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Goodbye, Boom

Lange Zeit schien Amerikas Wirtschaft immun gegen Krisen. Nun mehren sich die Zeichen für einen empfindlichen konjunkturellen Rückschlag.
aus manager magazin 8/1998

Seit 89 Monaten wächst Amerikas Wirtschaft ununterbrochen - fast so lange wie im Boom der 80er Jahre. Setzt sich der Trend fort, könnte sogar die Bestmarke aus den Sechzigern gebrochen werden; damals ging es mit der US-Wirtschaft 106 Monate bergauf.

Daß es so weit reicht, schien US- Ökonomen bis vor kurzem nahezu sicher. Nun allerdings kommen Zweifel auf. Die Asien-Krise trifft Amerika härter als Europa. Und dies könnte der Expansion einen empfindlichen Dämpfer versetzen.

Bis dato scheint der Aufschwung noch solide (siehe Graphiken rechts). Die Unternehmen haben ihre Investitionen seit der Krise 1991 um gut die Hälfte ausgeweitet. Die Arbeitslosenquote fiel unter 5 Prozent. Zugleich blieb die Inflation gedämpft; 1997 sank sie trotz Hochkonjunktur sogar rapide unter die 2-Prozent-Marke.

Mancher US-Publizist schwärmte bereits von der "new economy" - einer neuen Wirtschaft, die gänzlich krisen- und inflationsfrei wächst: Hochtechnologie fördere dauerhaft das Wachstum, so die Verheißung; die Globalisierung sorge derweil für härteren Wettbewerb und stabile Preise.

Solche Versprechungen klingen seit einigen Wochen allerdings deutlich leiser. Und dies aus gutem Grund:

w Asiens Krise dämpft die Nachfrage nach US-Produkten; der Anteil der Region an den Exporten liegt für die USA mit 30 Prozent weit höher als für die EU (unter 10 Prozent);

w der Dollarhöhenflug verteuert zunehmend amerikanische Waren im Ausland; im Jahresschnitt 1998 dürfte der gewichtete Außenwert des Greenback um ein Viertel höher liegen als 1995 (siehe Graphik Seite 11 unten);

w steigende Löhne belasten die Konkurrenzfähigkeit; die Lohnstückkosten liegen um 12 Prozent höher als 1993; in Deutschland sind sie seitdem um 2 Prozent gefallen.

Der Elektronikkonzern Motorola registrierte im zweiten Quartal erstmals seit 13 Jahren rote Zahlen. Wegen der Asien-Krise fährt Boeing die Produktion der Typen 747 und 777 um ein Drittel zurück. Bei General Motors kommt hinzu, daß die Mitarbeiter über Wochen gestreikt haben.

Erstmals seit 1995 schrumpft in Amerikas Industrie seit einigen Monaten wieder die Zahl der Beschäftigten. Allein bei Motorola sollen 15 000 Jobs wegfallen. Ein Trend, der sich in der Wirtschaft weiter ausbreiten könnte.

Die konjunkturellen Frühindikatoren signalisieren Stagnation. Jüngste Umfragen bei US-Einkaufsmanagern ergaben, daß nur noch die Hälfte mit einer sich bessernden Wirtschaftslage rechnt (sieheGraphik rechts).

Noch muß daraus nicht zwingend eine Rezession folgen. Die US-Bürger entwickeln derzeit ungeahnte Konsumfreuden - und stützen dadurch das Wachstum. Für Optimisten hat der Asien-Dämpfer sogar etwas Gutes. Nach mehr als sieben Jahren Wachstum, so die Hoffnung, ließe sich dadurch verhindern, daß die Konjunktur heißläuft. Der Aufschwung könnte sich in mäßigerem Tempo fortsetzen.

Ein wenig schwingt bei solchen Szenarien allerdings das Prinzip Hoffnung mit. Notenbank-Chef Alan Green- span macht für das anhaltende Hoch einen mysteriösen Faktor X aus. Nach dem vermeintlich trügerischen Motto: Was gut läuft, wird weiter gutgehen.

Ein Rückblick auf ähnliche Situationen gibt Anlaß zur Vorsicht. Auch am Ende der Boomphasen in den 60er und 80er Jahren schien in den USA das Verschwinden des Konjunkturzyklus ausgemachte Sache. Und stets folgte kurz darauf die nächste Krise.

