Sanktionen gegen Russland Warum deutsche Konzerne ein sofortiges Energie-Embargo ablehnen

Nach den schrecklichen Bildern aus der ukrainischen Stadt Butscha steigt der Druck auf die Bundesregierung, Russland mit einem Energie-Embargo zu bestrafen. Die deutsche Industrie spricht sich mehrheitlich gegen einen sofortigen Lieferstopp vor allem von Gas aus. Das sind die Gründe der Konzernchefinnen und -chefs.
Thyssenkrupp-Chefin Martina Merz: "Fällt die Erdgasreserve unter eine bestimmte Schwelle, bedeutet das für Thyssenkrupp und viele andere Unternehmen: abschalten und stilllegen."

Thyssenkrupp-Chefin Martina Merz: "Fällt die Erdgasreserve unter eine bestimmte Schwelle, bedeutet das für Thyssenkrupp und viele andere Unternehmen: abschalten und stilllegen."

Foto: Rolf Vennenbernd/ picture alliance/dpa

Die Bilder gingen am Wochenende um die Welt: Hunderte Leichen liegen teils gefesselt in der ukrainischen Stadt Butscha auf den Straßen und in den Trümmern der Stadt. Angesichts dieser barbarischen Kriegsverbrechen gegen die ukrainische Bevölkerung ist auch die Diskussion um ein sofortiges Energie-Embargo gegen Russland wieder neu entfacht.

Doch Wirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne, 52) und Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD, 63) lehnen einen sofortigen Stopp von Gas-, Öl- und Kohlelieferungen aus Russland weiterhin ab. Zu verheerend seien die wirtschaftlichen Auswirkungen auf Deutschland. Erst Ende des Sommers soll Deutschland bei seinen Kohleimporten unabhängig von Russland sein, Ende des Jahres dann auch unabhängig von russischem Öl. Beim Gas ist die Lage komplizierter, dort könne der Ausstieg wohl frühestens im Sommer 2024 gelingen, heißt es aus dem Bundeswirtschaftsministerium.

Vor allem in der gashungrigen Chemie- und Pharmabranche, aber auch in der Stahl-, Keramik- und Glasindustrie sind die Sorgen vor einem plötzlichen Ausbleiben russischer Energie groß. Die Unternehmen führen im Wesentlichen vier Argumente an, warum sie gegen einen sofortigen Lieferstopp sind.

1. Deutschland stürzt bei einem Energie-Embargo in eine tiefe Rezession

Im vergangenen Jahr bezog Deutschland laut Daten der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe über 50 Prozent des Erdgasbedarfs aus Russland. Inzwischen ist der Anteil russischer Lieferungen zwar gesunken, mit rund 40 Prozent aber immer noch erheblich. Viele Unternehmen befürchten daher einen massiven Wirtschaftseinbruch, sollte die Gasversorgung von heute auf morgen gestoppt werden.

BASF-Chef Martin Brudermüller (60) erklärt, dass viele Firmen bei einem Embargo Insolvenz anmelden müssten, weil sie schlicht nicht mehr produzieren könnten. Die Arbeitslosigkeit würde dadurch rapide ansteigen. "Das könnte die deutsche Volkswirtschaft in ihre schwerste Krise seit Ende des Zweiten Weltkriegs bringen und unseren Wohlstand zerstören", sagte er im Interview mit der "FAZ ". Der Chemiekonzern BASF ist der größte Gasverbraucher Deutschlands.

Auch Evonik-Konzernchef Christian Kullmann (53), der gleichzeitig auch Präsident des Verbandes der chemischen Industrie (VCI) ist, warnte mit deutlichen Worten: "Die deutsche Industrie und besonders die chemische Industrie müssten sich im Fall eines russischen Energie-Embargos auf ein drastisches, auf ein dramatisches Szenario vorbereiten", sagte Kullmann dem Radiosender WDR 5.

