsgebäuden oder Logistikzentren an, sondern zielt auf die Fabriken in Südostasien, wo sie Ihre Schuhe und Textilien fertigen lassen.

Henke: Natürlich ist eine Internalisierung externer Effekte wünschenswert. Aber sie gelingt nur begrenzt, da wir viele Geschäftsprozesse ausgelagert haben. Außerdem ist gerade im Textilbereich die Beschaffungskette mehrstufig sehr volatil, das heißt, wir haben selten über Jahre dieselben Partner entlang der gesamten Beschaffungskette.

mm: Das heißt, Sie haben die Kontrolle über den Herstellungsprozess komplett aufgegeben?

Henke: Nein, ganz im Gegenteil. Unsere Lieferanten müssen strenge und verbindliche Richtlinien einhalten. Den Material-Lieferanten geben wir vor, dass bestimmte Substanzen nicht enthalten sein dürfen. Diese Vorgaben gelten global und stützen sich nicht nur auf Gesetze, sondern auch auf Empfehlungen von Verbraucherschutzorganisationen. Den Zulieferern, die unsere Produkte herstellen, geben wir ebenfalls global einheitliche Standards vor, schon bei der Lieferantenauswahl, aber auch später, indem wir die Betriebe regelmäßig besuchen und überwachen.

mm: Das können ja immer nur Stichproben sein…

Henke: In unserem Team haben wir dafür 65 Leute, die das ganze Jahr Fabriken anschauen und Arbeiter befragen - auch außerhalb der Fabriken. Außerdem sind wir seit 1999 Mitglied in der amerikanischen Fair Labor Association, die mit eigenen Inspekteuren Kontrollen durchführt und die Ergebnisse veröffentlicht.

mm: Dennoch müssen Sie sich gerade bei den Umwelt-Checklisten zunächst einmal auf die Angaben des jeweiligen Lieferanten verlassen?

Henke: Zertifizierungsprozesse haben immer Schwachstellen. Sie sind abhängig von verifizierbaren Informationen. Wir selbst hatten für unsere Kernlieferanten zwischen 2004 und 2007 eine Vielzahl von Daten erfasst, dann aber gemerkt, dass vieles nicht stimmig war, und haben deshalb den Prozess noch einmal neu aufgesetzt.

mm: Das heißt, Sie stehen wieder am Anfang?

Henke: Wir haben daraus gelernt. Wir fahren jetzt eher einen partnerschaftlichen Ansatz. Wir fördern die Selbstverantwortung der Lieferanten und fordern sie auf, ein eigenes Umwelt- und Personalmanagement aufzubauen. Das Vorhandensein eines solchen Systems zählt zu den Leistungsindikatoren, die ein Lieferant erfüllen muss, um einen Auftrag zu bekommen.

mm: Diese konkurrieren vermutlich in der Gesamtschau mit anderen Indikatoren wie zum Beispiel dem Preis?

Henke: Nein, wir formulieren Mindestanforderungen, die auf jeden Fall einzuhalten sind. Zudem sind wir auch bereit, Preispunkte für die Einhaltung von Umweltstandards aufzugeben. Denn eins ist klar: Die Durchsetzung nachhaltiger Produktionsverfahren gibt es nicht umsonst.

Chemieindustrie soll mit ins Boot

mm: Greenpeace hat eine Kampagne gestartet, damit Sportartikel- und Textilkonzerne ihren Lieferanten die Nutzung der schädlichen Waschmittelsubtanz Nonylphenol versagen. Sie haben sich für das Datum 2020 auch dazu verpflichtet, aber einen Alleingang ohne die Branche für unmöglich erklärt. Warum so kleinlaut - bei Ihrer Einkaufsmacht?

Henke: Unsere Einflussmöglichkeit steht und fällt damit, wie stark wir bei einem Zulieferer vertreten sind, also welche Bedeutung wir für sein Geschäft haben, und die ist nicht immer überragend. Mit einigen unserer asiatischen Schuhlieferanten haben wir oft exklusive und länger laufende Verträge. Deshalb sind 80 Prozent von ihnen schon nach dem Umwelt-Management-Standard Iso 14.001 zertifiziert. Da sind hervorragende Betriebe darunter, die könnten genauso in Westeuropa stehen.

mm: Aber es geht ja um die Färbereien und Webereien in China, die die Flüsse vergiften?

