Gerhard Schröder in der Kritik Lieber Aufsichtsrat bei Rosneft als bei Herrenknecht

Nach der Kritik an seiner Nähe zu Putin hat Ex-Kanzler Schröder einen Sitz im Aufsichtsrat niedergelegt - allerdings nicht bei Rosneft oder Nord Stream, sondern beim deutschen Maschinenbauer Herrenknecht. Und auch auf sportlicher Ebene wird es einsam um den 77-Jährigen Ex-Kanzler.
Kennen sich seit Jahren: Gerhard Schröder (l.) kam 2017 in den Aufsichtsrat des Unternehmens von Martin Herrenknecht - wegen seiner Nähe zu Putin verlässt Schröder das Gremium jetzt

Kennen sich seit Jahren: Gerhard Schröder (l.) kam 2017 in den Aufsichtsrat des Unternehmens von Martin Herrenknecht - wegen seiner Nähe zu Putin verlässt Schröder das Gremium jetzt

Foto: Uli Deck / dpa

Lieber Aufsichtsratsvorsitzender beim staatlichen russischen Energiekonzern Rosneft als stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender beim bekannten deutschen Tunnelbohrerbauer Herrenknecht mit Sitz in Baden-Württemberg - das sind offenbar die Prioritäten von Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder (77, SPD). Schröder steht wegen seiner Nähe zum russischen Präsidenten Wladimir Putin (69) immer stärker in der Kritik. Die Forderungen, der Altkanzler möge seine Posten in der russischen Wirtschaft aufgeben, werden lauter. Schröder ist nicht nur Aufsichtsratschef bei Rosneft, er hat auch Führungspositionen bei den Pipeline-Projekten Nord Stream und Nord Stream 2 inne.

Am vergangenen Donnerstag hatte Schröder zwar die Regierung in Moskau per Online-Netzwerk LinkedIn aufgefordert, den Krieg in der Ukraine schnellstmöglich zu beenden. Von persönlichen Konsequenzen war aber nicht die Rede. Stattdessen hat der ehemalige SPD-Politiker inzwischen seinen Aufsichtsratssitz beim Tunnelbohrmaschinenbauer Herrenknecht aufgegeben. Schröder habe sein Mandat als stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender niedergelegt, so das Unternehmen. Den Schritt habe er "in einem persönlichen Gespräch und im gegenseitigen Einvernehmen" mit Vorstandschef Martin Herrenknecht (79) erklärt.

Der Abgang steht offensichtlich im Zusammenhang mit Schröders Engagement in Russland. Herrenknecht hatte erst am Montag eine Stellugnahme zum Krieg in der Ukraine veröffentlicht. Darin hieß es: "Martin Herrenknecht (Vorstandsvorsitzender) sowie die Herrenknecht AG stehen voll hinter der Haltung der deutschen Bundesregierung zum russischen Krieg gegen die Ukraine, welcher von Präsident Wladimir Putin ausgeht. Wir tragen als Unternehmen alle dadurch womöglich für Herrenknecht zusätzlichen und relevanten Sanktionsmaßnahmen mit und werden uns an diese selbstverständlich halten, so wie wir das in den zurückliegenden Jahren hinsichtlich bei bereits bestehenden Sanktionen sowie regulatorischen Embargos hinsichtlich Russland oder der annektierten Krim getan haben."

Fußball-Deutschland distanziert sich von Schröder

Um Gerhard Schröder wird es damit recht einsam in seinem Heimatland. Zuvor war bereits bekannt geworden, dass Albrecht Funk, seit mehr als 20 Jahren Büroleiter und Redenschreiber Schröders, seinem Chef den Rücken kehrt. Auch weitere Mitarbeiter des SPD-Politikers gäben ihre Posten auf, berichteten Medien.

Am Mittwoch entzog zudem Fußball-Bundesligist Borussia Dortmund dem Altkanzler die Ehrenmitgliedschaft - ebenfalls in Reaktion auf die bislang fehlende Bereitschaft des 77-Jährigen, als Folge der russischen Invasion in die Ukraine seine Positionen bei russischen Unternehmen niederzulegen. "Über einen entsprechenden und einstimmig getroffenen Präsidiumsbeschluss unterrichtete Vereinspräsident Dr. Reinhard Rauball den Bundeskanzler a.D. am heutigen Vormittag in einem persönlichen Gespräch", teilte der BVB am Mittwoch mit.

Laut "Bild"-Zeitung droht auch Hannover 96 Schröder den Rauswurf an. Und der Deutsche Fußball-Bund forderte Schröder als Ehrenmitglied des Verbands ebenfalls auf, auf die "Funktionen in russischen Staatskonzernen" zu verzichten. "Oder im Fall, dass er dazu nicht bereit ist, seine Ehrenmitgliedschaft im DFB" aufzugeben, wie die beiden DFB-Interimspräsidenten Hans-Joachim Watzke und Rainer Koch schrieben.

Das ist längst nicht alles: Die Heidelberger Sozialdemokraten fordern Schröders Parteiausschluss. SPD-Chef Lars Klingbeil (44) bekräftigte in einer Fraktionssitzung am Vortag die Forderung an Schröder, seine Mandate in russischen Firmen niederzulegen, wie es am Mittwoch aus der Partei hieß. "Die Uhr tickt", sagte Klingbeil. Schröder selbst meldete sich nicht zu Wort - allerdings seine Ehefrau Soyeon Schröder-Kim.

Schröder-Kim äußerte sich am Morgen fast wortgleich zum Angriff Russlands auf die Ukraine wie Schröder vor knapp einer Woche. Viele Menschen hätten sie gefragt, "ob mein Mann nicht mit Herrn Putin über den Krieg in der Ukraine reden könnte", schrieb sie in einem Instagram-Beitrag, der wenige Stunden später nicht mehr aufrufbar war. Sie betonte wie zuvor Schröder in seinem LinkedIn-Beitrag, der Krieg müsse schnellstmöglich beendet werden. "Aber mit Blick auf die Zukunft gilt, dass die verbliebenen politischen, wirtschaftlichen und zivilgesellschaftlichen Verbindungen, die zwischen Deutschland und Russland bestehen, nicht gekappt werden."

CDU-Generalsekretär Mario Czaja hatte bereits am Dienstag das Ende von Schröders Verbindungen zu russischen Unternehmen binnen 48 Stunden verlangt. Auch Niedersachsen Ministerpräsident und SPD-Chef Stephan Weil und Saar-Vizeministerpräsidentin Anke Rehlinger (SPD) hatten Schröder zur Niederlegung seiner Mandate aufgefordert.

Zudem gibt es Bestrebungen der CDU, Schröder die Ehrenbürgerwürde von Hannover zu entziehen. Auch die Universität Göttingen beschäftigt sich mit dem Fall Schröder, der dort Jura studiert hatte und einen Ehrendoktortitel hat. "Dieser Prozess ist aber noch nicht abgeschlossen", teilte die Universität mit. Das Nachrichtenportal "The Pioneer" hatte zuvor berichtet, die Uni prüfe am Mittwoch den Entzug der Ehrendoktorwürde des SPD-Politikers.

cr/dpa-afx
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