Metro Das Erbe des Eckhard Cordes

Für Deutschlands größten Handelskonzern kommt es derzeit dicke: nach dem Abgang von Konzernchef Eckhard Cordes muss die Metro in der Frage über die Entscheidungsgewalt über Media-Saturn eine weitere Gerichtsschlappe hinnehmen. Auf Cordes' Nachfolger warten gewaltige Aufgaben.
Von Kristian Klooß
Ärger ohne Ende: Nach dem angekündigten Abgang des Metro-Chefs Eckhard Cordes gab es für Deutschlands größten Handelskonzern nun auch vor Gericht eine Niederlage

Ärger ohne Ende: Nach dem angekündigten Abgang des Metro-Chefs Eckhard Cordes gab es für Deutschlands größten Handelskonzern nun auch vor Gericht eine Niederlage

Foto: dapd

Hamburg - Der scheidende Metro-Chef Eckhard Cordes hat im Machtkampf beim Elektronikhändler Media-Saturn vor Gericht eine Schlappe erlitten. Das Landgericht Ingolstadt stärkte am Dienstag den Minderheitseignern um den Media-Markt-Gründer Erich Kellerhals den Rücken und sicherte das Vetorecht der Minderheit. Damit kann der 71-Jährige Kellerhals, der noch immer 21,6 Proezent an der Media-Saturn-Holding hält, weiterhin Beschlüsse blockieren.

Die schwierigen Entscheidungswege, die Cordes aufgrund des Beteiligungskonstrukts immer wieder gehen musste, waren bis zuletzt ein Thema, an dem Cordes sich festgebissen hatte. Denn für die Elektroniktöchter Saturn und Media-Markt hatte er einst einen Börsengang vorgesehen. Stattdessen führte der Gang immer wieder vor Gericht - ohne Erfolg für Cordes.

Jetzt wird er das Hickhack um die Elektronikmärkte seinem Nachfolger hinterlassen. Wie problematisch die Situation aus Sicht der Konzernführung ist, zeigt ein Blick in die jüngste Vergangenheit.

So hatte Kellerhals erst vor wenigen Wochen von seinem Vetorecht Gebrauch gemacht und den Kauf der zwei Onlineunternehmen ReBuy und iBood. ReBuy hat sich darauf spezialisiert, Altgeräte von Kunden gegen Einkaufsgutscheine aufzukaufen, iBood verkauft Tag für Tag im Netz ein einziges Produkt und profitiert so von Mengeneffekten. Kellerhals begründete sein Veto mit einer möglichen Verzettelung, da erst im April der Onlinehändler Redcoon übernommen worden sei und die Einführung der Onlineshops der beiden Marken Media-Markt und Saturn anstehe.

Saturn probiert es jetzt online

Die Onlineoffensive hat die Metro  inzwischen gestartet. Seit dem Wochenende ist der Elektronikfachmarkt Saturn mit einem eigenen Online-Shop im Netz vertreten. Zudem hat die Warenhauskette Kaufhof erst vor wenigen Tagen die E-Commerce-Bestrebungen massiv ausgebaut. So wurde zum Beiopsiel der Textilversand forciert. Darüber hinaus hätte wohl bis zum Jahresende auch eine Entscheidung darüber auf der Tagesordnung gestanden, wie es im China-Geschäft weitergeht.

Doch ohne Steuermann, der langfristig die Richtung vorgibt, sind solche Entscheidungen kaum zu treffen.

Die Reaktion der Börse legt nahe, zu welch ungünstigem Zeitpunkt die Ankündigung von Cordes die Metro-Gruppe mit ihren weltweit 280.000 Mitarbeitern trifft. Am Montag und am Dienstag gehörten die Papiere der Metro zu den Verlieren des Dax.

Dass mit Cordes der entscheidende Mann für die aktuelle Ausrichtung der Metro-Gruppe von Bord geht, unterstreicht selbst die Familie Haniel. "Eckhard Cordes hat den Handelskonzern internationalisiert, die Leistungsfähigkeit deutlich erhöht und die Metro AG zu einem sehr erfolgreichen Global Player gemacht", heißt es in einer Stellungnahme der Familie, die über die Franz Haniel & Cie. GmbH 34,24 Prozent der Metro-Aktien hält.