Ob es diesmal anders kommt, ist fraglich. Die Logik vom Auf und Ab der Wirtschaft sei im Grunde nach wie vor intakt, zweifelt Olivier Blanchard, Ökonom am MIT in Cambridge, an der "New economy"-These.

Zwar haben sich die Unternehmen saniert. Die Inflationsgefahr scheint dank globaler Konkurrenz nicht mehr so groß wie früher. Beide Phänomene könnten in schwierigeren Zeiten allerdings wieder an Wirkung verlieren.

Amerika lebt über seine Verhältnisse

Nach wie vor wächst die Produktivität in den USA langsamer als in Europa. Dies schränkt das Potential für dauerhafte Wohlstandsgewinne ein. Das hohe Defizit in der Leistungsbilanz läßt überdies vermuten, daß Amerika seit geraumer Zeit über seine Verhältnisse lebt. Die Sparquote der US-Haushalte fiel zuletzt auf Rekordtief.

Alan Greenspan hat mit einer geschickten Geldpolitik bislang einiges dazu beitragen können, Wachstum und stabile Preise zu vereinbaren. Nur: Ohne glückliche äußere Umstände wäre die Bilanz der Geldhüter zuletzt weit weniger glorreich ausgefallen.

Vorübergehend gedämpft wurde der Preisdruck durch fallende Importpreise infolge von Dollaraufwertung und Rohstoffkrise; die Rohölpreise sind seit 1996 von 23 auf 12 Dollar gesunken. Hinzu kam ein ungewöhnlicher Preissturz bei Computern (um 25 Prozent pro Jahr); ohne ihn wären die Preise in der Gesamtwirtschaft zuletzt um 3 statt um 1,5 Prozent gestiegen.

Schließlich wurde der Anstieg der Gesundheitskosten zuletzt durch die Ausweitung des privaten "Managed care"-Systems gebremst.

Diese Sondereffekte werden bald auslaufen. Die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich warnte angesichts des hohen US-Außenhandelsdefizits jüngst sogar vor der Gefahr eines kräftigen Dollarsturzes.

Je labiler Amerikas Aufschwung wird, desto bedrohlicher schwebt so manches konjunkturelle Risiko über der US-Wirtschaft. Seit Jahresbeginn steigt die Inflation erneut leicht. Hielte der Trend an, müßte die Notenbank ihren verhaltenen Kurs in Kürze aufgeben und die Zinsen wieder anheben.

Eine Korrektur auf den Aktienmärkten gilt vielen als überfällig, dies könnte die Konsumlust der Amerikaner rasch trüben; immerhin machen Vermögenseinkünfte mittlerweile ein gut Teil der US-Einkommen aus.

Schließlich werden die Kapazitäten der Betriebe derzeit bei einem Auslastungsgrad von 81 Prozent eher mittelmäßig genutzt. Bleiben weitere Aufträge aus, könnte sich ein Teil des jüngsten Investitionsbooms als Fehlkalkulation und manche Fabrik als völlig überdimensioniert herausstellen.

Einiges wird in den kommenden Monaten vom Geschick der Dollarhüter abhängen. Mit einem vorsichtigen Zinskurs ließe sich im Zweifel vermeiden, daß die Konjunktur allzu hart landet. Daran wird auch Bill Clinton gelegen sein. Immerhin stehen Ende 2000 erneut Präsidentschaftswahlen an.

Der Grat ist allerdings schmal. Bliebe die US-Wirtschaft im Abwärtssog, würde die Arbeitslosigkeit rasch wieder steigen. Dies ist die Kehrseite von höherer Flexibilität und lockerem Kündigungsrecht. Die klassische Abschwungspirale käme dann schnell in Gang.

Nach sieben ungetrübten Jahren hat Amerika den Zenit seines Aufschwungs womöglich überschritten. "Der Tag der Abrechnung naht", warnt US-Ökonom Paul Krugman mit Blick auf die derzeit noch "rosigen Zahlen".

Ob der Schwung noch ausreicht, die Rekordmarke der 60er Jahre zu erreichen, ist fraglich. Der Faktor X allein wird es jedenfalls kaum mehr richten können.

[Grafiktext]

USA: Bruttoinlandsprodukt, Investitionen, Beschäftigung Geschäftsaussichten, Dollar-Außenwert, Handelsbilanz

[GrafiktextEnde]

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