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Möbel aus dem Netz: Drei Firmenkonzepte

Foto: Myfab

Möbelhandel Internetanbieter wollen die Branche umkrempeln

Jeder siebte Deutsche kauft mittlerweile Möbel im Internet. Während alte Einzelhandelskonzepte wie die Designläden von Habitat unprofitabel wurden,  bietet das Onlinegeschäft neue Nischen für junge Unternehmen mit guten Ideen. So entstehen mit überschaubarem Aufwand völlig neue Möbelmarken.

Hamburg - Der Möbelmarkt ist im Umbruch. Alte Konzepte, wie die in den späten 1960ern gegründete und lange profitable Designmöbelkette Habitat, haben sich überlebt - das Großbritannien-Geschäft steht seit kurzem unter Zwangsverwaltung, die Filialen in anderen Ländern werden verkauft. Dabei ist das Möbelgeschäft eigentlich eines, in dem sich gut Geld machen lassen müsste.

Um die 30 Milliarden Euro geben die Deutschen Jahr für Jahr für Möbel und Einrichtungsgegenstände aus. Und sie sind es gewohnt, in einem Geschäft ein Sofa oder einen Tisch zu bestellen und dann geduldig drei Monate auf die Lieferung zu warten. Außerdem sind die Margen in manchen Fällen hoch: Ein Sofa, das in China produziert wird, kann den hiesigen Käufer das Vielfache des Einkaufspreises kosten. Zwischenhändler und Möbelgeschäfte können dann mitverdienen. Doch solch günstige Gewinnsituationen haben bei weitem nicht alle Möbelhersteller, und so wird der Markt neu sortiert.

Vor allem im Internet tun sich Sparmöglichkeiten auf, für all diejenigen, deren Markenname direktes Kundenumschmeicheln zu erfordern scheint: Keine teuren Läden, Kunden und Hersteller können direkt zueinander finden. Die ersten Möbelhändler dieser Generation versuchen das.

Vor gut zwei Jahren kam das französische Unternehmen Myfab als erster reiner Onlinemöbelhändler mit eigener Produktion und eigenen Designern an den deutschen Markt, wenige Monate später folgten die ersten Nachahmer - und nun rückt die zweite Generation bereits wieder inhaltlich von der ersten ab und will den Onlinehandel schon wieder neu definieren.

Acht Millionen Deutsche kaufen laut einer aktuellen Umfrage des Bundesverbands Informationswirtschaft Möbel online - vor allem Verbraucher zwischen 30 und 49 Jahren. "Ich bin der festen Überzeugung, dass der Möbelhandel sich derzeit so verhält wie vor 15 Jahren der Buchhandel, vor zehn Jahren die Fashion-Industrie und vor fünf Jahren der Schuhhandel", sagt Marc Appelhoff. Der Geschäftsführer von Fashion for Home bietet mit seinem Partner Christoph Cordes Designermöbel auf einer eigenen Internetplattform an. "Früher hat niemand geglaubt, dass die Kunden im Internet Bücher kaufen würden, wo sie sie nicht anfassen und nicht darin blättern können. Später hieß es, Schuhe könne man nicht kaufen, ohne sie anzuprobieren. Und heute heißt es immer noch, man müsse auf einem Sofa gesessen haben, bevor man es kauft. Wir glauben das nicht."

Glorreiche Zeiten

Appelhoff, dessen Firma nach eigenen Angaben "eine ordentliche fünfstellige Kundenzahl" mit einer "wachsenden Quote an Wiederkäufern" hat, prophezeit der Branche glorreiche Zeiten: "Der Onlinehandel für Möbel und Einrichtungen hat eine Wachstumsrate von mehr als 30 Prozent, die Marktpenetration wird in den nächsten Jahren auf bis zu 20 Prozent steigen. In fünf bis zehn Jahren haben wir entsprechend ein Potential von sechs Milliarden Euro Umsatz in Deutschland. Wir können also noch lange wachsen, bis es in diesem Markt um Verdrängung geht."