Stimmt das? Ökonomen sind sich einig darin, dass ein Energie-Embargo die Bundesrepublik in eine Rezession stürzen würde. Unklar ist hingegen, in welchem Ausmaß die Wirtschaft hierzulande einbrechen würde. Die Wirtschaftsweise Veronika Grimm (50) beispielsweise hält eine solche Maßnahme für vertretbar. "Durch den Lieferstopp würde die deutsche Wirtschaft um 2 bis 6 Prozent schrumpfen, nicht um 20 Prozent wie vielerorts kolportiert werde", sagte sie in der ARD-Sendung "Anne Will". Den Zeitungen des Redaktionsnetzwerks Deutschland erklärte sie: "Wir kämen damit zurecht, wenn Russlands Präsident Wladimir Putin (69) sprichwörtlich den Hahn zudreht." Deutschland sei mit 60 Prozent Staatsschuldenquote in die Pandemie gegangen, jetzt seien es etwa 70 Prozent. "Da ist noch Spielraum."

Auch Forscherinnen und Forscher der Universität Bonn sind in einer Analyse zu dem Ergebnis gekommen, dass die Folgen eines Embargos für die deutsche Volkswirtschaft zwar deutlich, aber handhabbar wären. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) würde laut Studie kurzfristig um 0,5 bis 3 Prozent zurückgehen. "Die Politik unterschätzt, dass sich Industrie und Konsumenten bei höheren Preisen anpassen werden", erklärte Moritz Schularick, Professor an der Universität Bonn, bei der Vorstellung der Analyse. Also etwa auf andere Energiequellen umsteigen oder den Verbrauch reduzieren.

Der Präsident des Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Marcel Fratzscher (51), hingegen warnt vor "dramatischen" wirtschaftlichen Auswirkungen, sollte es zu einem Stopp der gesamten russischen Energielieferungen kommen. In der "Passauer Neuen Presse" verwies er darauf, dass die Wirtschaft die Corona-Krise noch nicht bewältigt habe. "Die deutsche Wirtschaft ist momentan fragil, und daher träfe uns ein solcher Schock nun hart." Auch Michael Hüther, Direktor des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft (IW), befürchtet drastische Auswirkungen. "Wir würden die gesamte Wirtschaftsstruktur lahmlegen und wir würden uns entscheiden, die so wichtige Grundstoffindustrie nicht mehr in Deutschland zu haben."

Ähnlich sehen es auch Deutschlands Privatbanken. "Wenn es zu einem Embargo kommen würde, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass die deutsche Wirtschaft und wahrscheinlich auch die europäische Wirtschaft in eine Rezession verfällt mit langfristigen Folgen", sagte Deutsche-Bank-Chef Christian Sewing (51), der auch Präsident des Bundesverbandes deutscher Banken (BdB) ist.

2. Erhebliche Störungen der Lieferketten

Schon jetzt leidet die Industrie unter den Störungen in den globalen Lieferketten, die durch die Corona-Pandemie und den Krieg in der Ukraine entstanden sind. Wenn nun Vorprodukte aus energieintensiven Branchen wie der chemischen Industrie, der Pharmaindustrie oder der Metallindustrie ausfallen, betrifft das zwangsläufig auch andere Branchen. "Ohne Erdgas aus Russland wäre eine Stahlproduktion zurzeit nicht möglich", erklärte die Wirtschaftsvereinigung Stahl, die deutsche Schwergewichte wie Thyssenkrupp und Salzgitter vertritt. Und Stahl sei der Basiswerkstoff und Ausgangspunkt nahezu aller industriellen Wertschöfpungsketten. "Wenn Stahl als Vorprodukt ausfällt, werden in den Fahrzeugen nicht mehr nur Chips und Kabelbäume fehlen, sondern auch die Lenkstangen", prognostizierte Eon-Chef Leonhard Birnbaum (55) in der "Tagesschau". Auch Autoscheiben könnten nicht mehr geliefert werden – für die Glasindustrie ist Erdgas der wichtigste Energieträger.

