Verstrahlte Schiffe Hafenbetreiber rüsten sich für das Restrisiko

Rund 300 Containerschiffe aus Japan treffen pro Jahr im Hamburger Hafen ein. Jetzt sollen Beamte mit Geigerzählern und umfangreichen Kontrollen  verhindern, dass ein strahlenbelastetes Schiff wie im chinesischen Hafen Xiamen einfährt. Auch die deutschen Reeder sind auf Abstand bedacht.
Von Kristian Klooß
Das Containerschiff "MOL Majesty" am Mittwoch im Hamburger Hafen. Es ist das erste Schiff aus Japan, dass nach der Reaktorkatastrophe einen deutschen Hafen erreicht. Schiffe und das Wasser in den Tanks werden auf erhöhte Strahlung überprüft

Das Containerschiff "MOL Majesty" am Mittwoch im Hamburger Hafen. Es ist das erste Schiff aus Japan, dass nach der Reaktorkatastrophe einen deutschen Hafen erreicht. Schiffe und das Wasser in den Tanks werden auf erhöhte Strahlung überprüft

Foto: DPA

Hamburg - Im japanischen Fukushima nimmt die Reaktorkatastrophe ihren Lauf. Was als Betriebsstörung begann, entwickelte sich zu einer Reaktorhavarie und dann zu einer Kraftwerkskatastrophe unfassbarer Wucht. Schließlich hat die japanische Regierung den Unfall auf Stufe 7 der so genannten Ines-Skala heraufgesetzt - so hoch wurde bislang nur die Katastrophe von Tschernobyl eingestuft. Die Entscheidung fiel am Dienstagmorgen in Tokio.

Dort hatte vier Wochen zuvor die "MOL Majesty" den Hafen verlassen - als erstes Containerschiff, das sich nach Erdbeben und Tsunami in Richtung Hamburg aufmachte. In der Nacht zum Mittwoch ist der gut 300 Meter lange Containergigant nun die Elbmündung hinauf in den Hamburger Hafen eingelaufen.

Doch von Angst, die Radioaktivität könnte über die Weltmeere nach Deutschland gelangen, ist bei den Hamburger Hafenbehörden bis hin zu den Bundesministerien nichts zu spüren. Lange ließ sich das Bundesumweltministerium Zeit, einen Strahlungsgrenzwert festzulegen. Diese Woche hat es entschieden: 4 Becquerel pro Quadratzentimeter beträgt der empfohlene Wert für eine maximale Oberflächenkontamination von Schiffen und Fracht aus Japan.

Eine Kontamination von 4 Becquerel pro Quadratzentimeter führt zu Strahlendosen, die deutlich unter dem international empfohlenen niedrigsten Referenzwert für Notfälle von 1 Millisievert im Jahr liegen. Die jährliche effektive Dosis der natürlichen Strahlenexposition beträgt bei durchschnittlichen Bedingungen in Deutschland 2,1 Millisievert oder rund 0,1 Mikrosievert in der Stunde.

Zwischenstopps in Hongkong, Singapur, Southampton und Rotterdam

Mit Blick auf das mit rund 25 Knoten herannahende Containerschiff "MOL Majesty" drei norddeutsche Bundesländer indes schon vor der Ankündigung des Bundesumweltministeriums erste Fakten geschaffen. "In einer Telefonkonferenz haben sich Bremen, Niedersachsen und Hamburg auf ein einheitliches Vorgehen geeinigt", sagte Hamburgs Innensenator Michael Neumann am Dienstag auf einer Pressekonferenz im Hamburger Rathaus, die Stunden vor dem Eintreffen des Schiffs anberaumt worden war. Neumann war einerseits bemüht, den anwesenden Medienvertretern Tatenkraft zu zeigen.

Andererseits wurde er nicht müde zu betonen, für wie unwahrscheinlich er es hält, dass ein kontaminiertes Schiffs im Hamburger Hafen eintrifft.

