Beluga-Reeder Niels Stolberg Schwer verhoben

Fünfzehn Jahre dauerte der Aufstieg des Kapitäns Niels Stolberg zu einem der erfolgreichsten Reeder der Welt. Sein Abstieg dauerte keine sieben Monate. Sein Absturz keine sechs Wochen. Eine Rückblende.
Von Kristian Klooß
Dem Gründer der Bremer Beluga-Reederei, Niels Stolberg, wird schwerer Betrug vorgeworfen

Dem Gründer der Bremer Beluga-Reederei, Niels Stolberg, wird schwerer Betrug vorgeworfen

Foto: Axel Martens/ dpa

Bremen - Das Tempo des Niedergangs der einst größten Schwergutreederei der Welt raubt manchem Beobachter den Atem. Es dauerte nur Wochen, bis die Reederei erst ihre Führung, dann fast alle Frachter verlor, Wochen, in denen die Reederei unter Vorwürfen, nach Fehleinschätzungen und finanzieller Schieflagen in der Pleite versank. Mehr als 20 Tochterfirmen zog sie bislang mit sich. Viele dieser Töchter sind nicht nur mit der Beluga-Reederei eng verknüpft, sondern auch und vor allem mit dem einst gefeierten und vielfach ausgezeichneten Gründer des Unternehmens.

Niels Stolberg wuchs an der Elbmündung im gut 13.000 Einwohner zählenden Brunsbüttel auf. Bekannt ist der Ort für das Atomkraftwerk, gegen das der heute 50-Jährige als junger Mann protestierte. Bekannt ist Brunsbüttel aber auch für seine Häfen: den Elbehafen, einen Tiefwasserhafen für die ganz großen Pötte, und den nur bei Hochwasser befahrbaren Seglerhafen, wo der Sohn eines Lotsen früh zu seiner Berufung fand: der Seefahrt.

Auch nach dem Abitur im Jahre 1980 blieb Stolberg seiner Leidenschaft treu. Er fuhr als Offiziersbewerber zur See, wurde schließlich Offiziersassistent und gehörte bis 1982 zum letzten Ausbildungsjahrgang der Bremer Schwergutreederei "Hansa". Ab 1985 studierte er dann Nautik in Elsfleth an der Weser. Dort ließ er sich zum Diplom-Wirtschaftsingenieur für Seeverkehr ausbilden. Er war gerade 24 Jahre alt, als er sowohl den Abschluss als auch das große Kapitänspatent in der Tasche hatte.

Doch als Kapitän zur See fuhr Stolberg nur kurz. Denn an Land, das merkte er bald, konnte er mehr bewegen. Er heuerte bei der Bremer Reederei Bruno Bischoff an, für die er die Befrachtungsabteilung aufbaute. Vier Jahre arbeitet Stolberg dort. Doch dann zog es ihn erneut weiter. Er wollte lieber auf eigene Rechnung arbeiten.

So gründete er 1995 gemeinsam mit einem ehemaligen Kollegen einen sogenannten Cargo Operator, eine Frachtvermittlung. Ihr Name: Beluga Shipping GmbH. Ihr geschäftsführender Gesellschafter: Niels Stolberg. Damals residierte er noch in einer Zweizimmerwohnung auf dem Bremer Teerhof, einer Weserhalbinsel in der Nähe des heutigen Firmensitzes.

Der Name der Firma wird zum Programm

Der Belugawal als Namenspatron, das passt, dachte sich Stolberg damals. Die weißen Belugawale werden bis sechs Meter lang und bis zu einer Tonne schwer. Ihre auffällig breiten Schwanzflossen wurden zum Logo des Unternehmens. Belugas gelten als gesellige und soziale Tiere. Sie leben in Familienverbänden oder kleinen Gruppen. Dieses Verhalten nahm sich der Familienmensch und heutige Vater von drei Töchtern schon damals zum Vorbild. Das Kommunikationsverhalten der Weißwale, das Brummen und Quieken, auch das gefiel dem Unternehmer lange. Walfänger beschrieben die Belugas einst als die Kanarienvögel der Meere.

Das "Handelsblatt" beschrieb Stolberg 2007 als "Vielseitig verspielt", "Der Ehrgeizige" titelte 2008 die "Wirtschaftswoche". Und 2009 führte der Unternehmer die staunenden Reporter der "Bild" höchstselbst durch die neue, 12.000 Quadratmeter große Firmenzentrale. Denn auch der mitten in Bremen an der Weser gelegene eckige, dunkel geklinkerkte Bau war stets ein Statement aus Stein und Glas: Trotz seiner Wucht scheint das Gebäude zu schweben. Ein gläserner Konferenzraum, der im Foyer unter der Decke hängt, eine gläserne Pianobar, die im siebten Stock über dem Dach der Beluga-Zentrale und über den Dächern der Hansestadt thront.

