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Hugo Boss Geldregen über Metzingen

Bei erfolgreicher Führung kann der neue Chef Claus-Dietrich Lahrs Abermillionen kassieren.
aus manager magazin 6/2008

Wer neuer Chef beim deutschen Edelschneider Boss werden wollte, musste erst einmal Geld mitbringen. Der Boss-Eigner, das Private-Equity-Haus Permira, verlangte von den Kandidaten, sich mit einem substanziellen Eigenbetrag an der Hugo Boss AG zu beteiligen. Damit - so die Hoffnung Permiras - würde sich der neue Chef noch mehr ins Zeug legen.

Claus-Dietrich Lahrs (44), heute noch Chef von Christian Dior Couture, akzeptierte schließlich und engagiert sich mit rund fünf Millionen Euro eigenem Geld bei Boss. Die Verzinsung wird enorm sein - wenn es optimal für ihn läuft. Steigt Permira wie geplant nach vier, fünf Jahren aus, kann er bis zum 20-Fachen des eingesetzten Betrags erzielen - also maximal rund 100 Millionen Euro. Angesichts solcher Summen mutiert sein Jahresgehalt von rund drei Millionen Euro zu einem Nebenverdienst.

Auch den anderen Vorständen und dem erweiterten Führungskreis, insgesamt rund 50 Personen, wurde von Permira ein solches für die Private-Equity-Branche übliches Beteiligungsmodell angeboten.

Voraussetzung für einen späteren Geldregen über Metzingen ist freilich, dass Lahrs und Kollegen extrem ehrgeizige Ergebnisvorgaben erreichen. Martin Weckwerth (40), Permira-Manager und Boss-Aufsichtsrat, sagt über die erwünschte Verzinsung des eingesetzten Kapitals nur: "Wir wollen in den kommenden vier bis fünf Jahren über der durchschnittlichen Börsenrendite liegen." Konkret heißt das aber, die Permira-Leute wollen in diesem Zeitraum ihr investiertes Eigenkapital verdoppeln, nach allen Abzügen, versteht sich.

Erreichen will Permira dieses Ziel mit einer aggressiven Wachstumsstrategie. In einem rund 300 Seiten dicken Lastenheft, das die Bewerber für den Chef- posten in der zweiten Runde vorgelegt bekamen, wird aufgelistet, wie Permira sich die Zukunft vorstellt.

Die Vorgaben sind anspruchsvoll. Während Deutschland weiter mit rund 10 Prozent jährlich wachsen soll, müssen Asien und Amerika doppelt so schnell zulegen. Auch die Segmente Damenmode und Accessoires sollen überproportional wachsen. Und der Umsatzanteil der eigenen Läden soll sich von derzeit 15 auf 30 Prozent verdoppeln.

Auch wenn unter Experten weitgehend Einigkeit besteht, dass Boss genau in diesen Punkten Nachholbedarf hat, so nahm die Drastik der Ziele doch etlichen Bewerbern die Lust an einem neuen Job bei Boss. Einige Kandidaten, darunter gestandene Unternehmenschefs aus Amerika und Asien, sagten ab, weil sie kein eigenes Geld auf ihren Erfolg wetten wollten.

Andere potenzielle Statthalter in Metzingen wiederum bewarben sich erst gar nicht offiziell, weil sie es scheuten, einem Private-Equity-Unternehmen zu dienen. Sie fürchten nicht ohne Grund, dem Großaktionär Permira im nächsten Jahr erneut eine Sonderdividende genehmigen zu müssen und dann verbale Prügel von den Rest-Aktionären, der Belegschaft und der Öffentlichkeit zu beziehen.

Lahrs, der früh der Wunschkandidat von Kapital- und Arbeitnehmerseite war, traut sich die Mammutaufgabe zu, Boss wirklich zu einer Weltmarke zu machen. Fast alle loben den smarten Schlaks aus Bielefeld. Permira-Manager Weckwerth gefällt Lahrs' Vergangenheit: "Er hat extremes Wachstum bei Dior gemanagt." Der mächtige Betriebsratschef Antonio Simina schwärmt: "Der passt zu Boss." Selbst der im Streit mit Permira geschiedene Vorgänger Bruno Sälzer (50) soll Lahrs, den er seit Jahren kennt und beobachtet, als gute Lösung bezeichnet haben.

Lahrs ist seit 1992 im Luxus-Business, erst war er fünf Jahre beim Schweizer Konzern Richemont, dann wechselte er zum Pariser Luxuskonzern Moët Hennessy Louis Vuitton (LVMH). Er hat internationale Erfahrung, lebte in New York und zuletzt in Paris. Und er kennt sich - ganz wichtig für Boss - im Einzelhandelsgeschäft aus, das er bei der LVMH-Tochter Dior vorantrieb.

Keine Frage deshalb: Lahrs wird, wenn er irgendwann im August antritt, der neue starke Mann bei Boss sein. Seine Mitvorstände sind zu schwach, um ihm etwas entgegenzusetzen. Der Vertrag des knöchernen Finanzchefs Joachim Reinhardt (43) läuft Ende März 2009 aus. Es ist zweifelhaft, ob er verlängert wird, denn Reinhardt hielt immer Abstand zu Permira.

Der blasse Einzelhandelsvorstand André Maeder (48) darf wohl weiter-machen, weil man keine weitere Unruhe auf der Führungsebene und in der Belegschaft provozieren will - und Lahrs sich ohnehin vordringlich selbst um das Retail-Geschäft kümmern wird.

Permira und Lahrs wollen das Unternehmen nach dem Hickhack der vergangenen Monate endlich voranbringen. Dabei stören voreilige Kommentatoren, die in Lahrs nur einen Statthalter von LVMH sehen, der eine spätere Übernahme der Hugo Boss AG durch den französischen Weltkonzern vorbereiten soll. Das ist - bislang jedenfalls - nur Tratsch.

Obwohl es so kommen könnte. Denn natürlich macht man sich bei Permira jetzt schon Gedanken über einen möglichen Exit in vier oder fünf Jahren. Aber noch - so sagt Weckwerth - sei alles möglich: ein Verkauf über die Börse, an einen strategischen Investor oder eine andere Private-Equity-Firma.

Die dritte Variante würde man in Metzingen nicht gerade mit Beifall quittieren - zu durchwachsen waren die Erfahrungen der ersten Monate mit Permira. Wolfgang Hirn

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