Für die Sichtweise des Hamburger Innensenators spricht vieles: Denn kein Containerschiff aus Japan steuert den Hamburger Hafen direkt an. Auf ihren Liniendiensten laufen die mit tausenden Containern beladenen Ozeanriesen zuvor in sechs bis neun anderen großen Häfen ein - darunter zum Beispiel Hongkong, Singapur, Southampton, Le Havre oder Rotterdam. Schon dort werden die Schiffe bereits auf Strahlung hin überprüft.

Rund 300 Containerschiffe aus Japan treffen so, nach zahlreichen Zwischenstopps, jährlich in Hamburg ein. In den kommenden Wochen rechnen die Hafenbehörden mit rund sechs Schiffen pro Woche. Insgesamt werden im Hamburger Hafen jährlich gut 10.000 Containerschiffe gelöscht.

Bei 0,2 Mikrosievert in der Stunde schrillen die Alarmglocken

In Bremerhaven, dort ist der zweitgrößte deutsche Containerhafen angesiedelt, liegt die Zahl der aus Japan einlaufenden Schiffe deutlich niedriger. Denn die Bremerhavener sind in keinem ihrer Liniendienste mit Japan verbunden. Nach Angaben eines Sprechers des Bremer Hafensenators werden im April nur drei Containerschiffe aus Japan in Bremerhaven festmachen. Das erste von ihnen wird voraussichtlich an diesem Freitag die "Carsten Maersk" sein, ein 347 Meter langer Frachter, der den japanischen Hafen Yokohama am 15. März verlassen hat.

In Empfang genommen wird die "Carsten Maersk" von Strahlenspezialisten der Landesmessstelle für Radioaktivität an der Universität Bremen. In Hamburg übernimmt ein Spezialteam der Hamburger Wasserschutzpolizei die Strahlenprüfung. Trotz Prüfungen in anderen Häfen und geringer Wahrscheinlichkeit einer Kontamination haben sich die drei norddeutschen Bundesländer auf einen gemeinsamen Prüfungsleitfaden geeinigt. Dieser legt fest, wie künftig, im Fall der Fälle, mit Frachtern aus dem japanischen Katastrophengebiet umgegangen werden soll.

Missverständnisse bei den Kontrollen

So müssen Schiffe ab sofort 24 Stunden vor Einlauf in einen deutschen Hafen mitteilen, ob sie zuvor in Tokio und Yokohama angelegt oder das Seegebiet um Fukushima durchfahren haben. Ebenso müssen Schiffe einer zentralen deutschen Kontaktstelle in Cuxhaven unter anderem mitteilen, ob sie vor Japan Seewasser in ihre Ballasttanks aufgenommen haben und wo bereits Strahlenmessungen oder Strahlenschutzmaßnahmen durchgeführt worden sind.

Wie unübersichtlich und unausgegoren der Umgang mit solchen Messungen und Maßnahmen bislang noch gehandhabt wird, zeigt allerdings der Blick auf die "MOL Majesty". Die Rotterdamer Hafenbehörden hatten nach Angaben des Hamburger Innensenators auf eine nähere Strahlenuntersuchung verzichtet, weil das Schiff die japanischen Gewässer vor der ersten Explosion im Kernkraftwerk Fukushima verlassen hatte.

MOL-Deutschland-Geschäftsführer Jan Holst hatte Medien gegenüber hingegen erklärt, dass Kontrolleure mit einem Hubschrauber an Bord geflogen worden seien. Bei den Messungen auf radioaktive Strahlung habe es keine Auffälligkeiten gegeben, weshalb das Schiff in den Rotterdamer Hafen einlaufen durfte.

Ein Flug von Frankfurt nach New York ist strahlenintensiver

In Hamburg wurde die MOL Majesty nun nochmals von den Polizeibeamten der Hamburger Wasserschutzpolizei auf eine mögliche Kontamination hin überprüft. Hätten die Prüfwerte mehr als 0,2 Mikrosievert in der Stunde ergeben, wäre dem Containerschiff die Fahrt die Elbe herauf zunächst verwährt worden. Denn 0,2 Mikrosievert entsprechen jenem Prüfwert, der laut Beschluss der Bundesländer künftig Alarm bei deutschen Reedern und Terminalbetreibern auslösen wird.