3. Russisches Gas kann nicht sofort ersetzt werden

Noch fehlen nach Meinung vieler Unternehmen die Alternativen vor allem zu den russischen Gaslieferungen. Viele Industrien sind derzeit auf eine ständige Energiezufuhr angewiesen. So kann beispielsweise eine Verzinkungsanlage, durch die Stahl vor Korrosion geschützt wird, nicht einfach abgeschaltet werden. Das Zink muss permanent bei einer Mindesttemperatur von 420 Grad Celsius flüssig gehalten werden. Auch bei der Glasherstellung geht es um hohe Temperaturen, die permanent eingehalten werden müssen, damit das Glas nicht erstarrt.

Verflüssigtes Erdgas (Liquefied Natural Gas, LNG), das als eine der Hauptalternativen zu Gas gehandelt wird, muss aus Ländern wie den USA, Katar oder Kanada importiert werden. Wirtschaftsminister Habeck hat mit Katar bereits eine langfristige Energiepartnerschaft abgeschlossen. Doch noch fehlt hierzulande die Infrastruktur, der Bau entsprechender Terminals in Wilhelmshaven, Stade und Brunsbüttel wird noch Jahre dauern. Selbst mit den deutlich schneller aufzubauenden schwimmenden LNG-Terminals wird es voraussichtlich noch bis zum Winter 2023 brauchen, bis das Flüssiggas in großen Mengen importiert werden kann.

Beim Wasserstoff sieht es ähnlich aus, vor allem beim grünen Wasserstoff, der mit erneuerbaren Energien – und damit fossilfrei – aus Wasser entsteht. "Bis Erdgas in der Metallindustrie beispielsweise durch grünen Wasserstoff ersetzt werden kann, dauert es noch bis mindestens 2030", erklärte Hans-Jürgen Kerkhoff (65), Präsident der Wirtschaftsvereinigung Stahl, jüngst dem "Handelsblatt ".

Laut Thyssenkrupp-Chefin Martina Merz (59) ist ein Mindestbezug aus Russland daher in den kommenden Monaten unverzichtbar. "Fällt die Erdgasreserve unter eine bestimmte Schwelle, bedeutet das für Thyssenkrupp und viele andere Unternehmen: abschalten und stilllegen" sagte Merz im Interview mit dem SPIEGEL. Ein Lieferstopp dürfe daher auf keinen Fall von heute auf morgen passieren.

4. Es schadet uns mehr als Wladimir Putin

Wie die Regierungen aus Deutschland, Österreich und Ungarn glauben auch viele Unternehmen, dass Sanktionen kontraproduktiv sind, wenn sie beim Initiator größeren Schaden anrichten als beim anvisierten Ziel. So äußert sich Post-Chef Frank Appel (60) im Interview mit dem Handelsblatt  kritisch dazu, ob ein Embargo wirklich den Krieg in der Ukraine beenden könnte. "Wenn man sich selbst massiv schwächt, wird man nicht gewinnen", sagte Appel. Bei einem Embargo fürchte er einen Zusammenbruch von Teilen unserer Industrie. Damit sei der Ukraine "auch nicht geholfen".

Andere Länder haben einen Einfuhrstopp russischer Energielieferungen derweil schon umgesetzt. So hat der baltische 2,8-Millionen-Einwohner-Staat Litauen bereits am Wochenende seine Gasimporte aus Russland eingestellt. Zuvor hatten sich schon Kanada, Großbritannien, Australien und die USA zu einem Boykott russischer Energie entschlossen. Hier haben die Sanktionen sogar dazu geführt, dass ein russischer Öltanker nach Informationen der "New York Times " mitten auf dem Atlantik umdrehen musste. Der Käufer des russischen Rohöls hat es sich angesichts der Sanktionen offenbar kurzfristig anders überlegt.

mg mit Nachrichtenagenturen