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Goldene Jahre

Interview: US-Börsenguru Ralph Acampora über gefallene Technologie-Stars, das Comeback der Old Economy und den nächsten Boom auf den Aktienmärkten.
aus manager magazin 9/2001

mm* Technologiekonzerne überbieten sich mit Gewinnwarnungen und Entlassungsplänen. Stehen die Zeichen auf Baisse?

Acampora Nein, im Gegenteil. Dieser Megamarkt ist noch nicht zu Ende. Wir haben noch goldene Jahre vor uns.

mm Das sagen Sie jetzt, wo viele ihre Aktien verkaufen?

Acampora Gerade die Deutschen sollten die fundamentalen Gründe doch am besten kennen. Als vor über zehn Jahren in Berlin die Mauer fiel, wurden die Militärbudgets heruntergefahren. Das Geld, das wir vorher für gigantische Armeen ausgegeben haben, fließt seither zurück in die Privatwirtschaft. Das war der Auslöser des Booms.

mm Spielt das heute überhaupt noch eine Rolle?

Acampora Natürlich, die Demilitarisierung ist weiter eine der großen Antriebskräfte der Börse. Präsident Bush hat angekündigt, noch einmal so viele große Militärstützpunkte zu schließen wie sein Vorgänger Bill Clinton. Das Geld wird vom Verteidigungshaushalt auf Industrie- und Dienstleistungsunternehmen umgeleitet. Unsere Wirtschaft wird leistungsfähiger, die Gewinne steigen. So profitieren wir noch viele lange Jahre vom Ende des Kalten Krieges.

mm Woher nehmen Sie diesen Optimismus? Der Kursverfall lässt doch das Gegenteil erwarten.

Acampora Was wir jetzt sehen, ist ein Abschwung, der typisch ist für einen lang anhaltenden Bullenmarkt. Es wird immer wieder Einbrüche geben, bevor die Börsen neue Höchststände erreichen. Das ist völlig normal. Seit 1995 haben sich beispielsweise die Kurse der Halbleiter-Unternehmen zwei Mal halbiert, und sie haben sich wieder erholt. Auch jetzt spricht nichts gegen ein Comeback. mm Ein Minus von 60 Prozent bei den Hightech-Papieren ist doch alles andere als eine harmlose Zwischenepisode.

Acampora Sicher, wir haben einen brutalen Absturz hinter uns. Aber nur weil an der Nasdaq die Kurse fallen, werden doch weder Technologie- noch Telekommunikationsindustrie von der Bildfläche verschwinden. Cisco, der weltweit größte Internet-Ausrüster, macht doch seine Labors nicht dicht, nur weil der Kurs von 82 auf 18 Euro fällt.

mm Der Crash hat Cisco immerhin drastische Gewinneinbrüche und Massenentlassungen beschert.

Acampora Solche Phasen sind nicht ungewöhnlich. Cisco gehört zu den Starken, die überleben werden. Wir sind mitten in einem schmerzhaften Ausleseprozess. Aber der ist nötig, um mit den spekulativen Exzessen aufzuräumen. Schauen Sie sich EMC an, den weltweit führenden Anbieter von Internet-Speichersystemen. Die Aktie hat mal 123 Euro gekostet, steht jetzt bei etwas mehr als 20 und kann schlimmstenfalls bis auf vier Euro fallen. Aber spätestens dann ist die Aktie so niedrig bewertet, dass sich der Einstieg wieder lohnt.

mm Viele Firmen werden den drastischen Verfall ihrer Kurse nicht überleben.

Acampora Es ist doch nicht entscheidend, wenn einzelne Online-Shops oder E-Business-Plattformen verschwinden. Wichtig ist: Die Technologie überlebt.

mm Nur verdient keiner Geld damit.

Acampora Warten Sie doch erst einmal ab. Während des Booms haben Dotcom-Unternehmen wie der Online-Spielzeugladen E-Toys oder der Internet-Lebensmittelhändler Webvan riesige Summen für Kommunikations- und IT-Komponenten ausgegeben. Cisco und EMC waren deshalb in der Lage, bessere Produkte zu entwickeln. Jetzt sind E-Toys und Webvan pleite, aber die Produkte von EMC und Cisco werden von Old-Economy-Unternehmen gekauft. Das Internet wird in den kommenden Jahren die Abläufe in Industrie- und Dienstleistung so radikal verändern wie kaum eine andere Technologie zuvor. Das gilt auch weiterhin.

mm Das erinnert an den Börsenkrach von 1929. Auch da herrschte an der Wall Street ein unerschütterlicher Fortschrittsglaube - die Kurse brachen trotzdem ein.

