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Elternwirtschaft: Das Geschäft mit den Müttern

Elternwirtschaft Das Geschäft mit den Müttern

Kleidchen von Moschino Kids mit Spitze, Schulranzen von Eastpak, der Kinderwagen von Bugaboo: Für die lieben Kleinen ist vielen Müttern nichts zu teuer. Das Geschäft mit den Müttern brummt für viele Konsumgüterhersteller. Auch andere Branchen wollen vom Boom profitieren.
Von Nicole Wildberger

Düsseldorf - Die Kleine in Düsseldorfs Edelcafé sieht aus wie ein Darsteller in einem alten Stummfilm. Sie trägt das Comedie Dress von Junior Gaultier, ein Kleidchen, das eher zu den Diven der Roaring Twenties gepasst hätte. Brav trinkt sie ihre Schokolade und hört auf Mamas Ratschläge, ja nicht mit der Milch aufs kostbare Tuch zu kleckern.

Auf Nachfrage erzählt die Mutter stolz, dass sie das Kleid im Internet gekauft habe, im US-amerikanischen Onlineshop "Peach and Plum", der sich auf Designerklamotten für Kinder spezialisiert hat. Unter dem Motto "Kids Fashion for a Stylish Mom" verkaufen die Amerikaner exklusive Markenkleidung für Kinder rund um den Globus.

In dem Shop finden sich alle großen Namen der Modebranche. Und Peach and Plum ist kein Einzelfall.

Wer bei Google  nach Designerkleidung für Kinder sucht, erhält allein im deutschsprachigen Raum 35.000 Treffer, meistens Onlineshops, die entsprechende Bekleidung anbieten. Ob Baby-Dior, Junior Gaultier, Little Marc Jacobs oder Dolce & Gabbana Junior: Jeder Designer, der etwas auf sich hält, hat heute eigene Baby- und Kinderkollektionen.

Szenen wie die im Düsseldorfer Caféhaus kommen auch ohne Beteiligung von Prominenten aus, die ihren Nachwuchs regelmäßig in den Boulevardblättern oder Fernsehsendern weltweit zur Schau stellen. Während einerseits die Regenbogenfamilien der Reichen und Schönen die Schlagzeilen beherrschen, berichtet die Presse andererseits immer wieder über die wachsende Armut von Hartz-IV-Empfängern und hier insbesondere von Kindern, die manchmal keine warme Mahlzeit am Tag bekommen.

Jenseits dieses Zwiespalts gibt es offenbar einen wachsenden Markt, der sich nur in inoffiziellen Zahlen darstellen lässt, weil kaum jemand offiziell darüber sprechen will: den Konsummarkt rund ums Kind.

Das Aufmerksamkeitssyndrom heizt den Markt an

Stefano Sorice, Unternehmensberater aus Düsseldorf, der die Textilbranche seit 30 Jahren kennt, spricht von einem psychologischen "Aufmerksamkeitssyndrom": "85 Prozent der Mütter decken ihren Bedarf im Kaufhaus, circa 10 Prozent kaufen in höherpreisigen Geschäften - und bei den 5 Prozent, die scheinbar schon alles haben, sind Kinder oftmals der letzte Schrei, für die viel Geld ausgegeben wird."

Nicht nur die Bekleidungsindustrie profitiert vom Geldregen - alles rund ums Kind wird gern und teuer gekauft, wenn es sich die Eltern leisten können. Das fängt bereits in der Wiege an mit rosa Schlafanzügen von Baby Dior mit passender Haube für zusammen knapp 300 Euro und setzt sich über den Luxuskinderwagen - beispielsweise der Firma Bugaboo - fort, bis zur Einschulung mit Schulranzen der Marken 4you oder Eastpak, die in der Lederausführung ab 180 Euro zu haben sind.

Die passenden Schuhe für die ersten Schultage müssen für die stylische Mum mit dem ebenso stylischen Nachwuchs von der Marke Chucks oder Ugg-Boots sein, das Paar für 220 Euro. Alles in allem können da schnell mehrere Tausend Euro zusammenkommen.

Vielleicht erklärt sich der Markenwahn der Mütter, die es sich leisten können, vor allem aus der Tatsache, dass Kinder in Deutschland immer seltener werden. Denn die demografischen Daten sprechen eine eindeutige Sprache.

So hat das statistische Bundesamt am 13. Januar 2011 einen Blick ins Deutschland des Jahres 2060 geworfen - und ausgerechnet, dass die Bevölkerung auf 65 Millionen Einwohner schrumpfen könnte. Ende 2010 lebten nach Schätzungen aus Wiesbaden rund 81,7 Millionen Menschen in Deutschland, 100.000 weniger als noch ein Jahr zuvor.

"Die deutsche Angst vorm Kinderkriegen"

Neben der Auswanderung ist vor allem der ausbleibende Babyboom ein Grund für diese Entwicklung. Die Statistiker gehen bei ihren vorläufigen Berechnungen von 665.000 bis 680.000 Geburten im vergangenen Jahr aus. Das wären maximal 2,2 Prozent oder 15.000 mehr als im Jahr 2009. Möglicherweise sind es aber auch nur genauso viele wie 2009, als mit 665.000 Geburten ein Rekordtief erreicht worden war.

Der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Klaus Zimmermann, schlug im vergangenen Jahr angesichts der demografischen Entwicklung für die Wirtschaft jedenfalls Alarm: "Eine unausgewogene Altersstruktur und eine deutliche Bevölkerungsschrumpfung wird den Fachkräftemangel verstärken", warnt der Ökonom.

Das liegt vielleicht auch daran, dass Kinderkriegen nach Meinung von Müttern heute nicht mehr selbstverständlich ist. So lautet jedenfalls das Fazit einer Studie namens "Die deutsche Angst vorm Kinderkriegen", die das Institut für qualitative Markt- und Medienanalyse Rheingold aus Köln im Auftrag des Kinderbreiherstellers Milupa im November 2010 in Berlin vorgestellt hat.

Was selten ist, wird teuer und begehrt

Vielleicht erklärt gerade dieser Raritätenstatus den Kult ums Kind: Was selten ist, wird teuer und begehrt. Angesichts von Geburtsraten, die seit 30 Jahren immer tiefer in den Keller sinken, wird zumindest um einen Teil der wenigen Kinder immer mehr Aufhebens gemacht - und davon profitieren nicht nur die Konsumgüterhersteller, die die Kids direkt ausstatten, sondern auch benachbarte Branchen wie die Automobilhersteller.

Beispiel Geländewagen: Noch vor 20 Jahren gab es nur selten allradgetriebene Fahrzeuge in Deutschlands Straßenverkehr, am Steuer saßen vor allem Förster und Jäger, also Menschen, die wirklich abseits befestigter Straßen unterwegs waren. Entsprechend dünn war das Angebot, geländegängige Modelle hatten vor allem die Klassiker wie Land Rover oder Jeep im Angebot.

Heute ist das alles ganz anders: Das Kraftfahrtbundesamt listet unter der Rubrik "Geländewagen" mehrere eng beschriebene Seiten. Von Audi  über BMW  bis Volkswagen  sind alle namhaften deutschen Hersteller vertreten, Gleiches gilt für die europäische und japanische Konkurrenz. Heute cruisen auch Mütter mit ihren Kids mit den aufgemotzten Benzinschluckern über die geteerten Straßen deutscher Städte - den Golden Retriever als Jagdhund neben dem Baby im Fonds. Dann ist das schöne Image wenigstens komplett.

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