Begonnen hatte Fashion for Home als Copycat des französischen Unternehmens Myfab. Dessen Gründer Stéphane Setbon hatte ein völlig neues Geschäftsmodell entwickelt: Die Kunden stimmen darüber ab, welche Entwürfe auf der Myfab-Internetseite angeboten werden sollen. Dann werden Bestellungen für diese potentiellen Bestseller gesammelt und die entsprechende Stückzahl in Shanghai, mittlerweile auch an anderen Standorten, produziert. Das ganze Procedere dauert nur wenig länger als eine Bestellung im konventionellen Möbelhandel - und soll bis zu 70 Prozent günstiger sein. Nach eigenen Angaben hat Myfab, das in Deutschland vor knapp zwei Jahren an den Start ging, hier 145.000 Produkte an 75.000 Kunden verkauft.

Allerdings hatte das Unternehmen die Probleme der Logistik unterschätzt - auf Facebook häuften sich Kommentare erboster Kunden, die über nicht eingehaltene Lieferzeiten klagten. Nachdem der französische Investor PPR vor einem Jahr bei Myfab einstieg, gab es einen neuen Chef: Setbon wurde von Gilles Villautreix abgelöst. "Ich komme aus der Industrie, und ich glaube daran, dass Erfolg aus zwei Komponenten besteht", erläutert der, "zum einen das Konzept, und darin war Myfab schon immer genial. Zum anderen die Ausführung. An der hat es gehapert. Deshalb wurde ich eingestellt, um das Boot wieder in das richtige Fahrwasser zu bringen: Logistik, Website, Organisation."

Ganz ohne Haptik geht es nicht

Im September will Myfab einen Relaunch starten - und den Kunden noch mehr Mitspracherecht darüber geben, was produziert werden soll, und direktes Feedback auf der Seite selbst ermöglichen. Jeden Monat schlägt das Unternehmen den Kunden sechs neue Produkte vor. "Ich bin jedes Mal überrascht", gibt Villautreix zu,"bei der Abstimmung geht immer eines klar als Sieger hervor, mit 70 Prozent der Stimmen. Es verteilt sich niemals gleichmäßig." Die Handelsmargen von Myfab, sagt Villautreix, lägen niedrig: "Die anderen wollen 40 Prozent, wir arbeiten mit 25."

Vom Myfab-Konzept des in den Vordergrund gestellten Votings und der reinen On-demand-Fertigung ist Fashion for Home mittlerweile abgerückt. "Myfab war einer der ersten auf dem Gebiet des Online-Möbelhandels, ist aber nicht mehr wirklich visibel", behauptet Appelhoff. Sein Unternehmen hat eine ständige Kollektion aufgebaut, die er als Marke etablieren will - zunehmend auch im Geschäftskundenbereich.

Das ist auch das Ziel von Burkhard Gersch, der sich die Geschäftsführung des ebenfalls seit knapp zwei Jahren aktiven Onlineanbieters Avandeo mit seinem Bruder Ulrich und Brigitte Wittekind teilt. Avandeo versucht, das ursprüngliche Myfab-Konzept als eigene Idee zu vermarkten: Vom Voting über den 10-Prozent-Rabatt für Kunden, die den Siegerentwurf favorisierten, bis hin zu festen Bestellfristen ist das Konzept zum Verwechseln ähnlich. Die Eigenständigkeit des Designs ist allerdings groß.

"Im ersten Geschäftsjahr hatten wir einen siebenstelligen Umsatz, wir wollen achtstellig werden", vermeldet Gersch. Auch er glaubt, dass der Verdrängungswettkampf der Onliner noch auf sich warten lassen wird: "Wir haben alle ein Riesenwachstumspotential. Onlinehandel ist kein Modell, das den Offlinemarkt komplett revolutioniert. Aber es wird definitiv keine Nische bleiben."

Dass es ganz ohne Haptik auch als Internetanbieter nicht geht, ist auch den Onlinern klar. Avandeo betreibt einen Showroom in München, der allerdings nur sonntags für jeweils sechs Stunden geöffnet ist. Und Fashion for Home, das einen Showroom in Berlin hat, ist derzeit auf Tournee: Appelhoff stellt die Bestseller seiner Firma auf einer "PopUp-Tour" in deutschen Großstädten vor, zu der die Kunden der jeweiligen Region eingeladen werden - derzeit in Frankfurt am Main (bis 23. Juli). Das Unternehmen preist die Wohnzimmer-Tour als "außergewöhnliche Idee": Erstmals würden die Fashion for Home-Möbel "der breiten Öffentlichkeit zum Anfassen" präsentiert. Möbel zum Anfassen - das ist nicht wirklich eine revolutionäre Idee.

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