Media-Saturn Metro hofft auf China und baut aufs Netz

Die Metro-Tochter Media-Saturn hat sich vom Wunderkind zum Verlustbringer gewandelt. Verspätet steuert die Konzernmutter gegen, investiert in China und im Internet. Doch zerstrittene Anteilseigner sorgen weiter für Unruhe - dabei braucht Metro dringend gute Nachrichten, um den Kurssturz aufzuhalten.
Von Kristian Klooß
Plasma-Fernseher in einer Media-Markt-Filiale: Geizige Kunden kaufen lieber im Netz

Plasma-Fernseher in einer Media-Markt-Filiale: Geizige Kunden kaufen lieber im Netz

Foto: dapd

Hamburg - Vom Musterschüler zum Sorgenkind: So lässt sich die Entwicklung der Metro-Tochter Media-Saturn beschreiben. Über Jahre überwies die Konzerntochter mit ihren zwei Marken Media Markt ("Ich bin doch nicht blöd") und Saturn ("Geiz ist geil") regelmäßig Gewinne in die Konzernzentrale nach Düsseldorf. 625 Millionen Euro betrugen die Vorsteuergewinne (Ebit) allein 2010. Der Umsatz der zwei Handelsketten lag im selben Jahr bei mehr als 20 Milliarden Euro.

Vor einer Woche dann die Überraschung: im zweiten Quartal 2011 schrieb Media-Saturn 44 Millionen Euro Verlust. Im zweiten Quartal 2010 hatte noch ein Gewinn von 41 Millionen Euro in den Büchern gestanden.

Schlechte Nachrichten von der Elektronikkette kann Metro derzeit gar nicht gebrauchen. Die aufkommenden Konjunktursorgen belasten auch das Kerngeschäft des Handelsriesen, Analysten nahmen nach den Halbjahreszahlen des Konzerns ihre Gewinnschätzungen reihenweise zurück. Die Aktie von Metro gab binnen zwei Tagen um mehr als 10 Prozent nach und fiel auf den tiefsten Stand seit mehr als zwei Jahren. Konzernchef Cordes muss beim Umbau nun aufs Tempo drücken.

Aufbau von Eigenmarken soll helfen

Die Gründe für den Einbruch bei Media-Saturn sind vielfältig. So leidet Media-Saturn vor allem daran, dass Kunden Werbesprüche wie "Ich bin doch nicht blöd" und "geiz ist geil" inzwischen wörtlich nehmen und sich ihre Smartphones, DVD-Spieler und Flachbildschirme bei oft günstigeren Anbietern im Internet bestellen. Dies sorgt für Preisdruck und sinkende Margen. Besonders schwächelte seit längerem das Geschäft in Frankreich. Laut Schätzungen von Analysten summierten sich die Verluste dort im ersten Halbjahr auf rund 30 bis 40 Millionen Euro. Zum Juli hat sich die Elektronikkette allerdings von allen ihrer einst 35 französischen Märkte getrennt.

Auch andere kurzfristige Kosten werden das Ergebnis der Tochter der Metro Group  künftig nicht mehr belasten. So ist der eingeleitete Aufbau von Eigenmarken wie "ok." für das Niedrigpreissegment, "KOEN IC" für hochwertige Haushaltsgeräte, "PEA Q" für Unterhaltungselektronik und "ISY" für Zubehör bereits fortgeschritten.

Riskante Expansion in China - Best Buy als warnendes Beispiel

Auch die Anlaufinvestitionen für den Markteinstieg in China dürften die Bilanz in den kommenden Quartalen weniger drücken. Im November 2010 hatte die Metro-Tochter in Shanghai einen Media Markt Flagship-Store mit einer Verkaufsfläche von 9500 Quadratmetern auf fünf Stockwerken eröffnet - nach München Haidhausen der zweitgrößte der Welt. Bis 2012 sollen bis zu zehn Elektrofachmärkte im Großraum Shanghai angesiedelt werden.

Um die Risiken des Markteintritts zu verringern, hat sich Media-Saturn den Elektronikproduzenten Foxconn mit ins Boot geholt. Der taiwanesische Auftragsfertiger, der in seinen Fabriken unter anderem die iPhones und iPads von Apple  zusammenbaut, hält 25 Prozent an dem Joint Venture und versucht seit einigen Jahren im Endkundenbereich Fuß zu fassen.