Von dort erblickten Gäste und Freunde des Beluga-Chefs auf der anderen Flussseite den Zweckbau der einst in Bremen gegründeten und heute in der Schweiz ansässigen Großspedition Kühne + Nagel, sahen den Fluss hinauf die entfernten Flutlichter des Weser-Stadions, den Fluss hinab das weiße Hochhaus des Lebensmittelkonzerns Kraft Foods, der sich vor Jahren die Bremer Kaffeemarke Jacobs einverleibt hatte, blickte ein paar hundert Meter weiter auf das schwarze Hochhaus des Inbev-Konzerns, zu dem heute die Bremer Biermarke Beck's gehört.

Aufstieg: Der Erfolg gab Stolberg recht

Der Aufstieg, der Niels Stolberg den Titel eines Weltmarktführers einbringen sollte, vollzog sich zunächst langsam. Anfangs borgte er sich privates Geld, nahm zudem Kredite bei Banken auf, um sich schließlich 1997 sein erstes Schiff leisten zu können. 1998 folgten vier weitere. Der Unternehmer setzte auf das, was er besonders gut konnte: den Schwerguttransport. Ein Markt, der Mitte der 90er kaum noch etwas einzubringen schien. Denn die Containerschiffe hatten die alten Schwergutfrachter nahezu verdrängt - doch eben nicht ganz.

Beluga verdiente bald gut damit, alles um die Welt zu transportieren, was für Container zu groß, zu schwer und zu sperrig war: ob Maschinen für Großbaustellen, Anlagen zur Erdölförderung oder Windradflügel. Stolberg spezialisierte sich, ließ Schwergutfrachter nach seinen Plänen für eben jene Güter konstruieren.

Und der Erfolg gab ihm recht. 2005, zehn Jahre nach der Gründung der Beluga Shipping GmbH, fuhren bereits knapp 40 Schiffe für die Reederei. Der Umsatz lag nach Unternehmensangaben bei 105 Millionen Euro.

Unternehmertum und Mäzenatentum, Privates und Geschäftliches, ließen sich im Falle Stolbergs schon damals kaum mehr trennen. Dass Beluga nicht nur als "Weltmarktführer", sondern auch als "Deutschlands größte Ausbildungsreederei" anerkannt wurde, darauf legte er wert. Rund vier Millionen Euro steckte das Unternehmen allein 2008 in die Förderung des Nachwuchses. In die Beluga Sea Academy, die auf sechs Ausbildungsschiffen Jahr für Jahr mehr als hundert Kadetten ausbildete. 80.000 Euro im Monat flossen allein in das Beluga College, in dem zuletzt 42 Oberstufenschüler unter anderem in Chinesisch und Jura unterrichtet worden sind. Vier Stiftungsprofessuren finanzierte Beluga, ein maritimes Kompetenzzentrum in Elsfleth sollte bald hinzukommen.

Beim SV Werder Bremen saß der Reeder im Aufsichtsrat

Ein Herz für Kinder zeigte Stolberg als Botschafter des Bremer Kinderhospizes Jona. Auch für den Bremer Martins-Club, der Menschen mit Behinderungen Arbeit, Ausbildung und ein Dach über dem Kopf bietet, zeigte er Flagge.

Zu den medienwirksamsten Projekten gehört indes die Beluga School for Life. Sie liegt im Ort Na Nai im Süden Thailands. Dort leben rund 150 Waisenkinder, deren Familien beim Tsunami im Jahr 2004 ertranken. Im November 2008 besuchte Willi Lemke die Schule. Der einstige Manager des SV Werder Bremen und spätere Bildungssenator in Bremen war einige Monate zuvor zum Sonderberater des UN-Generalsekretärs für Sport im Dienste von Frieden und Entwicklung ernannt worden. In Na Nai weihte er einen Fußballplatz ein. Die Beluga School for Life bezeichnete er als "das beste Projekt, das ich bisher gesehen habe". Für die Kinder hatte Lemke auch einen Fußball im Gepäck. Ein Geschenk des SV Werder. "Direkt aus der Werder-Kabine", sagte Lemke damals.

Werder und Stolberg, das ist eine eigene Geschichte: Die Beluga-Frachter sind jedem Fan des Fußballklubs ein Begriff. Denn in jedem Heimspiel fuhren sie bislang über die Videowände des Weser-Stadions. Mehrere Millionen Euro im Jahr war der Reederei das Sponsoring des Klubs wert. Ein Schiff der Reederei trägt den Namen des Vereins. Dieser dankte es dem Mäzen 2008 mit einem Posten im Aufsichtsrat.

