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"Große Lebenslüge"

Strompreise: Der Hamburger Industriemanager Werner Marnette über die Fehler der deutschen Energiepolitik.
aus manager magazin 7/2004

mm* Herr Marnette, die Bundesregierung will den Anteil regenerativer Energien an der Stromerzeugung langfristig auf 20 Prozent steigern, die Windkraft weiter ausbauen. Freuen Sie sich schon auf das prima Klima?

Marnette Ein Witz ist das. Für mich sind solche Pläne ein weiterer Beleg für die völlig verfehlte Energiepolitik der letzten Jahre. Die Folgen sind klar: Die Stromkosten werden weiter in die Höhe getrieben.

mm Wie das? Windstrom wird immer billiger.

Marnette Die Bundesregierung will der Bevölkerung weismachen, dass man mit Windenergie dieses Land versorgen kann. Das geht vielleicht auf Lanzarote, wo der Wind 3000 Stunden im Jahr bläst, aber nicht in Deutschland. Trotzdem sind wir Weltmeister der Windkraftanlagen, haben 14 000 Megawatt installiert. Aber fast in gleichem Maße müssen wir Back-up-Kraftwerke zu jeder Zeit bereithalten.

mm Zu welchem Zweck?

Marnette Die müssen bei Flaute rauf- und anschließend wieder runtergefahren werden, damit der Verbraucher permanent Strom bekommt. Das ist nicht nur teuer, sondern auch noch schädlich für das Klima. Wir zahlen also doppelt: Subventionen für die Windkraft und Betriebskosten für die Reserveenergie. Von wegen prima Klima - das ist eine große Lebenslüge. Die deutsche Energiepolitik ist zum Risikofaktor für den Wirtschaftsstandort geworden.

mm Sie übertreiben, es geht um ein paar Cent mehr oder weniger pro Kilowattstunde Strom.

Marnette Ein paar Cent - mir kommen die Tränen, wenn ich so etwas höre. Wir verbrauchen jedes Jahr eine Milliarde Kilowattstunden Strom und noch einmal 600 Millionen Kilowattstunden Gas. Bei uns ist Energie nach den Löhnen der größte Kostenblock. Wir zahlen dafür rund 50 Millionen Euro pro Jahr. Und es wird jedes Jahr teurer.

mm Hat die Liberalisierung des deutschen Strommarktes nichts gebracht?

Marnette Zu Beginn schon. Aber jetzt stecken die Altmonopolisten wieder neu ihre Claims ab. Das Strom-Oligopol behindert den Wettbewerb, weil die Konkurrenten, die Kunden im Versorgungsgebiet des Oligopols beliefern wollen, unverschämt hohe Durchleitungsgebühren zahlen müssen. In Deutschland kostet zum Beispiel die Nutzung des 10-Kilovolt-Netzes mehr als 2,5 Cent pro Kilowattstunde. Das ist EU-Spitze. Die Industriestrompreise liegen heute rund 20 Prozent höher als vor der Liberalisierung.

mm Nicht die Firmen profitieren, sondern der Staat kassiert den größten Teil des Strompreises.

Marnette Die Stromerzeuger reichen die höheren Kosten durch Einspeisevergütung für Windkraft oder Stromsteuern an die Verbraucher weiter, als eine Art Inkassounternehmen des Staates. Die Folgen für die energieintensive Industrie, zu der wir gehören, sind fatal.

mm Sie sind doch gut dran. Sie beziehen Ihren Strombilliger aus dem Ausland.

Marnette Das stimmt. Wir kaufen Strom vom belgischen Energiekonzern Electrabel.

mm Wie viel Stromkosten sparen Sie durch den Anbieterwechsel?

Marnette Zwei bis drei Millionen Euro im Jahr. Das ist immerhin ein Anfang, reicht aber nicht. Wir wollen deshalb demnächst mit Electrabel einen Letter of Intent unterzeichnen. Mit zwei Optionen: Entweder bauen die im Hamburger Hafen für uns und andere Industrieunternehmen ein neues Kraftwerk oder eine Stichleitung an das große, kostengünstigere Übertragungsnetz mit 380 Kilovolt. Für diese Pläne brauchen wir allerdings den Hamburger Senat als Konzessionsgeber und Genehmigungsbehörde.

mm Spielt der Senat mit?

Marnette Im September gibt es ein Spitzengespräch. Ich glaube, dass das Treffen in unserem Sinne verlaufen wird. Den Politikern flattern die Hosen. Sie befürchten, dass die heimische energieintensive Industrie die Flucht aus Deutschland antritt. Die Aluminiumhersteller sind schon kurz davor. Die können ihr Produkt schließlich überall auf der Welt produzieren.

mm VW prüft, Autoteile künftig im Golfstaat Abu Dhabi zu fertigen, weil die Energie dort so billig sei. Bauen Sie Ihr nächstes Kupferwerk in Bahrein oder Kuwait?

Marnette Wir können unsere Produktion nicht so einfach verlagern. Deshalb sind wir ja Gefangene der nationalen Energiepolitik. Aber wir werden uns jetzt die Bundestagsabgeordneten an unseren deutschen Standorten vorknöpfen. Dann sollen sie mal vor Ort unseren Beschäftigten erklären, wie sie die energiepolitischen Weichen in den nächsten Jahren stellen wollen.

mm Rechnen Sie mit Einsicht?

Marnette Man soll die Hoffnung nie aufgeben, dass sich am Ende die Vernunft durchsetzt. Ich kämpfe jedenfalls weiter. u

FOTOS: MICHAEL KAPPELER/DDP, CHRISTA KUJAT

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Watt-Führer

Kraftprobe: Den Titel "Napoleon der Branche" hat sich Werner Marnette verdient. Der 58-jährige Chef der Norddeutschen Affinerie AG, Europas größter Kupferhütte, sucht oft den Konflikt, zum Beispiel mit der nationalen Energielobby. Der Hamburger bündelt den Zorn der energieintensiven Industrie über steigende Strompreise und mangelnden Wettbewerb der Anbieter.

Kraftwerk: Um unabhängiger vom deutschen Strom-Oligopol zu werden, prüft Marnette den Bau eines Kraftwerks im Hamburger Hafen, gemeinsam mit Belgiens Energiekonzern Electrabel.

*Das Interview führte mm-Redakteur Dietmar Student.

FOTOS: MICHAEL KAPPELER/DDP, CHRISTA KUJAT*Das Interview führte mm-Redakteur Dietmar Student.

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