Dass die Elektronikmärkte in China bald einen positiven Ergebnisbeitrag leisten, so wie es inzwischen auch die erst vor wenigen Jahren erschlossenen Wachstumsmärkte Türkei und Russland tun, davon ist das Management überzeugt. Media-Saturn-Finanzvorstand Rolf Hagemann begründete dies zuletzt vor Analysten unter anderem mit der hohen Flächenproduktivität in den drei bislang eröffneten Shanghaier Märkten, die jener in Europa entspreche.

Ob sich die Verhältnisse in der Metropole Shanghai indes auch eins zu eins auf andere chinesische Städte übertragen lassen, ist nach Ansicht von Branchenkennern aber fraglich. Auch die aggressiv wachsenden Wettbewerber, unter ihnen die chinesischen Elektronikketten Suning und Gome, dürften die Flächenproduktivität senken.

Schon die US-amerikanische Elektronikkette Best Buy musste dem Margendruck Tribut zollen. Die Amerikaner haben Anfang des Jahres die Schließung ihrer neun Filialen in China beschlossen.

Waren liefern lassen oder abholen: Hoffnung ruht auf Multichannel-Strategie

Dass Media-Saturn in Märkten wie China, Russland und der Türkei einiges nachzuholen hat, ist unbestritten. Nach Berechnungen der Analysten der Royal Bank of Scotland (RBS) machten die Umsätze in 2010 in den heimatmarktnahen europäischen Ländern noch 95 Prozent aus. Die weltweiten Wachstumsmärkte trugen hingegen nur 5 Prozent zu den Erlösen der Elektronikkette bei. In Indien und Brasilien ist Media-Saturn nicht einmal vertreten.

Dennoch sehen die Analysten die Situation des Unternehmens längst nicht so düster wie es die Börsianer in diesen Tagen tun, die am Mittwoch die Aktie von Metro  erneut auf Talfahrt schickten. "Wir sehen die Entwicklung der Mulitchannel-Strategie sehr positiv", heißt es in einer Studie der RBS.

Die Idee hinter der Multichannel-Strategie ist einfach: Kunden sollen Waren im Netz bestellen können und die Wahl haben, ob sie sie liefern lassen oder im Markt abholen. Auch Reklamationen oder Retouren sollen grundsätzlich auf beiden Vertriebswegen möglich sein.

Diese Verknüpfung von Laden- und Online-Geschäft soll Media-Saturn sowohl gegenüber klassischen Elektronikfachmärkten als auch gegenüber reinen Online-Händlern, allen voran dem Marktführer Amazon , eine Alleinstellung verschaffen. Was in den Niederlanden und Österreich seit dem vergangenem Jahr bereits praktiziert wird, soll künftig auch in anderen Märkten umgesetzt werden.

Saturn startet Onlineshop im Oktober

Im Oktober soll die Internetseite saturn.de starten. Anfang kommenden Jahres soll mediamarkt.de folgen. Bis 2015 peilt das Unternehmen mit seinem Internetgeschäft einen Umsatz von fünf Milliarden Euro und die Marktführerschaft in Europa an. Darin enthalten ist nicht nur das Geschäft mit den Kernmarken Media Markt und Saturn. Darin enthalten sind auch die Umsätze des erst im April übernommenen reinen Online-Händlers Redcoon.

Welches Umsatzpotenzial im Netz schlummert, zeigt ein Blick auf die derzeitigen Marktanteile im Handel mit Verbraucherelektronik. Nach Schätzungen der Royal Bank of Scotland wurden 17,3 Prozent aller Verbraucherelektronikprodukte im Mai dieses Jahres online gekauft. Der Marktanteil der Media- und Saturnmärkte bei Verbraucherelektronik lagen im Mai demgegenüber bei 17,4 Prozent.

Preissenkungen und Stellenabbau haben begonnen

Dafür, dass sich Media-Saturn ein großes Stück vom Online-Kuchen sichern wird, spricht nach Ansicht von Analysten einiges. So gelten die Tests mit der Multichannel-Strategie in den Niederlanden und Österreich als Erfolg, der darauf hindeutet, dass diese Strategie auch in anderen Märkten funktioniert. Auch das gut ausgebaute Filialnetz und die leicht auf das Internet übertragbare Markenbekanntheit sprechen nach Einschätzung der Experten für das Unternehmen.

