Tabakkonzern Reemtsma Krise, welche Krise?

Der Tabak- und Zigarettenhersteller Reemtsma hat in diesem Jahr erstmals mehr als eine Milliarde Euro umgesetzt - und vor Steuern eine halbe Milliarde verdient. Vertriebschef Marcus Schmidt geriet dennoch in Rage, als er über die geplante EU-Tabakrichtlinie sprach.
Von Kristian Klooß
Marcus Schmidt: Seit August General Manager des Tabakkonzerns Reemtsma für Deutschland und die Schweiz

Marcus Schmidt: Seit August General Manager des Tabakkonzerns Reemtsma für Deutschland und die Schweiz

Foto: DPA

Hamburg - Ein rundes, durchsichtiges Plastikbehältnis, rund wie ein Goldfischglas, halb gefüllt mit losem goldbraunem Tabak, hat es Marcus Schmidt an diesem Morgen besonders angetan. "Darauf sind wir stolz", sagt er, als er das tabakgefüllte Goldfischglas hochhält und in die Runde der Journalisten hält. "Der ist volumenexpandiert, der lässt sich besser stopfen, der krümelt nicht, da haben wir ein Patent drauf", sagt Schmidt. Dann lächelt er, und reicht das Glas zum Fühlen und Schnuppern weiter.

Marcus Schmidt verantwortet seit August 2011 als General Manager der Imperial-Tobacco-Tochter das Geschäft in Deutschland und der Schweiz. Seit Oktober ist er als Vorstand verantwortlich für die Bereiche Sales und Marketing. In Zeiten von Wirtschafts- und Staatsschuldenkrise, in denen ganzen Branchen der Niedergang droht, hat der 44-Jährige einen geradezu gemütlichen Job. Denn nichts scheint so krisenresistent zu sein wie das Geschäft mit Tabak und Zigaretten.

Schon die Zahlen, die Schmidt während der Bilanzpressekonferenz verkündet, sprechen für sich: Die Reemtsma Cigarettenfabriken GmbH verbuchte für das Ende September abgelaufene Geschäftsjahr 2011 ein Umsatzplus von 3,5 Prozent. Das Unternehmen hat in diesem Jahr 1,013 Milliarden Euro erlöst und damit erstmals die Milliardenhürde übersprungen. Der Gewinn vor Steuern betrug im vergangenen Geschäftsjahr 532 Millionen Euro, nach 498 Millionen Euro im Jahr 2010.

Reemtsma bleibt Nummer zwei im deutschen Markt

Der Zigaretten- und Tabakhersteller, der unter anderem die Marken JPS, Gauloises, West und Davidoff vertreibt, hält damit nach eigenen Schätzungen einen Marktanteil von 24,4 Prozent. Das sind etwas weniger als die 24,9 Prozent im Vorjahr.

Damit liegt Reemtsma auf Rang zwei in Deutschland. Nur der Marlboro-Konzern Philip Morris (28,9 Prozent) steht besser da. Auf dem dritten Rang folgt der Lucky-Strike-Hersteller British American Tobacco  (17,9 Prozent).

Insgesamt wurden in Deutschland in den vergangenen zwölf Monaten 84,7 Milliarden Zigaretten verkauft (2010: 84,1 Milliarden). Der Markt für Stopf- und Drehtabake legte auf 37,6 Milliarden Stück zu (2010: 35,3 Milliarden). Der Gesamtabsatz in Deutschland beträgt somit 122,3 Milliarden Stück, nach 119,4 Milliarden im Vorjahr. Umgerechnet auf Deutschlands Bevölkerung bedeutet dies im Schnitt vier Zigaretten pro Einwohner pro Tag.

Freude macht dem Reemtma-Vorstand Schmidt dabei vor allem die vergleichsweise preisgünstige Marke John Player Special (JPS), deren Absatz auch im siebten Jahr der Marktpräsenz gestiegen ist. Insgesamt liegt der Marktanteil der JPS bei 9,9 Prozent (2010: 9,3 Prozent). "Unser Zugpferd bleibt auf Kurs und wächst", sagt Schmidt. Im Premiumsegment hielten die beiden Reemtsma-Marken Davidoff mit 0,9 Prozent und Gauloises mit 5,5 Prozent jeweils ihre Marktanteile des Vorjahres.

Drastische Bilder verfaulter Zähne verhindern

Im wachsenden Markt für Feinschnitt, also dem Tabak für selbstgedrehte Zigaretten, brachte es Reemtsma im abgelaufenen Geschäftsjahr mit seinen Marken JPS, West und Route 66 auf einen Marktanteil von 20,3 Prozent, nach 20,5 Prozent im Vorjahr. Wobei das Unternehmen im Geschäft mit dem losen Tabak weiterhin Marktführer ist.

Für das laufende Geschäftsjahr sieht Schmidt sein Unternehmen gut gerüstet: Es sei exzellent aufgestellt und eng vernetzt mit den Handelspartnern. Insbesondere im Premiumsegment sieht er noch Potenziale: "Hier wollen wir 2012 mit mutigen Ideen punkten", sagt Schmidt. Welche das sein werden, lässt er allerdings offen. Es dürfte allerdings am ehesten auf Neuerungen bei Filtern oder Verpackungen hinauslaufen.