Auch als Geschäftsmann erhielt Stolberg nun mehr und mehr Anerkennung. 2006 wurde er zum Bremer Unternehmer des Jahres gewählt. Im selben Jahr ernannten ihn die Wirtschaftsprüfer von Ernst & Young zu einem der Entrepreneure des Jahres. 2007 legte der Entrepreneur den Grundstein für die neue Firmenzentrale. 2008, im letzten Jahr vor der Wirtschaftskrise, fuhr Beluga nach eigenen Angaben mit 61 Frachtern 410 Millionen Euro Umsatz ein, bei einem Gewinn von 70 Millionen Euro. Es war das Jahr, in dem ihm der Ritterschlag durch die Bremer Reeder und Kaufleute gegeben wurde. Stolberg durfte am Bremer Schaffermahl teilnehmen, ein Festessen, an dem eine erlesene Auswahl von Reedern und Kaufleuten seit 1545 Jahr für Jahr gemeinsam dinieren.

Höhepunkt: SkySails und Nordostpassage prägen den Ruf als Querdenker

Seinen Ruf als Innovator und Querdenker versuchte Stolberg in dieser Zeit durch immer außergewöhnlichere Taten zu festigen. 2008 ließ er einen Zugdrachen vor eines seiner Schwergutschiffe, die "Beluga SkySails", spannen. So sparte das Schiff bei seiner Atlantiküberfahrt nach Venezuela rund ein Fünftel des sonst benötigten Schiffdiesels ein, rechnete er später vor.

Und selbst im ersten Jahr der weltweiten Schifffahrtskrise schien Stolberg seine Erfolge fortzuschreiben. 2009 durchquerten die zwei Beluga-Frachter "Fraternity" und "Foresight" als weltweit erste die nördlich von Sibirien verlaufende rund 6500 Kilometer lange Nordostpassage von der Bering-Straße bis zur Ostsee. Gegenüber der traditionellen Route durch Suez-Kanal und Mittelmeer sparte die Reederei gut 5000 Kilometer ein. Und während andere Reedereien für das Geschäftsjahr rotsahen, vermeldet Beluga einen Umsatz von 415 Millionen und einen Gewinn von 20 Millionen Euro.

Doch spätestens hier scheint aus heutiger Sicht bereits manches beim damaligen Weltmarktführer aus dem Ruder gelaufen zu sein.

So versprach die Reederei stets vergleichsweise hohe Charterraten für die Eigner ihrer Schiffe. Solange die Geschäfte rund liefen, funktionierte dies. Als aber im Zuge der Wirtschaftskrise die Nachfrage nach Kraftwerksbauten und Ölraffinerien sank, sah es anders aus. Stolberg musste die Schiffseigner vertrösten, kürzte die Raten, versprach dafür aber im kommenden Jahr eine Verdoppelung.

Oaktrees Anteil stieg und stieg

Gleichzeitig trieb er den Ausbau seiner Flotte voran. Er ließ neue, bessere Schiffsanstriche entwerfen, plante neue, speziellere Schiffstypen, wollte neue, vielversprechende Märkte erobern. Zahlreiche Frachter gab er trotz Krise in Auftrag. Darunter einen 110 Meter langer Kabelleger, der später für die RWE den Offshore-Windpark "Riffgat" vor Borkum mit einem bis zu 50 Kilometer langen Unterwasserkabel mit dem Stromnetz an Land verbinden sollte.

Doch um diese Pläne zu finanzieren, reichten die Mittel längst nicht mehr. Für Stolberg kein Grund zu verzagen. Auch hier zeigte er sich offen für Neues. Schließlich hatte schon im März 2010 das Management des US-amerikanischen Finanzinvestors Oaktree Capital Management vorgefühlt und Interesse an einer Beteiligung an der Bremer Reederei gezeigt. Im Sommer verkündete Stolberg den Deal. Erstmals würde sich ein Investmentfonds an einer deutschen Reederei beteiligten - ein weiterer Coup stolbergschen Querdenkens?

Im Gegenteil: Laut Stolberg hatte Oaktree zunächst einen dreistelligen Millionenbetrag für ein Viertel der Gesellschafteranteile gezahlt. Ein zwischenzeitlich notwendig gewordener Überbrückungskredit erhöhte die Summe noch. Nach Recherchen des Bremer "Weser Kuriers" stellt Oaktree der Reederei bis Ende Oktober insgesamt 175 Millionen Euro zur Verfügung. Im Gegenzug erhielten die Amerikaner 37,5 Prozent der Unternehmensanteile.

Weitere Finanzspritzen folgten. Anfang 2011 lag der Oaktree-Anteil an Beluga schon bei 49,5 Prozent. Auch ein weiterer Investor, die Schawei-Holding der Brauerei-Familie Schadeberg, die unter anderem Krombacher braut, saß inzwischen mit 2,1 Prozent Anteil im Boot.