Henke: Was die Vorwürfe von Greenpeace betrifft, haben wir jetzt einen Fahrplan für unser Vorgehen vorgelegt, und zwar gemeinsam mit Nike  , Puma  , C&A, Hennes & Mauritz  und Li Ning. Greenpeace hat Spuren von Substanzen gefunden, die nach Meinung der Organisation komplett eliminiert werden müssen, weil sie schädlich für Wasserorganismen sind. Daran wollen wir gemeinsam arbeiten. Wir werden den Fahrplan in den nächsten Wochen mit anderen Akteuren besprechen, unter anderem mit den Lieferanten der chemischen Stoffe.

mm: Jetzt wollen sie nicht nur die ganze Textilbranche mit ins Boot holen, sondern auch noch die Chemieindustrie? Die nutzt ja gerne Standorte in Asien, um dort zu produzieren, was hier längst verboten ist…

Henke: Ohne die Chemieindustrie geht es nicht. Unsere Lieferanten brauchen alternative Rezepturen. Alle Beteiligten am Prozess müssen für das Ziel gewonnen werden.

mm: Und wie stehen die Chancen für ein Entgegenkommen der Chemiekonzerne?

Henke: Wir führen intensive Gespräche.

mm: Müssen sich die Verbraucher denn nur um die Flüsse in China sorgen oder auch um ihre eigene Gesundheit, wenn sie die Schuhe und Textilien tragen?

Henke: Nein, denn wir haben schon sehr lange eine Gefahrstoffliste für das Endprodukt. Jedes unserer Produkte, das im Handel ist, hat umfangreiche Tests bestanden und ist unbedenklich für den Konsumenten. Da sind wir wirklich führend in der Industrie, sind etwa schon lange aus dem Material PVC ausgestiegen, lassen vorwiegend wasserlösliche Klebstoffe verwenden. Aber wir können den Herstellungsprozess nicht vollständig kontrollieren, runter bis zum Baumwollfeld oder bis zur Herstellung des Polyesters. Und wir sind immer abhängig vom Stand der Technik, also vom Wissen, das aktuell vorliegt über die Wirkung bestimmter Stoffe.

Nachhaltigkeit heißt auch profitabel bleiben

mm: Da Adidas seit Jahrzehnten Produkte nur noch entwickelt und vermarktet: Hat der Konzern das verfahrenstechnische Know-how nicht längst aufgegeben?

Henke: Dieses spezielle Know-how über die Zusammensetzung von Rezepturen hatten wir nie, auch Adi Dassler nicht, als er Schuhe noch handwerklich in seiner Werkstatt fertigte. Was wir tun können, ist, für unsere Partner vorbildliche Praktiken ausarbeiten und mit gutem Beispiel vorangehen.

mm: Vielen Umweltschützern ist das zu wenig …

Henke: Wenn die pauschale Aussage lautet, Herstellung von Sportartikeln heißt Umweltverschmutzung und Ausbeutung, dann können wir darauf nicht reagieren. Sobald aber konkrete Vorwürfe und Kritik an uns herangetragen werden, gehen wir sehr transparent damit um und geben schnell eine klare Antwort. Das für sich zeigt doch schon unser ehrliches Bemühen, verantwortlich zu wirtschaften.

mm: Wie definiert Adidas eigentlich Nachhaltigkeit?

Henke: Nachhaltigkeit ist ein Faktor zur Aufrechterhaltung des langfristigen Unternehmenserfolgs. Sie dient zudem dem Schutz der Glaubwürdigkeit und Reputation des Unternehmens und ist wichtig für das Risikomanagement. Sie macht Prozesse schlanker, klüger und besser.

mm: Das klingt, als ob sie nur Schadenabwehr betreiben, nur auf Einflüsse reagieren, die von außen an Sie herangetragen werden. Gibt es keine eigene moralische Verpflichtung?

Henke: Doch natürlich. Die Mitarbeiter, Kunden und Anteilseigner haben eine ganz klare Erwartungshaltung dazu. Ein Unternehmen muss eine lernende Organisation sein mit der Bereitschaft, Themen aufzunehmen und in die eigene Strategie einzubetten.

mm: Gerade kommt Adidas mit der neuen Marke "neo" heraus: schnell drehende Mode für junge Leute, die meinen, dass sie jeden Monat neue Klamotten brauchen. Kann ein Konzern, der diesen Hype um den Konsum bedient, überhaupt nachhaltig sein?

Henke: Zur Nachhaltigkeit gehören nicht nur Umweltschutz und soziale Verantwortung, sondern auch die Verpflichtung des Unternehmens, profitabel zu bleiben und die Interessen der Arbeitnehmer und Aktionäre zu berücksichtigen. Ich spreche viel mit Analysten, die unsere Leistung in Sachen Nachhaltigkeit bewerten. Da schneiden wir in der Regel sehr gut ab.

mm: Sie sind seit zwanzig Jahren bei Adidas  und haben sich fast die ganze Zeit mit Umweltthemen befasst. Womit hat es damals angefangen?

Henke: Mit der deutschen Verpackungsverordnung und dem Kreislaufwirtschaftsgesetz. Damals habe ich mich als erstes mit dem "Grünen Punkt" in allen seinen Facetten auseinandergesetzt. Dass ich mich gemeinsam mit unseren Lieferanten für Schuhleder einmal mit umweltschonender Rinderzucht im Regenwald am Amazonas beschäftigen würde, hätte ich mir damals nicht träumen lassen.

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