Neue Marken oder gar vollkommen neue Produkte, wie sie der Konkurrent British American Tobacco  (BAT) in seiner erst in diesem Jahr gegründeten Tochtergesellschaft Nicoventures entwickeln will, sind nicht zu erwarten. BAT plant, Produkte zu entwickeln, die keine Gesundheitsschäden anrichten und nicht gegen die geplante EU-Richtlinie verstoßen. Denn mit eben dieser zehn Jahre alten EU-Richtlinie für Tabakprodukte befasst sich die Europäische Kommission in diesen Wochen und Monaten.

"Das ist die größte Herausforderung für die Industrie", sagt Reemtsma-Marketingchef Schmidt, während der Projektor das Bild eines verschrumpelten Apfels an die Wand wirft. Darunter steht: "Rauchen lässt Ihre Haut altern". "Das Bild einer Leiche oder von verfaulter Mundflora wollte ich Ihnen jetzt nicht antun", sagt er.

Entscheidungsfreiheit contra Sterbestatistik

Doch eben solche Warnbilder könnten schneller Wirklichkeit werden als es den Tabakkonzernen lieb ist. Darüber hinaus wird in Brüssel derzeit über weitere Vorschriften nachgedacht. So zum Beispiel über die Einführung einheitlicher, in schwarz, grau oder weiß gehaltener Zigarettenpackungen. Auch ein Präsentationsverbot von Tabakwaren im Handel ist im Gespräch. Das wichtigste Argument der EU-Kommission stammt dabei vom europäischen Statistikamt. Dieses hat festegestellt, dass jährlich 650.000 Europäer an den Folgen ihres Tabakkonsums sterben.

Die Tabakkonzerne argumentieren hingegen anders. "Selten zuvor", sagt Schmidt, "hat Brüssel derartig massiv in den Wettbewerb in Europa und die Entscheidungsfreiheit der Konsumenten eingegriffen." Die EU-Behörden handelten mit diesen Plänen gegen das Votum eines Großteils der europäischen Bevölkerung. So habe eine repräsentative Umfrage von TNS Emnid unter erwachsenen Rauchern im Mai 2011 ergeben, dass 83 Prozent der Raucher ihr Konsumverhalten auch bei Einführung größerer Warnhinweise nicht ändern würden. Auf Nachfrage nennt er auch den Auftraggeber der Studie: Reemtsma.

Auslageverbot: "Wenn es kommt, dann klagen wir"

Als weiteres Argument gegen zu viele Einschränkungen nennt Schmidt Kanada. Dort warnen bereits seit 2000 große Bilder zum Beispiel von fauligen Zähnen auf Zigarettenpackungen. Seit 2002 dürfen Tabak und Zigaretten nicht mehr offen zum Verkauf angeboten werden. Und seit 2004 gilt ein Rauchverbot unter anderem in Gaststätten.

"Studien", so Schmidt, "haben aber ergeben, dass trotz bildlicher Warnhinweise kein Einbruch des Raucheranteils zu verzeichnen ist." Und trotz des Auslageverbots habe der Raucheranteil in der kanadischen Bevölkerung sogar noch zugenommen. Von Einheitsverpackungen, Verboten von Zusatzstoffen, dem Verkauf unter der Ladentheke, drastischen Warnbildern hält er daher nichts. "Keiner will das!", sagt Schmidt. "Und wenn es kommt, dann klagen wir!"

Dies hat die Reemtsma-Mutter Imperial Tobacco  in den Vereinigten Staaten bereits getan - gemeinsam mit den "Big Five" genannten anderen großen Tabakkonzernen Altria , British American Tobacco , Japan Tobacco und Philip Morris International. Denn während die EU-Kommission noch über einer Novellierung der EU-Richtlinie brütet, hat die amerikanische Gesundheitsbehörde FDA bereits Fakten geschaffen.

Ab kommendem Jahr werden die Hersteller in den USA dazu verpflichtet, abschreckende Bilder auf ihren Packungen zu zeigen. Begriffe wie "light" oder "mild" sind bereits heute auf den Verpackungen untersagt. Rauchen am Arbeitsplatz, in Parks und öffentlichen Einrichtungen ist ebenfalls an immer mehr Orten verboten.

Sollte die Richtlinie dennoch, wie geplant, im Jahr 2014 in Kraft treten, dürfte dies für Schmidt, Reemtsma und die großen Tabakkonzerne verschmerzbar sein. Schließlich haben ihnen auch die Werbeverbote in Hörfunk, Fernsehen und Zeitungen das Geschäft nicht verdorben. Die Umstellung auf bargeldlose Zigarettenautomaten und auch das Rauchverbot in Kneipen und öffentlichen Einrichtungen haben ebenfalls nicht zu signifikanten Umsatzeinbrüchen geführt.

Für die Ausgestaltung der neuen EU-Richtlinie werden am Ende wohl auch weniger die Statistiken, Studien und Umfragen der Tabakkonzerne entscheidend sein. Wichtiger bei der Ausgestaltung einer künftigen EU-Richtlinie dürfte eine Zahl sein, die im Januar vom Statistischen Bundesamt veröffentlicht wird. Im vergangenen Jahr lag sie 13,4 Milliarden Euro. Die Höhe der Tabaksteuer ist in Zeiten von Wirtschafts- und Staatsschuldenkrise wohl das beste Argument, um auch kommende Krisen zu meistern.

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