Abstieg: Markteinbruch, Piraterie und Überschwemmungen

Der konjunkturelle Markteinbruch, die Kosten der Piraterie vor Somalia und der Transportausfall ins vom Hochwasser heimgesuchte Australien trafen Beluga zusätzlich. Ende Januar, in einem seiner letzten Interviews als Beluga-Geschäftsführer, schätzte Stolberg die so entstandenen Einbußen auf bis zu 60 Millionen Euro.

Danach ging alles sehr schnell. Mitte Februar stellte Oaktree beim Bundeskartellamt einen Antrag, die Mehrheit an Beluga übernehmen zu dürfen. Am 1. März wurde der Beluga-Chef seitens Oaktree mit Betrugsvorwürfen konfrontiert. Am 2. März legte Stolberg sein Aufsichtsratsamt beim SV Werder Bremen nieder, während der US-Investor die Bremer Staatsanwaltschaft über die Betrugsvorwürfe informierte. Am 3. März gab Oaktree die Beurlaubung des Unternehmensgründers und fünf weiterer leitender Angestellter bekannt.

Neuer Chef wurde der Oaktree-Manager Roger Iliffe. Die Lage verbessert haben er und sein Team indes nichts. Der Grund: Die Amerikaner forderten die Schiffseigner auf, für drei Monate auf die ihnen vertraglich zustehenden Zahlungen zu verzichten. Woraufhin sich die Betroffenen, darunter die Bremer Landesbank, die Commerzbank, die Nord/LB und die HSH Nordbank sowie Emissionshäuser wie HCI, Oltmann, Ownership und Bluewater dafür entschieden, die Verträge zu kündigen. Die meisten Schiffe fahren heute zu niedrigeren Raten für die einstige Beluga-Konkurrenz, darunter die Reedereien Briese aus Leer und Hammonia aus Hamburg. Von einst 72 Schwergutfrachtern blieben Beluga schließlich noch 17.

Am 16. März stellte Oaktree angesichts der gescheiterten Verhandlungen Insolvenzantrag. Seither folgt Pleite um Pleite innerhalb des Beluga-Firmengeflechts, das aus weit über hundert Unternehmen besteht. So traf es neben der für das operative Geschäft zuständigen Beluga Shipping GmbH bald auch die für das Kerngeschäft der Befrachtung zuständige Beluga Chartering GmbH. Für die Beluga School for Life sucht Willi Lemke derzeit neue Geldgeber. Mit der Pleite der Beluga Sports GmbH müssen sich unter anderem die Fußballer des SV Werder Bremen und die Handballerinnen des VfL Oldenburg einen neuen Hauptsponsor suchen. Die Beluga College GmbH hinterlässt 18 arbeitslose Lehrer und Verwaltungsangestellte, während 42 Schüler künftig an anderen Schulen unterrichtet werden müssen.

Ein Hotel mit Namen "Spiekerooger Leidenschaft"

Auch das Künstlerhaus auf Spiekeroog ist inzwischen insolvent. Mit ihm machte sich Stolberg einst die Bewohner der Nordseeinsel gewogen. Nachdem er sich auf dem autofreien, rund 750 Einwohner zählenden Eiland einst ein Haus gekauft, dann ein größeres Haus auf der Insel gebaut hatte. Dazu ein paar Ferienwohnungen. Später dann ein Hotel mit Namen "Spiekerooger Leidenschaft".

Die Inselbewohner waren über das Schaffen des zugezogenen Millionärs stets uneins. Die einen befürchteten, Stolberg trage zu einer Syltisierung der kleinen Nordseeinsel bei. Die anderen waren dem Hobbymaler dankbar dafür, dass er ihnen 2007 ihr Künstlerhaus errichtete, samt Schmuckwerkstätten, Malerateliers und Tanzsaal.

Seither verbringt Stolberg mit seiner Familie so gut wie jedes Wochenende auf Spiekeroog. Von seinem Wohnhaus oder vom Strand aus, durch ein gewaltiges Teleobjektiv blinzelnd, sieht er gern - wie einst in seiner Jugend - den gigantischen Containerschiffen zu, wenn sie durch die Fahrrinnen der Jade, Weser oder Elbe in die Welt fahren.

Die ruhigen Tage auf Spiekeroog sind allerdings gezählt. Vergangene Woche meldete Stolberg beim Auricher Amtsgericht Privatinsolvenz an, um vor allem Oaktree zumindest eine Zeit lang den Zugriff auf sein Vermögen zu verwähren. Und dann könnte sich auch noch die Bremer Staatsanwaltschaft melden. Denn eine Anklage gegen den Unternehmer wegen Betrugs scheint nur noch eine Frage der Zeit zu sein.