Grundlegende Ankündigungen Cordes' blieben unerfüllt

Trotz des vermeintlichen Lobes hat es am Ende für den 60-jährigen Manager nicht gereicht. Zuletzt schien sich fast jede Interessengruppe gegen ihn verschworen zu haben. Mit den Haniels, in deren Diensten der ehemalige Daimler-Manger seit 2006 steht, lief es längst nicht mehr.

Mit den Aufsichtsräten des Arbeitnehmerlagers geriet Cordes in Konflikt, nachdem er 2009 das Sparprogramm "Shape 2012" verkündete. Die als "Effizienzsteigerungsprogramm" etikettierte Maßnahme kostete 19.000 Mitarbeitern den Arbeitsplatz.

Und die Aktionäre waren mit Blick auf den Aktienkurs, der sich seit Jahresbeginn halbiert hat, zuletzt ebenso wenig begeistert.

Zwar gilt das "Shape"-Programm nach Ansicht von Analysten als Erfolg. "Auch die Trennung des Einkaufs der Cash&Carry-Großhandelsmärkte und der Real SB-Warenhäuser ergab Sinn", sagt Jürgen Elfers, der für die Commerzbank Europas Einzelhändler analysiert. Dem ständen indes mehrere offene Baustellen gegenüber. Allen voran blieben mehrere grundlegende Ankündigungen Cordes' unerfüllt.

Verkäufe wurden nicht realisiert

Die Warenhaustochter Kaufhof hatte Cordes einst zum Verkauf gestellt. Alternativ war lange Zeit auch von einem möglichen Joint Venture die Rede, etwa gemeinsam mit Karstadt in einer Deutschen Warenhaus AG. Davon ist heute keine Rede mehr.

Die Real-Verbrauchermärkte waren von Cordes einst ebenfalls zu Verkaufskandidaten erklärt worden. Wobei allerdings zuvor noch eine Ergebnisverbesserung erreicht werden sollte. Die Kosten wurden zwar gedrückt. Die Marge liegt allerdings immer noch unter den anvisierten 2 bis 3 Prozent. Von einem Verkauf oder einem Joint Venture ist heute ebenfalls keine Rede mehr.

Vor allem daran, dass er trotz 75-prozentigem Mehrheitsanteil an der Media-Saturn-Holding nicht durchregieren konnte, litt zuletzt vor allem Metro-Chef Cordes. Denn auf die Streitigkeiten zwischen Mehrheitsgesellschafter und Altgesellschafter reagierten die Aktionäre der Metro  in den vergangenen Monaten sensibel. Vor allem deshalb, weil die Verzahnung von Online- und Offlinewelt bei Media-Saturn sich zuletzt immer wieder verzögerte. Als Media-Saturn im zweiten Quartal 2011 auch noch mit einem 44-Millionen-Euro-Verlust überraschte, verschärfte sich die Situation.

Seit dem Wochenende verfügt nun zumindest die Metro-Tochter Saturn endlich über einen Onlineshop, über den Verbraucher Smartphones, DVD-Spieler und Flachbildschirme kaufen können. Im Januar wird dann die Schwestermarke Media-Markt mit einem eigenen Onlineverkaufsportal nachziehen.

Zumindest das Potenzial des Shops ist gewaltig. So wurden nach Schätzungen der Royal Bank of Scotland 17,3 Prozent aller Verbraucherelektronikprodukte im Mai dieses Jahres online gekauft. Der Marktanteil der Media- und Saturn-Märkte bei Verbraucherelektronik lagen im Mai demgegenüber bei 17,4 Prozent - und das nur offline.