Das größte Problem, mit dem sich Media-Saturn derzeit konfrontiert sieht, sind die Kosten. Denn derzeit liegen die Preise in den Media- und Saturnmärkten noch deutlich über den durchschnittlichen Online-Preisen. Dort, wo Produkte erklärungsbedürftig sind oder der Service eine ausgeprägte Rolle spielt, ist das weniger problematisch. Doch für viele einfache Produkte gilt dies nicht. Weshalb Media-Saturn bereits damit begonnen hat, die Preise zu senken. Finanziert werden sollen diese Maßnahmen durch die jüngst verkündete Streichung von 3000 der insgesamt rund 59.000 Stellen, durch die Zusammenlegung von Landesniederlassungen zum Beispiel in Portugal und Spanien sowie durch eine Zentralisierung von Verwaltungsdiensten.

Streitigkeiten und Ermittlungen könnten Umbau verzögern

Ob die bisher verkündeten Stellenstreichungen ausreichen, um die nötigen Kostensenkungen zu erreichen, ist ungewiss. 500 Millionen Euro will das Unternehmen bis 2015 in der Verwaltung einsparen. Bei geschätzten Kosten von 30.000 Euro pro Arbeitsplatz kämen allerdings nur 90 Millionen Euro jährlich zusammen.

Auch die Verbindung der Online-Welt mit dem klassischen Einzelhandel gilt als knifflig. Denn die alte die Devise, dass ein Händler nie an allen Standorten gleichzeitig angegriffen werden kann, gilt nicht im Internet. Dort ist das Zeitfenster klein, Fehler werden schnell bestraft.

Umso sensibler reagieren die Aktionäre daher auch auf jene Streitigkeiten, die die Verzahnung von Online- und Offline-Welt bei Media-Saturn zuletzt immer wieder verzögert haben. Sand ins Getriebe streute erst kürzlich wieder der Gründer und Altgesellschaft der Elektronikketten Erich Kellerhals. Der 71-jährige hält noch immer 22 Prozent an der Media-Saturn-Holding. Darüber hinaus besitzt er dank einer Vertragsklausel ein Vetorecht bei wichtigen Unternehmensentscheidungen.

Laut einem Bericht er Tageszeitung "Die Welt" blockierte Kellerhals erst vor wenigen Tagen den Kauf der zwei Online-Unternehmen ReBuy und iBood. ReBuy hat sich darauf spezialisiert, Altgeräte von Kunden gegen Einkaufsgutscheine aufzukaufen, iBood verkauft Tag für Tag im Netz ein einziges Produkt und profitiert so von Mengeneffekten. Kellerhals begründete sein Veto mit einer möglichen Verzettelung, da erst im April der Online-Händler Redcoon übernommen worden sei und die Einführung der Onlineshops der beiden Marken Media Markt und Saturn anstehe.

Die Unternehmenseigner streiten vor Gericht

Für die Metro Group könnten solche Verzögerungen zu einem Problem werden, ein Ärgernis sind sie aus Sicht des Vorstandsvorsitzenden Eckhard Cordes seit Jahren. Denn mit 75 Prozent ist die Metro Group zwar Mehrheitseigner der Media-Saturn-Holding, durchregieren kann sie dennoch nicht. Darüber, ob die vertraglich zugesicherte Sperrminorität wasserdicht ist, streiten Metro-Führung und Altgesellschafter aktuell vor dem Landgericht in Ingolstadt.

Für weitere Unruhe hat Mitte Juli überdies eine Razzia gesorgt. Rund 160 Ermittler hatten unter anderem die Ingolstädter Firmenzentrale und zwanzig weitere deutsche Media-Saturn-Standorte durchsucht. Sie waren Korruptionsvorwürfen nachgegangen, die sechs Beschuldigte, darunter ein Mitglied des Media-Saturn-Managements und zwei leitende Mitarbeiter, betrafen. Die Betroffenen sollen mit einem Millionenbetrag von einer Firma bestochen worden sein, die über Jahre hinweg Werbeaktionen in Media-Märkten organisiert hatte und später Insolvenz anmeldete.

Sollten sich die Vorwürfe bewahrheiten, dürfte dies den Neustart bei der Media-Saturn-Holding nicht gerade beschleunigen.

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