"Dieser Prüfwert ist ungefähr doppelt so hoch wie die gewöhnliche Hintergrundstrahlung, die wir zum Beispiel in Hamburg messen würden", sagt Annette Wagner, Fachreferentin Gesundheit und Umwelt der Hamburger Behörde für Soziales und Gesundheit. "Alleine ein Flug von Frankfurt nach New York bringt demgegenüber insgesamt rund 50 Mikrosievert an Mehrbelastung mit sich."

Sollte nun der Fall eintreten, dass mindestens 0,2 Mikrosievert an der Außenhaut des Schiffes, den Gangways oder den Containeroberflächen gemessen werden, würden zunächst weitere Messungen durchgeführt und gegebenenfalls eine Reinigung des Schiffes durch Fachfirmen in Auftrag gegeben. Ein Szenario, das Wagner allerdings für sehr unwahrscheinlich hält.

Chinesen schickten Schiff zurück nach Japan

Trotz der verheerenden Schäden, die das Erdbeben und der Tsunami im Nordosten Japans angerichtet haben, ist der weltweite Seehandel mit Japan im Übrigen kaum eingeschränkt. Zwar sind ein halbes Dutzend Häfen während der Naturkatastrophe schwer beschädigt worden, und es wird nach Angaben der japanischen Behörden wohl Monate dauern, bis die nordöstlichen Häfen Hachinohe, Sendai, Ishinomaki und Onahama wieder angefahren werden können. Doch schon Japans neuntgrößter Containerhafen Kashima könnte innerhalb einiger Wochen wieder angelaufen werden.

Kurz nach der Naturkatastrophe hatten einige große Reedereien, darunter beispielsweise die Hamburger Reederei Hapag-Lloyd die Häfen in Tokio, Yokohama und Nagoya nicht mehr angesteuert. Auch ein Schiff der Reederei Hamburg Süd, die "Cap Isabel", steuerte aufgrund der Naturkatastrophe kurzfristig Südkorea an statt Tokio.

Inzwischen werden aber auch diese Häfen wieder regelmäßig angelaufen. Die von Fukushima weit entfernten Häfen wie Osaka und Kobe wurden ohnehin ununterbrochen nach den gewohnten Fahrplänen bedient. Die Schäden für die japanische Maritimwirtschaft, die im vergangenen Jahr noch gut eine Billion Euro zum Bruttoinlandsprodukt beitrug, dürften sich zumindest in dieser Hinsicht in Grenzen halten.

Doch Vorsicht bleibt geboten. "In den großen japanischen Containerhäfen gibt es zur Zeit keinerlei bedenkliche Messwerte", sagt Max Johns, Sprecher des Verbands Deutscher Reeder. Dennoch entschieden die Reedereien individuell, mit welchen Schiffen sie in welche Häfen fahren.

"Der 100-Kilometer-Umfang um das Kraftwerk ist weit gelegt", sagt Johns. Der Sicherheitsabstand zur See sei größer als jener an Land. "Und es gibt niemanden, der ein Interesse haben könnte, näher an das Kernkraftwerk heranzufahren."

Dies dürfte erst Recht gelten, seit Ende März ein Schiff der Großreederei MOL, die "MOL Presence", die Folgen einer Kontamination zu spüren bekam. Der knapp 300 Meter lange Frachter war rund 120 Kilometer vor Fukushima durch die Seegewässer Japans gefahren. Als das Schiff den chinesischen Hafen Xiamen ansteuerte, kam ein chinesisches Strahlenprüfteam an Board. Zur Überraschung der Crew schlugen die Geigerzähler der Chinesen aus, woraufhin diese das Schiff unter Quarantäne stellten und dorthin zurückschickten, wo es herkam - nach Japan.

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