Nachfolgekandidaten werden bereits gehandelt

Das größte Problem, mit dem sich Media Saturn derzeit konfrontiert sieht, sind indes die Kosten. Denn derzeit liegen die Preise in den Media- und Saturn-Märkten noch deutlich über den durchschnittlichen Onlinepreisen. Dort, wo Produkte erklärungsbedürftig sind oder der Service eine ausgeprägte Rolle spielt, ist das weniger problematisch. Doch für viele einfache Produkte gilt dies nicht. Weshalb Media-Saturn bereits damit begonnen hat, die Preise zu senken. 500 Millionen Euro will das Unternehmen bis 2015 in der Verwaltung einsparen, um die Preisangleichung von Offlinewelt und Onlinewelt zu finanzieren.

Bis 2015 will die Metro-Gruppe mit ihrem Internetgeschäft einen Umsatz von fünf Milliarden Euro und die Marktführerschaft in Europa erreichen. Wobei die Onlinegeschäfte auch vom erst im April übernommenen reinen Onlinehändler Redcoon angetrieben werden dürften. Nach Analystenschätzungen könnte allein Redcoon bis 2015 auf Umsätze in Höhe von 1,5 Milliarden Euro erreichen.

Analysten halten die Umsatzpläne Metros durchaus für realistisch. "Die fehlende Verzahnung von Bricks und Clicks war bislang ein strategisches Manko", sagt Christoph Schlienkamp, auf Handel spezialisierter Analyst beim Bankhaus Lampe. Der jetzige Onlineauftritt komme zwar spät, aber nicht zu spät. "Es geht jetzt vor allem darum, Markenbewusstsein zu schaffen." Nur so könne die Verzahnung von Bricks und Click gelingen. Nur so könne verhindert werden, dass die Kunden nicht zu Amazon  gehen.

Auch Commerzbank-Analyst Elfers teilt diese Ansicht. Im Internet werde es wohl keine Silber- und Bronzemedaillen geben. "Deshalb muss die Marke aggressiv gepusht werden."

China könnte die Planzahlen durcheinanderwirbeln

Wie sich das Onlinegeschäft entwickelt, wird zudem nicht mehr nur in Deutschland oder Europa entschieden. Denn in China, wo die Metro-Gruppe vor rund einem Jahr einen Media-Markt-Flagship-Store in Shanghai eröffnet hat, steht wohl in Kürze eine Entscheidung über eine künftige Expansion an. Bis 2012 sollen bis zu zehn Elektrofachmärkte im Großraum Shanghai angesiedelt werden. Sollte Metro ab 2013 eine Expansion über Shanghai hinaus anstreben, kämen wohl nicht nur mehr als 50 Märkte im Jahr dazu. Ein solcher Schritt wäre wohl auch mit einem Onlineauftritt in China verbunden - was die bisherigen Planzahlen von fünf Milliarden Euro Umsatz bis 2015 durcheinanderwirbeln dürfte.

Das jedoch ist Zukunftsmusik. Und wer der neue Dirigent wird, ist noch offen. Als Nachfolger von Eckhard Cordes werden mehrere Kandidaten gehandelt. Darunter Pierre Bouchut, bislang Finanzchef des französischen Lebensmittelhändlers Carrefour . Darunter auch Peter Hogsted, bisheriger Vorstandschef der britischen Baumarktkette Kingfisher . Interne Kandidaten wie der Metro-Finanzvorstand Olaf Koch werden ebenfalls gehandelt. Und natürlich Joël Saveuse. Der Franzose, Metro-Vorstand seit 2008, gilt nach Cordes als wichtigster Manager des Konzerns, seitdem er nach der Sanierung der Konzerntochter Real seit dem Frühjahr 2010 auch das Großhandelsgeschäft verantwortet.

Wie ein neuer Metro-Chef den Konzern aufstellt, scheint indes noch völlig offen zu sein. "Das geht entweder nach Vertriebskanälen, oder auch nach Ländern", sagt Bankhaus-Lampe-Analyst Schlienkamp. Im Hinblick auf Kaufhof und Real stellt sich nach Ansicht des Commerzbank-Analysten Elfers darüber hinaus eine weitere Frage: "Ein neuer Vorstand muss beantworten, ob die einst zum Verkauf gestellten Konzerntöchter nicht doch als langfristige Mitglieder erfolgreich im Portfolio positioniert werden können."

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