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Gütersloh glüht

Bertelsmann-Stiftung: Etliche Führungswechsel haben die Belegschaft zermürbt. Die Stimmung ist mies.
Von Klaus Boldt
aus manager magazin 1/2003

Nirgendwo sonst in der Unternehmenswelt triumphiert das Gute so oft, nirgends wird mit so ernst gemeinter Betroffenheit über "Partnerschaft" und "Verantwortung" und "soziales Miteinander" räsoniert und debattiert und schwadroniert wie in der Bertelsmann-Stiftung - sieht man einmal ab von einem Allgäuer Pfadfindertreffen zu Ostern.

Doch wie alle Idyllen, so trügt auch die in Gütersloh. Die Stimmung in Deutschlands größter Unternehmensstiftung ist mies. Ausgerechnet dort, wo man über Führung theoretisch alles weiß, hat man von ihr praktisch keine Ahnung.

In einer internen Befragung verliehen die Beschäftigten ihrem Frust prozentualen Ausdruck: Für zwei Drittel der 300 Mitarbeiter hat sich das Betriebsklima "verschlechtert". Motivation? Stark nachlassend.

Die Ergebnisse klingen wie die Auftakte zu Tschaikowskys 1812-Ouvertüre, Kanonendonner inklusive.

Für Unruhe sorgt nicht nur der aktuelle Umbau der Stiftung: Abläufe sollen gestrafft, Fachbereiche aufgelöst, die Zahl der Projekte soll verringert werden. Verschärft wird die Lage dadurch, dass es personell mal wieder erstaunlich zugeht: Stiftungschef Gunter Thielen (60) rückte im August ab und übernahm den Vorstandsvorsitz der Bertelsmann AG; im Oktober ging der nächste Anstaltsleiter in Stellung: Heribert Meffert (65), emeritierter Professor aus Münster, ein Gelehrter, den man unwidersprochen als "Marketingpapst" bezeichnen darf. Meffert ist der fünfte Frontmann in vier Jahren. "Dass da Unruhe entsteht", meint er, "ist normal."

Die Mitarbeiter der Bertelsmann-Stiftung, die ständig das sinnleere Motto "Kontinuität durch Wandel" predigt, zögen derzeit eine Kontinuität durch Stillstand eindeutig vor. Über 60 Prozent beurteilen den Stiftungsumbau "negativ" oder "sehr negativ"; auch an der Sicherheit des Arbeitsplatzes wachsen die Zweifel.

"Subjektive Wahrnehmung und objektive Situation klaffen auseinander", sagt Meffert. Entlassungen seien nicht geplant; allerdings würden nicht alle Verträge verlängert.

Von Anhängern gerühmt, von Untergebenen indes beklagt wird Mefferts große Rastlosigkeit: Der renommierte Professor sitzt bei Kaufhof, Henkel und BASF Coatings im Aufsichtsrat; er ist Vorstand der Wissenschaftlichen Gesellschaft für Marketing und Unternehmensführung. Und verkehrt noch sporadisch an der Uni Münster. Nur vier Tage pro Woche operiert der Mann in Gütersloh, gebraucht wird er an mindestens fünf.

Der Eindruck der Abwesenheit wird dadurch verstärkt, dass Meffert - anders als seine Vorgänger - das Haus nicht aus dem Effeff kennt.

Auch drei Monate nach seinem Amtsantritt wirkt er auf viele wie ein Fremder. Ihm fehle, grübelt einer, "die natürliche Autorität".

Es sind Kleinigkeiten, an denen sich der Missmut entzündet: Etwa wenn Meffert, kaum im Dienst, eine verdiente Ex-Vorstands-

sekretärin entlässt oder wenn er einen Assistenten aus Münster engagiert statt einen der hungrigen Hochbegabten vor Ort.

Vor allem aber bildet der Neue noch kein Gegengewicht zu den Präsidiumsmitgliedern Liz Mohn (61) und Gerd Schulte-Hillen (62), beide ausgerüstet, ja schwer bewaffnet mit einem natürlichen Drang zur Macht.

"Ich habe nicht das Gefühl, dass ich führungsschwach bin", meldet Meffert. Doch Gefühle reichen der Belegschaft nicht: Sie erwartet vollen Einsatz, erst recht gegenüber Liz Mohn.

Die Gattin des Stifters Reinhard Mohn (81) verfügt intern über einen geradezu ungerecht schlechten Ruf. Die Grande Dame gilt als rauswurffreudig und unberechenbar; sie verletze die Führungsgrundsätze ihres Mannes - entweder, weil sie die nicht kenne, oder gar in bester Absicht, was viele nicht weniger verwirrt.

Schulte-Hillen wiederum, Aufsichtsratschef der Bertelsmann AG, verfügt über wachsenden Anhang in der Stiftung. Der bullige Leidenschaftsmanager hat stets eine Meinung parat, egal wozu, und die Lust, sie zu äußern. Schwärmer schwärmen: "Den hätten wir gern als Chef."

Haben sie aber nicht. Sondern Meffert. Und der sagt: "Ich habe die Zügel in der Hand." Und er fügt hinzu: "Die Stimmung hat sich deutlich gebessert." Allerdings gibt es für diese These keinen Beleg. Klaus Boldt

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Stiften gegangen

Die am 14. März 1977 von Reinhard Mohn gegründete Bertelsmann-Stiftung arbeitet an rund 180 politischen, sozialen und kulturellen Projekten. Künftig will sie sich auf die Bereiche Bildung, Arbeitsmarkt, Gesundheitswesen, Gesellschaft und internationale

Zusammenarbeit

konzentrieren.

Der Stiftungsetat (laufendes Geschäftsjahr: 65 Millionen Euro) speist sich aus Dividenden der Bertelsmann AG.

Vorgänger des heutigen Stiftungsvorsitzenden Heribert Meffert waren Reinhard Mohn (1977 bis 1998 und 2000 bis 2001) sowie die Bertelsmann-Vorstände Mark Wössner (1998 bis 2000) und Gunter Thielen (2001 bis 2002).

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