Acampora Zwischen 1929 und heute gibt es aber einen gewaltigen Unterschied. Damals schmierte der komplette Aktienmarkt ab. Autos, Eisenbahnen, Ölkonzerne - einfach alles. Heute sind nur Technologie- und Telekomwerte abgestürzt. Der Rest des Marktes ist in einem guten Zustand. Die Mehrzahl der Aktien an der New Yorker Börse steigt - das ist keine Baisse, wir stehen am Anfang eines neuen Aufschwungs.

mm Warum steigen dann weder die Nasdaq noch der S&P 500?

Acampora Beide Börsenbarometer werden von Technologieunternehmen dominiert. In der Spitze kamen 35 Prozent der Marktkapitalisierung des S&P 500 aus der Technologieindustrie. Wenn so ein wichtiger Sektor einbricht, leidet automatisch auch der Index. Das wird sich die nächsten sechs bis acht Monate auch nicht ändern. Jedes Hightech-Unternehmen, ganz gleich ob Telekomausrüster, Internet-Firma oder Chiphersteller - alle passen ihre Kapazitäten an, entlassen Leute, strukturieren um.

mm Wo ist das Geld, das aus den Techno-Papieren abgeflossen ist?

Acampora Der Großteil steckt in Geldmarktfonds. Aber ein Teil ist im Aktienmarkt geblieben. An der New Yorker Börse haben in den vergangenen Wochen vor allem kleine und mittlere Unternehmen zugelegt. Gewonnen haben ganz traditionelle Branchen, Bauunternehmen, Entsorgungsfirmen, Eisenbahnkonzerne. Genau das stimmt mich optimistisch. Es gibt keine panikartige Flucht, die Anleger bleiben an der Börse und orientieren sich neu.

mm Aber in diesen Papieren steckt doch bestenfalls ein kleiner Teil des Kapitals, das aus der New Economy geflohen ist.

Acampora Was erwarten Sie denn von Leuten, die jahrelang mit Technologiepapieren gutes Geld verdient haben? Die kaufen doch keine Aktien von Hotelketten oder Schuhfabriken. Das ist nicht sexy. Wer jetzt an der Börse Erfolg haben will, muss aber genau das tun.

mm Wie müssen sich Anleger in den kommenden Monaten verhalten?

Acampora Die Auswahl wird aufwändiger und komplizierter. Wir werden uns wieder daran gewöhnen müssen, Bilanzen zu lesen und auf Kennzahlen zu achten. Niemand hat beispielsweise in den vergangenen Jahren auf Aktien mit hohen Dividenden geschaut. Genau das sind jetzt die interessantesten Werte.

mm In welche Richtung bewegt sich die US-Börse in den kommenden zehn Jahren?

Acampora Der Dow Jones kann sich noch einmal verdoppeln und würde dann bei etwa 22 000 Punkten stehen. Das ist wenig im Vergleich zu den Steigerungsraten der 90er Jahre. Die Börsensieger werden aber weder die Blue-Chip-Unternehmen noch die Technologiekonzerne sein, aus denen sich der Dow Jones zusammensetzt. Richtig Geld verdienen werden die Anleger mit den unzähligen kleinen und mittleren, gut gemanagten und hochprofitablen Unternehmen aus der Old Economy. u

* Das Interview führte mm-Redakteur Dietmar Palan. ** Campus Verlag, 268 Seiten, 68 Mark.

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Persönlich

Karriere: Ralph Acampora (60) heuerte nach seinem Geschichtsstudium und dem Besuch eines Priesterseminars Mitte der 60er Jahre beim US-Brokerhaus Prudential Securities an. Heute leitet er dort den Bereich der technischen Aktienanalyse.

Erfolge: Mit seinen Prognosen hat Acampora häufig Recht behalten. In seinem Anfang September auf Deutsch erscheinenden Buch** "Der vierte Mega Markt" sagt er neue Kursrekorde voraus.

* Das Interview führte mm-Redakteur Dietmar Palan. ** CampusVerlag, 268 Seiten, 68 Mark.

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