Mittwoch, 19. Februar 2020

Streaming-Dienste Wolkige Hoffnungen für die Musikbranche

Internetmusikanbieter Simfy: 13 Millionen Songs sind hier völlig legal verfügbar

Die CD-Verkäufe sinken weiter, das Geschäft mit Downloads bleibt klein: Auf der Musikmesse Popkomm sucht die Branche nach Wegen aus der digitalen Misere. Der Erfolg von Internetmusikdiensten wie Simfy oder Spotify macht ein wenig Mut - doch Rechtsstreitigkeiten erschweren den Durchbruch.

Eines muss man den Organisatoren der Musikmesse Popkomm lassen: Mit der Wahl des Konferenzortes haben sie Sinn für Symbolik bewiesen. Ausgerechnet auf dem stillgelegten Berliner Flughafen Tempelhof, findet ab heute Deutschlands wichtigstes Musikindustrietreffen statt.

Bis zum vergangenen Jahr hoben in Tempelhof täglich Tausende in Richtung Wolken ab. Die Wolken, sie werden auch eines der beherrschenden Popkomm-Themen sein - allerdings nicht in ihrer physischen Variante. Gerade junge Konsumenten wollen Musik immer seltener besitzen, sei es als digitale MP3-Datei oder als CD. Ihnen reicht es, ihre Lieblingssongs abspielen zu können, wann und wo sie wollen.

Dazu brauchen sie nichts weiter als eine Internetverbindung per Computer oder per Smartphone. Gespeichert sind ihre Lieblingssongs in der sogenannten virtuellen Wolke, also auf den Festplattenfarmen von Anbietern wie Amazon Börsen-Chart zeigen, Google Börsen-Chart zeigen, oder Apple Börsen-Chart zeigen - oder gleich bei auf Musik spezialisierten Streaming-Diensten wie Simfy oder den Musikvideos auf Youtube.

"Für die Konsumenten ist klar: Musik ist erstmal ein Klick", sagt der Branchenexperte Gerd Leonhard. Kunden wollen ausgiebig testen und Probe hören, bevor sie ans Bezahlen denken. Vielen reicht der Besitz von Links, mit denen sich ihr Lieblingsstück im Internet abspielen lässt. Das klingt aufs Erste nach einer neuen Hiobsbotschaft für eine Branche, die Raubkopierern die Hauptschuld an ihrem Niedergang gibt. In Deutschland befindet sich die Musikbranche nach wie vor auf Schrumpfkurs: Im vergangenen Jahr ging der Umsatz aus Musikverkauf und Leistungsschutzrechten um 4,6 Prozent auf 1,7 Milliarden Euro zurück, zeigen die Zahlen des Bundesverbands Musikindustrie.

Dabei ist der Rückgang hierzulande noch vergleichsweise gering: Weltweit brachen die Umsätze der Musikindustrie sogar um gut acht Prozent auf 15,9 Milliarden Dollar ein. Immerhin stiegen in Deutschland die Erlöse aus dem Verkäufe digitaler Inhalte um 17,5 Prozent an. Doch vier Fünftel ihres Umsatzes erwirtschaftet die Branche nach wie vor mit CDs - und deren Absatz sank im Jahr 2010 um 6,5 Prozent im Vergleich zum Vorjahr.

Mehr Streams, doch wenig Umsatz

Von den sagenhaften Profiten der Jahrtausendwende, als die Musikfans im großen Stil ihre Vinylplattensammlungen auf CD umstellten, muss sich die Branche wohl für immer verabschieden. Das Aufkommen der Compact Disc sei ein Glückstreffer gewesen, meint Leonhard - denn die großen Musiklabels konnten bereits vorhandenes Material nochmals neu auflegen.

Doch nun habe sich die Situation grundlegend geändert. "Das Verkaufen von Kopien ist vorbei, der heutige Konsument denkt an Zugang", meint der Musikexperte. Tatsächlich steigt das Interesse der Deutschen an legalen Streaming-Services.

Streaming-Anbieter machen sich die von der Videoplattform Youtube bekannte Technologie zunutze: Die Songdateien liegen auf den Servern der Betreiber, Nutzer können sie mit einem Player abspielen, den sie entweder auf der Website oder in einer Smartphone-App finden. Im Gegensatz zu Youtube können Konsumenten aber keine eigenen Songs hochladen. Dafür können sie sich ihre Lieblingssongs in einer Playlist zusammenstellen und erhalten Empfehlungen für Stücke oder Bands, die denen ihrer Lieblingsmusiker ähneln.

Im ersten Halbjahr 2011 hat der Umsatz von abofinanzierten Streaming-Diensten wie Simfy Premium, Napster oder Musicload Nonstop um 21,4 Prozent zugenommen, rein werbefinanzierte Musikdienste wie MyVideo, Clipfish oder die Basisversion von Simfy konnten sogar um 65 Prozent mehr Erlöse generieren als im Vorjahreszeitraum.

Das erkennen auch die vier großen Plattenfirmen Universal, Sony Music, Warner Music Börsen-Chart zeigen und EMI Börsen-Chart zeigen, die zwei Drittel der Branchenumsätze auf sich vereinen. Sie stellen Streaming-Anbietern ihre Musik gegen Entgelt zur Verfügung - doch große Umsätze ergeben sich daraus für sie noch nicht. Die Streaming-Services machen in den ersten sechs Monaten dieses Jahres ein Neuntel des Marktes mit digitalen Musikinhalten aus, auf den wiederum ein knappes Fünftel der gesamten Musikindustrie-Umsätze entfällt. Im Jahr 2010 kamen die Streaming-Portale gerade mal auf 14 Millionen Umsatz, zeigen die Zahlen des Bundesverbands Musikindustrie.

Trotz allem geben Experten den neuen Internetmusikanbietern eine große Zukunft. "Streaming-Dienste in Verbindung mit Offline-Premium-Services können auf Dauer die Verluste im CD-Geschäft kompensieren", meint die Branchenberaterin Tina Rodriguez, die selbst lange Jahre bei einem großen Musiklabel tätig war.

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